Frankfurt führt im Rennen um Brexit-Banker


Die knappe Mehrheit der Briten wird gegen den Brexit stimmen. Davon ging die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) vor dem Referendum im Juni 2016 aus. Dass es anders kam, ist eine Chance für den Finanzplatz Frankfurt. Denn womöglich müssen viele Geldhäuser ihren Standort von London in andere europäische Städte verlagern. Eine neue Studie der Helaba rechnet der Main-Metropole im Wettbewerb mit Paris, Dublin und Co. gute Chancen aus – aus verschiedenen Gründen.

„Wir erwarten, dass mindestens die Hälfte der aus London abwandernden Finanzjobs nach Frankfurt verlegt wird“, erklärt Helaba-Chefsvolkswirtin Gertrud Traud. Rund 8.000 Mitarbeiter dürfte es dann von der Themse an den Main ziehen. Bis Ende 2019 rechnet Traud mit einem Beschäftigungsanstieg von vier Prozent auf etwa 65.000 Mitarbeiter am Finanzstandort Frankfurt.


Mit ihrer positiven Prognose ist die Helaba nicht allein. Der Auslandsbankenverband geht von bis zu 5.000 neuen Stellen aus. Diese dürften zu einem Großteil aber auch lokal besetzt werden. Rund 10.000 neue Bankbeschäftigte erwarteten kürzlich hingegen Wissenschaftler der WHU Otto Beisheim School of Management. Insgesamt sollen durch den Zuzug der Banker sogar bis zu 88.000 zusätzliche Jobs entstehen – etwa im Transportgewerbe, der Baubranche, dem Bildungs- oder dem Gesundheitssektor. Diese Multiplikatoren bezogen die Helaba-Volkswirte nicht mit ein. Doch auch Traud fordert, es solle größer gedacht werden. Sie kritisiert: „Frankfurt hat sich zu oft selbst klein geredet.“

Tatsächlich hat der Finanzplatz Frankfurt im Wettbewerb um die Brexit-Banken aktuell die Nase vorne: Bereits 15 Institute haben Standortverlagerungen nach Frankfurt angedeutet, darunter die amerikanischen Schwergewichte Citigroup, J.P. Morgan und Goldman Sachs. Schon für Frankfurt entschieden haben sich die vier japanischen Banken Nomura, Daiwa Securities, Sumitomo Mitsui und die Mizuho Financial Group. Die britische Großbank Standard Chartered und die Schweizer UBS stellten Weichen zur Stärkung ihres Standorts am Main. Dagegen scheint es deutlich weniger Banken nach Dublin, Paris, Luxemburg oder Amsterdam zu ziehen. Für die Hauptstadt der Republik Irland haben sich bislang Barclays und die Bank of America entschieden, für Paris die HSBC.

Frankfurt hat seinen neuen Beschäftigten auch etwas zu bieten: So zitieren die Wissenschaftler eine Befragung zur Lebensqualität unter ausländischen Bewohnern in Metropolen weltweit. Hier belegt Frankfurt einen beeindruckenden Platz 7 – und ließ beispielsweise Amsterdam (Platz 12), Dublin (Platz 34), Paris (Platz 38) und London (Platz 40) deutlich hinter sich.

Auch bei den Büromieten steht Frankfurt im europäischen Vergleich gut da. Die Konkurrenten Paris und Dublin sind teurer, mit Abstand am teuersten ist die britische Hauptstadt. Der Wohnraum hingegen ist in Frankfurt – wie in fast allen deutschen Großstädten – knapp. „Frankfurt expandiert auch ohne Brexit“, konstatiert Chefvolkswirtin Traud.


Unter diesen Vorzeichen gaben sich die Volkswirte einer Spielerei hin und übertrugen die Grenzen von Greater London auf das Rhein-Main-Gebiet. „BIG FFM“ nennt das Helaba-Team ihre Kreation, die von Bad Homburg im Norden bis Darmstadt im Süden reicht. Traud stellt jedoch klar: „Frankfurt ist nicht London und will es auch gar nicht sein.“ Ihrem Dorf-Image sollte die Stadt, in der immerhin mehr als 700.000 Menschen leben, jedoch mit Marketing entgegenwirken.

Insgesamt sei Frankfurt bereit für die Brexit-Banker – wenn sie denn kommen. Doch das scheint bereits jetzt deutlich wahrscheinlicher als die Helaba-Prognose zum Brexit-Referendum vor mehr als einem Jahr.