Frankfurt, Paris & Co - wer die echten Brexit-Gewinner sind

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(Bloomberg) -- Kurz vor dem ersten Jahrestag des EU-Austritts Großbritanniens zeichnet sich für die kontinentalen Rivalen der Londoner City ein Trend ab. Während Paris den Kampf um die Handelsjobs bei den Banken gewinnt, entwickeln Orte wie Frankfurt, Dublin und Amsterdam ihr je eigenständiges Profil als EU-Finanzzentren für Spezialgebiete.

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“Nachdem sich der Rauch des Brexit zu lichten beginnt, sehen wir, dass Investmentbanken auf Paris und Frankfurt setzen mit ihrer Nähe zu den Behörden, dass Investmentfonds sich in Dublin und Luxemburg niedergelassen haben und dass der Aktienmarkt in Amsterdam gelandet ist”, erklärt Dirk Schoenmaker, Professor für Bank- und Finanzwesen an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Frankfurt ziehe auch viele Anwälte an.

Eine akute Gefahr für London ist nicht zu sehen. Aktuelle Zahlen von EY zeigen, dass Paris seit dem Referendum 2016 etwa 2.800 Finanzfachkräfte aus dem Vereinigten Königreich angezogen hat, Frankfurt etwa 1.800 und Dublin knapp 1.200. Das ist weit entfernt von den Jobeinbußen in den Zehntausenden, die einige vorhergesagt hatten.

Die Pandemie habe die Situation dennoch tiefgreifend geändert und die EU-Zentren werden es künftig leichter haben, zusammenzuarbeiten und die City herauszufordern, meint Euronext-Chef Stephane Boujnah.

London-Lobbyisten verweisen gerne auf das einzigartige “Ökosystem” der Quadratmeile, wo Händler, Clearingstellen und Deal-Spezialisten direkte Nachbarn von Hedgefonds und Anwälten sind. Doch die Leichtigkeit, mit der die Finanzer ins Homeoffice gezogen sind, habe die Frage aufgeworfen, ob sie diese geographische Nähe wirklich brauchen, so Boujnah.

“Nach Covid hat jeder erkannt, dass das Konzept, dass die Leute in derselben Stadt sein müssen, nicht mehr gilt”, so der Euronext-CEO. “Wenn man 18 Monate lang nicht in die Kneipe geht, hat man den Beweis, dass man arbeiten kann, ohne sich unter die Leute zu mischen.”

Das könnte dem Kontinent die Tür zu einem grenzüberschreitenden Ökosystem öffnen: Handel in Paris, Fonds in Dublin, Aktien in Amsterdam, Recht und Compliance (und Handel) in Frankfurt. Kristine Braden, Europa-Chefin der Citigroup Inc. meint, dass die Kapitalmarkt- und Bankenunion der EU dazu beitragen, die Dinge zusammenzuführen.

Ein Jahr nach dem Brexit haben Bloomberg-Reporter die relativen Vorzüge dieser neuen EU-Drehkreuze untersucht.

Paris

Für Kyril Courboin, Senior Country Officer in Frankreich bei JPMorgan Chase & Co., sind die Vorteile der Stadt der Lichter zahlreich. “Paris hat alle Voraussetzungen, das Handelszentrum der Eurozone zu werden”, sagt er: “Die Qualität der Infrastruktur, den Talentpool, die Anbindung an London und die Lebensqualität.”

Doch nicht jeder teilt die Faszination. Viele Banker zögern, den Ärmelkanal zu überqueren - aus Gründen wie dem, dass sie ihre Kinder nicht aus der Schule reißen wollen, bis hin zur Sorge um ihr eigenes Schulfranzösisch. Dennoch: Die Größen der Wallstreet nehmen Geld in die Hand, um ihre Pariser Handelsteams personell aufzustocken und investieren in Immobilien.

Goldman Sachs zieht in ein neues luxuriöses Gebäude in der Nähe des Arc de Triomphe und BofA in ein renoviertes Postamt im Art-Deco-Stil. Citi richtet an ihrem Standort in der Nähe der Champs-Elysees einen Trading Floor ein, der Platz für fast 200 Mitarbeiter bietet. Der Hauptsitz von Morgan Stanley in Paris wächst, und JPMorgan hat seine Niederlassung ausgebaut und sechs neue Handelsräume eingerichtet.

Frankfurt

Frankfurt sollte der der große Brexit-Gewinner überhaupt sein. Experten sahen bis zu 10.000 Arbeitsplätze in die deutsche Finanzhauptstadt umziehen. Die Deutsche Bank AG sagte einmal, dass bis zu 4.000 ihrer Londoner Mitarbeiter umziehen müssten. Das hat sich nicht ganz so bewahrheitet. Selbst Platzhirsch Deutsche Bank verlegte nur ein paar hundert Mitarbeiter.

Dennoch hat die Main-Metropole nach Paris die zweitmeisten Finanzprofis aus London abgezogen. Wallstreet-Banken wie Goldman haben ihren Personalbestand in Frankfurt mehr als verdoppelt und sind in glänzende neue Büros umgezogen. Globale Banken haben Vermögenswerte im Volumen von Hunderten von Milliarden Euro in deutsche Bilanzen verlagert. Damit übertrifft Frankfurt jede andere EU-Stadt.

