Ich bin Fotograf und habe über den 11. September berichtet. Hier sind meine wichtigsten Fotos und die Geschichten dahinter

·Lesedauer: 15 Min.
Der Einsturz des World Trade Centers am 9. September 2021.
Der Einsturz des World Trade Centers am 9. September 2021.

Alan Chin ist ein US-amerikanischer Fotograf und Autor. In diesem Artikel schildert er seine Erinnerung an die Anschläge vom 11. September 2001 und die Jahre danach.

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Lange genug, um zu vergessen, wie das tägliche Leben damals ausgesehen hat. Ich denke zurück an jenen Septembertag in New York City. Und an die sechs Monate danach. Ich reiste nach Afghanistan, wo ich die ersten Monate des Krieges beobachtete und dokumentierte. Und ich reiste nach Kuba, um das Gefangenenlager Guantánamo Bay zu besichtigen. Ich hatte keine Digitalkamera dabei, nur mein Mobiltelefon. Ich hatte kein Smartphone mit Internetverbindung und ich fuhr einen alten Mazda, Baujahr 1987.

Die späten 90er und frühen 2000er Jahre war eine Zeit, in der ich als Fotojournalist viel gereist bin: Ich war in China, im Balkan, Afghanistan und Zentralasien. Ich reiste nach Israel und in die Palästinsensergebiete. Doch ausgerechnet am 11. September 2001 war ich zu Hause, in New York City.

Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag. Ein klingelndes Telefon weckte mich. An der Leitung war mein inzwischen verstorbener Bruder Bonlap. Er rief mich aus Michigan an und erzählte mir, zwei Flugzeuge seien in die Twin Towers geflogen. Ich war in Schockstarre. Der Moment des Schocks wurde jedoch unterbrochen, als ich aus meiner Wohnung in Manhattans Lower East Side die heulenden Sirenen der Rettungsfahrzeuge hörte. Ich schaltete den Fernseher ein. Eine Live-Übertragung der Ereignisse konnte ich nur halbwegs verfolgen, der Sender hatte kaum Empfang. Wie ich später erfuhr, befand sich die Sendeantenne auf dem Dach des World Trade Centers. Das erklärte die schlechte Übertragung. Zu diesem Zeitpunkt war das gesamte Ausmaß der Ereignisse noch nicht bekannt. Ich ahnte nur in Teilen, was das für Folgen mit sich tragen könnte. „Ich denke, das wird ein langer Tag. Rechne nicht damit, von mir zu hören, es wird vermutlich spät“, sagte ich meiner damaligen Partnerin, als ich zur Tür hinausging. Unwissend wie verheerend die Situation tatsächlich war, mit einem solchen Ereignis habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet.

Ich schwang mich auf mein Fahrrad und eilte so schnell ich konnte zu den in Flammen stehenden Türmen. Nur wenige Blocks vom Ort des Geschehens entfernt, stellte ich mein Fahrrad am Rathaus ab und ging die restlichen Meter zu Fuß. An der Church Street Ecke Vesey Street blieb ich stehen, direkt gegenüber der beiden Zwillingstürme. Aus dem Augenwinkel sah ich, was ich für die Trümmer des Nordturms hielt. Doch ich lag falsch. Es waren nicht die Trümmer der Gebäude. Es war ein Mensch, der aus Hunderten von Metern in die Tiefe gestürzt war. Fassungslos starrte ich auf das, was sich vor mir ereignete.

Nach dem Einsturz des Südturms bat ein Mann, in einem Gebäude in der Vesey Street darum, zu telefonieren.
Nach dem Einsturz des Südturms bat ein Mann, in einem Gebäude in der Vesey Street darum, zu telefonieren.

