Fragen rund um das Thema Inflation: Welche Folgen hat sie für Europa?

Fragen rund um das Thema Inflation: Welche Folgen hat sie für Europa?

Das Leben in Europa wird immer teurer. Anschaulich wird das im Supermarkt, wo bei zahlreichen Produkte die Preise erhöht werden. Weil die Löhne sich nicht automatisch anpassen, geraten vor allem geringverdienende Haushalte in eine schwierige Lage.

Einer Insa-Umfrage zufolge verzichten in Deutschland 16 Prozent der Befragten aus reguläre Mahlzeiten, verzichten auf Fisch und Fleisch und bemühen sich, beim Discounter einzukaufen. In Deutschland war die Inflation im Mai auf 7,9 Prozent gestiegen, gleichzeitig sind Nahrungsmittel um durchschnittlich elf Prozent teurer geworden.

Als Gründe für die steigenden Preise gelten die hohen Energiepreise, doch auch Rohstoffkosten und Probleme in Lieferketten spielen eine Rolle.

In einer AMA-Session (Ask Me Anything) hat sich unser Euronews-Kollege und Chef vom Dienst Christoph Debets den Fragen der interessierten Reddit-User gestellt.

Nicht alle Inflationen sind schlecht. Braucht die Weltwirtschaft diese Inflation um Gesund zu bleiben? Anders gesagt, können positive Folgen daraus kommen?

Christoph: Nun ich würde sagen Inflation ist immer schlecht, aber nicht alle Preissteigerungen sind auf Inflation, also Geldentwertung zurückzuführen und können durchaus positive Resultate zeigen. Nehmen Sie die - durchaus unangehmen - Pressteigerungen bei Baumaterialien.

Da kann man abwarten, bis sich die Lage entspannt, alternative Materialen kaufen, die eigenen Ansprüche zurücksetzen.

Brauchen wir die Inflation? Hm! Es ist viel Geld gedruckt worden und wenn die Zentralbanken das nicht einsammeln, dann bekommen wir eine Inflation - ob wir sie brauchen oder nicht. Eine geringe Preissteigerung < 2 % gilt nicht als Inflationär. Die ist durchaus erwünscht, denn wenn alle abwarten, dass Preise fallen, dann konsumieren sie nicht, dann wird nicht produziert und dann gehen die Arbeitsplätze über die Wupper.

Wie schütze ich mein Erspartes vor der Inflation?

Christoph: Inflationsschutz bieten immer Sachwerte. Also auch wenn's schwerfällt, Aktien, Investmentfonds auf Aktien! Aber auch Immobilien und Edelmetalle, Schmuck, Kunst.

Das Sparbuch oder Geldmarktfonds sind denkbar ungeeignet. Sie waren es schon zu Zeiten von Negativzinsen aber auch negativer Realzinsen, also Zins minus Inflationsrate.

Welche Auswirkungen hat die Inflation auf den Immobilienmarkt?

Christoph: Die Immobilienpreise werden unweigerlich steigen bei Inflationsraten von 7 % oder 8 % p.a., aber Vorsicht, es kann bereits in jüngster Vergangenheit zu Presisteigerungen gekommen sein, die die jetzigen vorwegnehmen und von daher können die Immobilienpreise weniger stark steigen oder stagnieren.

Aber das vermute ich eher nicht. Ich wüßte auch keinen Teilmarkt wo man schon von einem überhitzten Immobilenmarkt sprechen könnte.

War dieses Ausmaß zuvor vorhersehbar?

Christoph: Tja, das mit dem Vorhersehen ist Ansichtssache. Man kann, wenn man von der strikten monetaristischen Schule herkommt (der ich durchaus zuneige) sagen: "Wenn man soviel Geld druckt (über Anleihekaufprogramme und Ausdehnung der Zentralbakbilanz unter die Leute/Banken bringt) ist nix anderes zu erwarten".

Aber man kann natürlich auch wie die Fed-Chefs Bernanke und Greenspan davon überzeugt sein, dass man die Gelder wieder einsammeln kann. Dann dürfte man die Inflation managen könnten. Ich halte das für eine gewagte These, aber es kann durchaus funktionieren.

Und, ja, jetzt werden wir, glaube ich, sehen, ob es funktioniert. Wenn es funktioniert, dann dürfte die Inflationsrate in einem Jahr wieder bei 3 % oder 4 % liegen. Wenn nicht - die Fed-Bilanz hat sich vervielfacht, also müßten sich im schlimmsten Falle die Preise auch vervielfachen. Das glaube ich aber eher nicht, dass wir eine galoppierende Inflation (vervielfachte Preise) bekommen.

Lässt sich Schlimmeres noch verhindern? Wenn ja, wie?

Christoph: Gute Frage! Durch Disziplin! Meine These ist, dass die explodierenden Ölpreise sich auf viele andere Preise auswirken und sie in die Höhe treiben.

Wenn wir anfangen die Leute dafür zu entschädigen durch höhere Löhne, die sich dann auf die Preise auswirken, dann haben wir ein Problem. Lohnsteigerungen, die über den Porduktionsfortschritt hinausgehen müssen vermieden werden, wenn man die Inflation in den Griff bekommen will. Das ist hart, ich weiß. Aber Preise haben die Aufgabe, Nachfrage zu regeln.

Man muß sich dann einschränken oder alternative Produkte/billigere Produkte kaufen. Natürlich kann man das Übel auch an der Wurzel angreifen, also dafür sorgen, dass der Ölpreis von USD 125 wieder auf USD 50 fällt.

Die Inflation der 80er Jahre, die durch den arabischen Ölboykott und den ersten Golfkrieg ausgelöst wurde, wurde auch dadurch bekämpft, dass Russland (!) und die USA die Ölförderung gesteigert und das Monopol der OPEC gebrochen haben. Insofern sind Versuche, russisches Öl vom Markt zu nehmen, kontraproduktiv und inflationstreibend.

