Europa trauert um Frankreichs Altpräsidenten Giscard d'Estaing

Stephanie LOB
·Lesedauer: 3 Min.
Valéry Giscard d'Estaing

Frankreich trauert um einen Erneuerer und Europa um einen Vordenker: Der frühere französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing ist im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben, wie seine Familie mitteilte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und andere EU-Spitzen würdigten den Weggefährten von Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) am Donnerstag als "großen Europäer".

"Mit Valéry Giscard d'Estaing hat Frankreich einen Staatsmann, Deutschland einen Freund und haben wir alle einen großen Europäer verloren", erklärte Merkel. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betonte, die enge Freundschaft des früheren Staatschefs mit Kanzler Schmidt stehe "sinnbildlich für die tiefe Verbundenheit" beider Länder. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte Giscard d'Estaing auf Twitter einen "großen Europäer, der uns weiter inspirieren wird".

Staatschef Macron würdigte den früheren Präsidenten als Vertreter "des Fortschritts und der Freiheit". Er kündigte für Donnerstagabend eine Fernsehansprache zu seinem Tod an. Eine nationale Trauerfeier soll es auf Wunsch der Familie nicht geben, geplant ist eine Beisetzung im engsten Kreis.

"Giscard", wie er in Frankreich kurz genannt wird, galt als "erster moderner Präsident", wie die Zeitung "Le Monde" ihre Titelseite überschrieb. Er leitete in seiner siebenjährigen Amtszeit von 1974 bis 1981 liberale Reformen ein. So legalisierte er die Abtreibung, vereinfachte Scheidungen und senkte das Wahlalter auf 18 Jahre.

In seiner politischen Kommunikation gab sich Giscard d'Estaing als "französischer John F. Kennedy": Er ließ sich mit seiner Familie, auf dem Fußballplatz oder beim Skifahren ablichten - ein Bruch mit seinen Vorgängern Charles de Gaulle und Georges Pompidou.

Wie Macron betonte, legte der Politiker der bürgerlich-liberalen Mitte zudem wichtige europäische und weltpolitische Grundsteine: Zusammen mit Helmut Schmidt konzipierte Giscard d'Estaing in den 1970er Jahren das Europäische Währungssystem EWS und rief die spätere G7-Gruppe der führenden Industrieländer ins Leben.

Eine besondere Verbindung zu Deutschland hatte Giscard d'Estaing schon per Geburt: Er kam am 2. Februar 1926 in Koblenz zur Welt, sein Vater war unter französischer Besatzung dort stationiert. Er wuchs dann in Frankreich auf, schloss sich mit 18 dem Widerstand gegen die Nazis an und erlebte 1944 die Befreiung von Paris mit.

Nach dem Krieg absolvierte er die Elite-Kaderschmieden Polytechnique und die Verwaltungshochschule ENA. Mit nur 29 Jahren wurde er Abgeordneter, mit 36 Frankreichs jüngster Wirtschafts- und Finanzminister, mit 48 dann der jüngste Präsident der Nachkriegszeit.

In Giscard d'Estaings Amtszeit fiel die Wirtschaftskrise nach den großen Ölschocks. Ein Skandal um Diamanten, die Giscard von dem zentralafrikanischen Machthaber Jean-Bédel Bokassa geschenkt bekommen hatte, trug mit zu seiner Niederlage gegen den Sozialisten François Mitterrand bei der Präsidentschaftswahl 1981 bei.

Ab 2001 engagierte sich Giscard d'Estaing erneut für Europa und leitete den EU-Konvent für eine europäische Verfassung. Seine Landsleute trugen das Projekt dann aber 2005 bei einem Referendum zu Grabe.

In diesem Jahr machte der Hochbetagte auch in Deutschland noch einmal Schlagzeilen. Vorwürfe der WDR-Journalistin Ann-Kathrin Stracke, sie nach einem Interview unsittlich berührt zu haben, wies er als "grotesk" zurück. Sie nannte es nun "sehr bedauerlich, dass die französische Justiz die Möglichkeit verloren hat, den Vorwurf der sexuellen Belästigung abschließend zu klären".

Bei seinem Tod war Giscard d'Estaing "umgeben von seiner Familie" auf seinem Anwesen in der Gemeinde Authon in der Loire-Region, wie die Angehörigen mitteilten. Er hatte zuletzt wiederholt unter Herzproblemen gelitten und starb der Familie zufolge "an den Folgen von Covid-19".

lob/cp