Auf einer gesamten Filmrolle meiner Analogkamera hatte ich kurze Zeit nach meiner Ankunft die Geschehnisse bereits festgehalten. Als ich dabei war, eine neue Filmrolle einzulegen, um weitere Fotos zu machen, hörte ich, wie die Menschen um mich herum auf dem Bürgersteig zu schreien begannen. Der Südturm explodierte und eine riesige Wolke aus Flammen und Rauch stieg empor. Ich rannte mit ein paar Polizistinnen und Polizisten sowie Feuerwehrleuten in den Keller eines Bürogebäudes. Ich dachte, der Turm könnte auf uns stürzen. Einige Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, versuchten wir, einen anderen Ausgang aus dem Gebäude zu finden, der von dem Ort des Einsturzes weiter entfernt war.

Als wir kurze Zeit später aus dem Gebäude austraten, hatte sich die ganze Welt verändert. Der zuvor strahlend blaue Himmel war einer düster erscheinenden Dämmerung gewichen. Die Luft war erfüllt von dichtem Rauch. Abgebrannte Papierfetzen wehten im Wind, die Grabsteine auf dem naheliegenden Friedhof der St. Paul’s Church waren mit Asche bedeckt. Mein mittlerweile verstorbener Vater beobachtete das Geschehen über eine Live-Übertragung in einem Café in Chinatown. Er hatte dort frühstücken wollen. Er wusste, dass ich zu den Türmen geeilt war. Als wir uns später unterhielten, sagte er mir, er war sich sicher, ich sei tot.

Menschen, die nach dem Einsturz des Südturms versuchen, zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen.
Menschen, die nach dem Einsturz des Südturms versuchen, zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen.

Ich entfernte mich vom Ort des Geschehens um etwa einen Block. Staubbedeckte, veränstigte Menschen stiegen in Busse, um sich in Sicherheit zu begeben. Ich aber, kehrte zurück. Als ich zurücklief, spürte ich ein leises Poltern – der Nordturm begann einzustürzen. So schnell ich konnte rannte ich den nächsten Eingang zur U-Bahn hinunter. Ich stolperte und fiel zu Boden, schnitt mir die Handflächen beim Aufprall auf. Mit blutbefleckten Händen hockte ich mich in den U-Bahnhof, wo ich mir ein Stück meines Hemds abriss, um mir einen Verband zu wickeln. Ich war allein im U-Bahnhof. Rauch und Staub wirbelten im schwachen Licht durch die Haltestation, hinein in die U-Bahnschächte. Zeit und Raum schienen vollkommen aus dem Gleichgewicht. Die Welt stand auf dem Kopf. Ich blickte auf die Uhr: Es war 10:28 Uhr. 29 Minuten waren seit dem Einsturz des Südturms verstrichen. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Meinem Gefühl nach hätten es fünf Minuten genauso gut wie fünf Stunden gewesen sein können.

In den Stunden danach blieb ich vor Ort. Ich fotografierte erschütterte Feuerwehrleute. Verzweifelt versuchten sie, über ihre Funkgeräte Hilfe anzufordern. Doch kein Signal. Niemand reagierte. Später folgte ich ihnen zu den Überresten des Südturms, wo sie verzweifelt nach Überlebenden suchten.

Erschöpfte Feuerwehrmänner auf der West Street.
Erschöpfte Feuerwehrmänner auf der West Street.

Ich handelte, als hätte ich eine Autopilot-Funktion, die sich einstellte. Mein Verstand war ausgeschaltet. Ich umrundete das Gebiet, das heute als Ground Zero bekannt ist. An einer Stelle traf ich einen alten Freund, David Rohde, ebenfalls Journalist. Eine Zeit lang liefen wir gemeinsam umher. Dann drehte sich für einen Moment der Wind. Die staubige Luft verschwand kurze Zeit und vor uns erstreckte sich das gesamte Ausmaß der Explosionen. David drehte sich zu mir und sagte: „Das…war…das World Trade Center.“

Blick auf die Überreste des Südturms des World Trade Centers.
Blick auf die Überreste des Südturms des World Trade Centers.
Feuerwehrleute bilden eine Reihe auf den Trümmern des Südturms, um verzweifelt nach Überlebenden zu suchen.
Feuerwehrleute bilden eine Reihe auf den Trümmern des Südturms, um verzweifelt nach Überlebenden zu suchen.