Leicht ist es allerdings nicht, Händler davon zu überzeugen, sich für Frankfurts bescheidenere Annehmlichkeiten zu entscheiden. Nicht-deutschsprachige Trader haben es schwer, Teil des Szene in der Mainmetropole zu werden. Viele, die aus London zuziehen, sind in Wirklichkeit Heimkehrer. Einige lassen ältere Kinder in Großbritannien zurück - internationale Schulen in Frankfurt zu finden, ist schwierig.

Abgesehen davon hat insbesondere Frankfurts Status als Sitz der Europäischen Zentralbank dazu beigetragen, dass die Stadt nach dem Brexit zu einem Cluster für Compliance- und Rechtsfunktionen geworden ist. Große US-Banken und andere mit kleineren europäischen Niederlassungen wie Nomura Holdings Inc. und Standard Chartered Plc haben am Main ihr Back-Office-Personal aufgestockt.

Dublin

Im Bezug auf die Abwanderung von Finanzprofis nach dem Brexit ist Dublin einer der herausragenden Gewinner. Banken von Barclays Plc bis BofA haben ihre EU-Standorte in der irischen Hauptstadt ausgebaut. Die Citi, deren wichtigste europäische Kreditsparte in Irland angesiedelt ist, beschäftigt dort etwa 2.500 Mitarbeiter und baut Funktionen wie Finanzen und Risikomanagement aus.

Der größte Erfolg der Stadt besteht darin, dass sie sich - neben Luxemburg - zum EU-Drehkreuz für Fondsmanager entwickelt. Nach Angaben der irischen Zentralbank haben sich mehr als 100 Firmen wegen des Brexit um eine irische Lizenz bemüht, darunter die Fondstöchter von Goldman Sachs und Morgan Stanley.

Amsterdam

Amsterdam beherbergt die älteste Börse der Welt und ist nach dem Austritt Großbritanniens in der EU der unangefochtene Champion im Aktienhandel. In den zwei Monaten nach dem Brexit stieg der durchschnittliche Wert der täglich gehandelten Aktien in der niederländischen Hauptstadt um 357%. Das Handelsvolumen war damit fast so hoch wie in Paris und Frankfurt zusammen.

Dies allerdings sei wohl einer der kurzfristig am wenigsten lukrativen Aspekte des Brexit-Exodus, so Sandra Phlippen, Chefvolkswirtin der ABN AMRO Bank NV. “Wir werden ein bisschen Geld verdienen, und es werden einige neue Arbeitsplätze entstehen. Das wird sich aber in der Größenordnung von einigen Dutzend bis Hunderten von Menschen bewegen.”

Die eigentliche Chance bestehe darin, diese liquiden Märkte zu nutzen, um andere Finanzdienstleistungen anzuziehen, etwa einen Teil des Londoner Clearinggeschäfts. Bei Börsengängen ist Amsterdam bereits ein ernsthafter Konkurrent der Londoner City. Bei Spacs ist die Grachtenmetropole bereits Europameister.

Im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich wird in den Niederlanden gern Englisch gesprochen. Die Vorschriften halten sich in Grenzen, was die Finanztransaktionen niedrig hält. “Die niederländische Mentalität und die Art und Weise, wie sie die Regeln anwenden, kommt dem angelsächsischen Modell am nächsten”, sagt Schoenmaker von der Erasmus-Universität.

Mailand

Italien wird oft als das Stiefkind der Eurozone angesehen - angesichts undurchsichtiger Politik, überbordender Bürokratie und fragiler Infrastruktur. Nach dem Brexit haben vor allem italienische Banken wie UniCredit SpA und Mediobanca SpA ihr Personal nach Mailand verlagert. Doch die Ernennung von Ex-EZB-Chef Mario Draghi als Ministerpräsident veränderte das Bild.

Zu den Bereichen, die es sich nach dem Brexit sichern könnte, gehören etwa Finanzanalytik und Daten. Euronext verlagert sein zentrales Datenzentrum von Großbritannien nach Bergamo, in der Nähe von Mailand. Dort wird etwa ein Viertel des gesamten europäischen Aktienhandels abgewickelt. Infolgedessen “erwarten wir einen bedeutenden Strom von Finanzdatenexperten, die in den Raum Mailand ziehen”, sagt Livio Bossotto, Partner der Anwaltskanzlei Allen & Overy in Mailand.

Euronext-Chef Boujnah verweist zudem darauf, das “die großen Sell-Side-Akteure wie Goldman Sachs, JPMorgan und HSBC ihre Server, die sie für den Aktienhandel in Europa nutzen, nach Bergamo verlagern.”

Wie Frankreich winkt Italien Ausländern und zurückkehrenden Bürgern mit Steuererleichterungen. Und wie Paris ist auch Mailand ein äußerst attraktiver Standort - wenn man die Sprache beherrscht. Giovanni Raffa, ein Privatbanker der Credit Suisse Group AG, der gerade aus London dorthin gezogen ist, sagt, es biete “einen hochwertigen Lebensstil, hervorragende internationale Schulen, großartige Kultur”. Sowohl Skigebiete als auch sonnige Strände sind nah.

Überschrift des Artikels im Original:

JPMorgan’s Paris Traders Are Only Part of the Threat to London

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