Hätte es Frankreich wirklich verdient, Weltmeister zu werden?

Die französische Nationalmannschaft hat es ins Finale der WM 2018 in Russland geschafft. Das qualifiziert sie faktisch dazu, Weltmeister zu werden. Aber hätte es das Team von Didier Deschamps auch verdient?

Küsschen von Stürmer an Verteidiger: Oliver Giroud (l.) und Samuel Umtiti. (Bild: Getty Images)

Frankreich ging als einer der großen Favoriten in die WM 2018. Vier Wochen später haben es Les Bleus ins Finale geschafft. Was zu erwarten war, wird jetzt heftig diskutiert. Haben es die Franzosen wirklich verdient, Weltmeister zu werden?

Diese Diskussion wurde von belgischen Spielern nach dem verlorenen Halbfinale gegen Frankreich aufgeworfen. Thibaut Courtois sprach von “Anti-Fußball”, während Eden Hazard angab, lieber mit Belgien auszuscheiden als mit Frankreich den Titel zu gewinnen.

Die Stärke der Franzosen liegt in ihrer Defensive. Das ist unbestritten und nicht umsonst geht im Fußball das Sprichwort “Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Titel” um. Was also ist so verwerflich am Plan von Trainer Deschamps?

Frankreich hat den besten Kader der WM 2018

Vermutlich ist die Empörung der Belgier darauf zurückzuführen, wie die Franzosen ihre spielerische Qualität auf den Platz bringen. Der Fußball ist geprägt vom Dominanzdenken. Wer besser ist, muss den Ball nehmen, wer schlechter ist, muss verteidigen.

Nun haben die Franzosen in Russland aber wohl den besten Kader aller 32 Teilnehmer und verteidigen dennoch. Mittelstürmer Olivier Giroud agiert zum Teil weit in der eigenen Hälfte und sieht dabei oft eher aus wie ein zentraler Mittelfeldspieler als ein Angreifer.

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Derartige Szenen erschüttern die Wahrnehmung der vergangenen Jahre. Nur selten haben Teams mit einem klaren Defensivansatz Titel gewonnen. Deutschland bei der WM 2014 war offensiv orientiert, auch der FC Barcelona oder Real Madrid dominierten mit Ballbesitz.


WM 2018 zeigt: Der Ballbesitz hat es schwer

Die WM 2018 kommt aber einem Fingerzeig in eine andere Richtung gleich. Teams wie Deutschland oder Spanien wurde ausgekontert, während anpassungsfähige Mannschaften wie Mexiko, England oder Russland sich deutlich erfolgreicher präsentierten.

Der Unterschied zu Frankreich ist aber, dass Les Bleus sich nicht an den Gegner anpassen. Deschamps hat vielmehr die Qualitäten seines Kaders genau analysiert und daraus die Spielweise seiner Mannschaft gebastelt.

Während DFB-Trainer Joachim Löw die Spieler nach Spielweise auswählte, stellte Deschamps erst einen Kader zusammen, aus dem er eine Spielweise entwickelte. Das resultiert in dem, was Frankreich bei dieser WM stark macht: Gute Defensivarbeit mit schnellen Kontern.

Frankreichs bester Mannschaftsteil ist die Verteidigung

Diese Taktik verwundert eigentlich nur auf den ersten Blick. Mit Samuel Umtiti und Raphael Varane stehen die beiden vielleicht besten Innenverteidiger der Welt zur Verfügung, hinzukommt ein eher destruktives als kreatives Mittelfeld.

Paul Pogba ist als einer der Schlüsselspieler etwas zu unkonventionell für klassisches Ballbesitzspiel und entfaltet seine Stärken eher im Umschaltmoment. Gleiches gilt für Antoine Griezmann, der das Konterspiel von Atletico Madrid bereits aus dem Effeff kennt.

Diese zentrale Achse ist das Rückgrat der Nationalmannschaft. Daran hat Deschamps seine Mannschaft aufgebaut und sie bis ins Finale geführt. Ob diese nun am Sonntag in Moskau die Menge begeistert oder am Ende mit 1:0 gewinnt – danach fragt in einigen Wochen niemand mehr.


WM bekommt den verdienten Weltmeister

Zumal sich Frankreich durch die schwere Hälfte des Turniers gearbeitet hat. Lionel Messis Argentinien wurde ebenso besiegt wie das bisher so stabile Uruguay. Im Halbfinale siegte Frankreich gegen Belgien – und ließ in Hälfte zwei eigentlich keine Chance mehr zu.

Nur die Hälfte der Tore wurden aus dem offenen Spiel heraus erzielt, hinzukommen Standards, Elfmeter oder Eigentore. Aber die defensive Statistik spricht für sich: Vier von sechs Spielen gewann das Team ohne Gegentor.

Wird Frankreich Weltmeister, bekommt die WM 2018 genau den Weltmeister, den sie verdient hat. Denn bisher stand das Turnier nicht für Spektakel oder offensive Schlagabtausche. Dann muss auch der Weltmeister nicht dafür stehen.