Verbündete und Feinde, Feinde und Verbündete

Weniger als einen Monat nach den Explosionen, am 7. Oktober 2001, startete das US-Militär den ersten Luftangriff gegen die Taliban über dem Gebiet Afghanistans. Im November erhielt ich den Auftrag, nach Nordafghanistan zu gehen und über die Lage zu berichten. Es sollte meine dritte Reise in das Land werden. Bereits vier Jahre zuvor, 1996, hatte ich über die Anfänge der Taliban vor Ort berichtet.

Beim Start des New Yorker Flughafens machte das Flugzeug eine weite Kurve über Manhattan, um den Atlantik zu überfliegen. Noch immer konnte man den Rauch sehen, der aus der riesigen Explosionsgrube hinaufstieg.

Französische und amerikanische Soldatinnen und Soldaten bei der Reparatur des Flugplatzes in Mazar-i-Sharif in Afghanistan im November 2001.
Französische und amerikanische Soldatinnen und Soldaten bei der Reparatur des Flugplatzes in Mazar-i-Sharif in Afghanistan im November 2001.

Von Termez in Usbekistan aus überquerte ich an Bord eines usbekischen Militärbootes des Fluss Amudarja und fuhr in den Norden Afghanistans. Ehemalige Feinde aus der jahrzehntelangen sowjetischen Besatzung und Verbündete hatten sich zusammengeschlossen, um gegen die Taliban vorzugehen. So waren Abdul Rashid Dostum, ein prosowjetischer General, und Atta Mohammad Noor, ein Mudschaheddin-Kommandeur, wieder an der Macht. Sie hatten die Taliban in weiten Teilen Nordafghanistans mithilfe von US-amerikanischer Unterstützung aus der Luft, Spezialkräften und französischen Fallschirmspringern besiegt und den Flughafen in Masar-e Scharif sichern können.

Abdul Rashid Dostum, ein usbekischer Militärführer sowie Anführer der Nordallianz gegen die Taliban, im Dezember 2001.
Abdul Rashid Dostum, ein usbekischer Militärführer sowie Anführer der Nordallianz gegen die Taliban, im Dezember 2001.

Abdul Rashid Dostum bin ich erstmals im Jahr 1996 begegnet. Damals hatte er gerade gemeinsam mit Amad Shah Massoud und Karim Khalili die Nordallianz (auch Vereinigte Front genannt) gegen die Taliban gebildet. 1997 hatten Soldaten der Gruppierung nach einer Offensive der Taliban zurückgeschlagen und dabei Tausende von Taliban-Gefangenen getötet. In einem folgenden Gegenanschlag töteten die Taliban Tausende von Zivilistinnen und Zivilisten sowie Soldaten. Bei einer Reihe von Anschlägen wurde auch eine Gruppe iranischer Diplomaten von den Taliban getötet. In den fünf Jahren zwischen 1996 und 2001 waren Dostum und andere Gruppenanführer immer wieder aus dem Land geflohen und zurückgekehrt. Sie kämpften sowohl gegeneinander als auch gegen die Taliban.

Nach dem Anschlag vom 11. September verbündeten sich die einzelnen Truppen mit der USA. Ich reiste nach Masar-e Scharif, der viertgrößten Stadt Afghanistans, um dies zu dokumentieren. Im November 2001 kam ich an. Zu der Zeit schienen die Kämpfe in der Region weitestgehend beendet zu sein. Trotz ihrer jüngsten brutalen Geschichte sah die Stadt von außen kaum anders aus als bei meinem letzten Besuch. Die berühmte Blaue Moschee, das Heiligtum von Hazrat Ali Mazar und eine bekannte heilige Stätte des Islams, beherbergte nach wie vor Schwärme weißer Tauben. Bereits seit Hunderten von Jahren war dies eine Tradition. Die meisten Frauen trugen Burkas, aber nicht alle. Militärflugzeuge aus Deutschland warfen amerikanische Militär- und humanitäre Lebensmittelpakete ab, um den Menschen vor Ort zu helfen. Jacken der US-Armee, Schlafsäcke und andere Hilfsgüter wurden auf den Märkten verkauft.