Wie schädlich oder nicht schätzt du die Inflation für die EU bzw. deren Zusammenhalt ein?

Christoph: Inflation, als allgemeine Preissteigerungen über 2 %, 3 %, ist immer und überall schädlich, weil sie Wohlstand vernichtet und eher nicht wettbewerbsfähigen Strukturen nutzt. (Ich kann ständig meine Preise erhöhen.) So gesehen dürfte eine höhere Inflation, also 7 % 8% p.a. ,der EU eher nutzen, weil sich die hochverschuldeten Länder dadurch entschulden, dass sie mit entwertetem Geld ihre Schulden zurückzahlen können.

Angemessene Zinsen, wären für diese Länder unangenehm, deshalb hat bislang die EZB die Zinsen ja auch gedrückt und damit einen Wohlstandstransfer von den reicheren Ländern herbeigeführt. Wenn die EZB das weiter durchhält - und man wird sie daran kaum hindern können - dann sind Inflation und negative Zinsen für den Erhalt der EU förderlich. Wir erinnern uns an Mario Draghis "Whatever it takes".

Natürlich könnte das die EU bei Ländern wie den Frugal Four unpopulär machen. Aber würde das soweit gehen, daß sie so unpopulär wird, dass die reicheren Länder dem Beispiel Großbritanniens folgen? Ein Dexit, Nexit, Auxit? Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Ich würde daher sagen, dass Inflation der EU als Institution eher nützt als schadet. Den Bürgern schadet sie, sofern sie nicht hochverschuldet sind.

**Wird es jemals wieder eine Rückkehr zum Preisniveau vor der Inflation kommen oder werden wir (plakativ gesagt) unseren Kindern irgendwann von den Tagen erzählen “als der Döner noch 3€ kostete”?
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Christoph: Nein. Das wäre dann Deflation und die wollen wir genausowenig, weil sie vielleicht sogar noch schlimmer ist als Inflation. Ein gewisse moderate Preissteigerung von bis zu 2 % etwa ist durchaus erwünscht. Das heißt aber, dass nach zehn Jahren unser Döner statt EUR 3 dann EUR 3,66 kostet.

Wenn jetzt wegen der höheren Lebensmittelpreise unser Döner EUR 5 kostet, dann sollte eigentlich der alte Preis zurückkehren, wenn sich die Lage auf dem Lebensmittelmarkt wieder beruhigt hat, weil das Getreide und das Sonneblumenöl aus der Ukraine und Russland wieder auf den Weltmarkt kommt. Gut, bei Döner haben eher wenig mit Mehl zu tun, aber es soll nur als Beispiel dienen.

Preisschocks wie jetzt bei Merl oder während Corona bei den Baumaterialen sind nicht Inflation, sondern Marktmechanismen, die die Zuteilung der Waren regeln. Da sollte bei einer Entspannung eine Rückkehr zu alten Preisen möglich sein, weil dann auch wieder mehr Waren auf den Markt kommen.

Wie soll ich mich als Berufseinsteiger in diesen Zeiten verhalten? Nach Studienabschluss einen „gut bezahlten“ Job angenommen. Ein Jahr später sprechen wir von nahezu 10% weniger Kaufkraft meines Gehalts. Direkt massive Forderungen bei der nächsten Gehaltsverhandlung stellen (15-20% mehr)?

Christoph: Tja vom Gemeinwohl her gedacht: Gehaltssteigerungen müssen durch den Produktivitätsfortschritt des Unternehmens gerechtfertigt sein, nicht durch die Geldentwertung. Wenn alle 20 % mehr bekommen, dann kommen wir in die Lohnpreisspirale und dann haben wir richtige, anhaltende Inflation.

Vom Eigenintresse her: Bei Verhandlungen immer zu viel fordern. Dann kann man sich herunterhandeln lassen.

Warum werden verschiedene Waren wie Energie teurer, obwohl die Einkaufspreise teilweise unter Vorkriegsniveau gefallen sind? Und was wären geeignete Maßnahmen, um das zu unterbinden?

Christoph: Gutwilllige Antwort: Das kann an der Kalkulation liegen oder daran, daß ich mein Öl zu USD 132 eingekauft habe, da nützt es mir nix, wenn ich das Zeug heute für USD 124 bekommen könnte. Ich muß es natürlich so teuer verkaufen, daß ich kein Verlustgeschäft mache.

Die böswillige Antwort: Ich nehme von meinen Kunden, was ich kriegen kann. Den Preis macht der Markt und wenn ich dadurch meinen Profit steigere, um so besser. Was dagegen tun. Ein Grundregel der Marktwirtschaft ist: Der Kunde hat hat immer die Wahl. Ich kaufe da, wo es am günstigsten ist. Das hält die Preise niedrig und zwingt die Unternehmen adäquate Preise zu nehmen. - Gut geht bei Erdgas und Strom nicht so einfach. Aber die Liberalisierung der Märkte, die die Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln, geschaffen hat, macht es prinzipiell möglich. Und da sind wir wieder bei "Der Kunde hat immer die Wahl; allerdings: er muss sie auch nutzen. Im Übrigen: das Barrel Brent kostet jetzt gerade USD 123,43, am 8.3. USD 134,78 (Hoch) und vor einem Jahr USD 74,71. Solche Preisbewegungen führen zu Verwerfungen.

Was tun gegen "Shrinkflation", also das reduzieren des Inhalts zum gleichen Preis? Hersteller haben leider herausgefunden, dass Verbraucher sich so leichter täuschen lassen und es weniger auffällt als einfach die Preise zu erhöhen.

Christoph: Konkurrenzprodukte kaufen.

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