Während ich dort war, hatten sich bis zu 5.000 Taliban, darunter viele Kämpfer aus anderen Ländern, in der afghanischen Stadt Kundus ergeben. Kurz zuvor waren bei einem gewaltsamen Aufstand in dem Gefängnis Qala-i-Jangi rund 600 Taliban getötet worden. Bei einem Treffen, das Dostum abhielt, um sich mit anderen Gruppenanführern zu beraten, fragte ich ihn, was mit seinem Cadillac geschehen sei. Von seinem Auto hatte ich bei meinem letzten Besuch in Afghanistan gehört, es sei der einzige des Herstellers, den es in dem Land geben würde. Er lachte und sagte: „Oh, den haben die Taliban mitgenommen.“

Tausende von Taliban-Gefangenen im Innenhof des Gefängnisses von Sheberghan im Dezember 2001.
Tausende von Taliban-Gefangenen im Innenhof des Gefängnisses von Sheberghan im Dezember 2001.

Während meines Aufenthaltes erfuhr ich außerdem, dass die überlebenden Taliban-Gefangenen in einem Gefängnis rund 80 Kilometer westlich von uns festgehalten wurden. Auf Anfrage erteilte Dostum auch Journalistinnen und Journalisten die Erlaubnis, das Gefängnis in Sheberghan zu besuchen.

Bei meinem ersten Besuch des Gefängnisses sah ich LKWs mit vollgeladenen Containern, die neue Gefangenen anlieferten. Die Gefangenen erzählten uns, dass Hunderte von ihnen bereits in diesen Containern gestorben seien. Sie waren überfüllt und hatten tagelang keine Nahrung, kein Wasser und keinen Zugang zu frischer Luft. Einigen Berichten zufolge sollen Gefangene gezielt getötet worden und sogar ganze Container gezielt in Brand gesteckt worden sein. Ich sprach mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Internationalen Roten Kreuzes, die den ersten Kontakt der Gefangenen mit ihren Familien ermöglichten, laut Genfer Konventionen eines der Grundrechte aller Kriegsgefangenen. In einer öffentlichen Erklärung teilte das Rote Kreuz mit, das Gefängnis sei überfüllt und unhygienisch. Außerdem sei es zum Ausbruch der ansteckenden Durchfallerkrankung Ruhr gekommen.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Roten Kreuz besuchen im Dezember 2001 Taliban-Gefangene im Gefängnis von Sheberghan.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Roten Kreuz besuchen im Dezember 2001 Taliban-Gefangene im Gefängnis von Sheberghan.
3.000 bis 4.000 Taliban-Gefangene, die von der Nordallianz und den amerikanischen Streitkräften gefangen genommen wurden, waren in einem alten Gefängnis untergebracht, das für nur 800 Personen ausgelegt war. Hunderte von Taliban-Gefangenen starben in überfüllten Containern oder wurden auf dem Transport erschossen.
3.000 bis 4.000 Taliban-Gefangene, die von der Nordallianz und den amerikanischen Streitkräften gefangen genommen wurden, waren in einem alten Gefängnis untergebracht, das für nur 800 Personen ausgelegt war. Hunderte von Taliban-Gefangenen starben in überfüllten Containern oder wurden auf dem Transport erschossen.
Registrierung der Taliban-Gefangenen durch amerikanische Soldatinnen und Soldaten.
Registrierung der Taliban-Gefangenen durch amerikanische Soldatinnen und Soldaten.

Einige Tage nach meinem ersten Besuch trafen weitere Soldatinnen und Soldaten der US-Armee im Gefängnis ein. Sie dokumentierten die Identitäten der Gefangenen, machten Fotos, nahmen Fingerabdrücke und DNA-Abstriche. Sie erlaubten mir, diesen Prozess zu fotografieren. 85 der Gefangenen führten sie ab. Diese durfte ich nicht fotografieren. Später fragte ich mich, ob einige von ihnen im Gefangenenlager Guantánamo Bay gelandet waren. Dort wurden seit dem 11. Januar 2002 „feindliche Kombattanten“ außerhalb des Geltungsbereichs des US-amerikanischen und internationalen Rechts festgehalten.

Zu einem späteren Zeitpunkt untersuchten Mitarbeiter der NGO Ärzte für Menschenrechte die Lage des Gefängnisses in Afghanistan. In der Nähe von Dasht-i-Leili fanden sie Massengräber – eine Bestätigung der Vermutung, dass dort ein Massenmord stattgefunden hat. Die Morde müssen in Anwesenheit US-amerikanischer Spezialeinheiten und anderer US-Militärteams stattgefunden haben, die bei ihren afghanischen Verbündeten stationiert waren oder sich in unmittelbarer Nähe befanden. Es handelte sich dabei um ein Kriegsverbrechen eines riesigen Ausmaßes. Trotz einer umfangreichen Berichtserstattung und des Versprechens des ehemaligen Präsidenten Barack Obama im Jahr 2009, den Fall untersuchen zu lassen, liegt bis heute keine öffentliche Erklärung seitens der US-Regierung vor.

Der Salang-Tunnel ist die einzige Verbindung zwischen Nord- und Südafghanistan durch das Hindukusch-Gebirge. Er wurde bei den Kämpfen beschädigt und war vorübergehend nur zu Fuß begehbar.
Der Salang-Tunnel ist die einzige Verbindung zwischen Nord- und Südafghanistan durch das Hindukusch-Gebirge. Er wurde bei den Kämpfen beschädigt und war vorübergehend nur zu Fuß begehbar.
Ein Soldat der Nordallianz wurde bei einem Kampf in Balkh, Afghanistan, gegen die Taliban verwundet wurde. Januar 2002.
Ein Soldat der Nordallianz wurde bei einem Kampf in Balkh, Afghanistan, gegen die Taliban verwundet wurde. Januar 2002.

In den nächsten Wochen reiste ich durch Nordafghanistan. Ich wurde Zeuge einer Reihe von Auseinandersetzungen und Kämpfen zwischen verschiedenen Einheiten der Nordallianz und der Taliban. Sie alle schienen alte Rechnungen miteinander begleichen zu wollen. Bei einem Übergriff erlebte ich, wie amerikanische Truppen ihr Lager schnell evakuieren und ihre Ausrüstung zurücklassen mussten, weil eine Gruppe der Nordallianz von einer anderen überrannt wurde. Bei einem weiteren Vorfall sah ich dabei zu, wie Zivilistinnen und Zivilisten von einem amerikanischen Luftangriff verwundet wurden.

Damals wie heute waren die Taliban nicht durch ihre eigene militärische Stärke erfolgreich, sondern durch Gruppen, die sich ihnen anschlossen. Der Sieg über die Taliban im Jahr 2002 war nur möglich, da sich frühere Unterstützer zunehmend zurücknahmen. Für Außenstehende ist es nur bedingt möglich, die komplexe Loyalität dieser Gruppierungen zu verstehen.

Was mir jedoch in all den Jahren im Gedächtnis geblieben ist, ist ein Gespräch mit einem jungen afghanischen Dolmetscher. Zu der Zeit meines Besuches bemühte er sich um eine Anstellung bei Entwicklungshelferinnen und -helfern sowie beim internationalen Presseteam. Das ausländische Presseteam wohnte in dem einzigen Hotel in Masar-e Scharif, einem siebenstöckigen Gebäude mitten im Stadtzentrum. An einem der Tage standen wir oben auf dem Dach des Hotels, wo wir unsere Satellitentelefone und Modems aufstellten, damit wir telefonieren konnten. Er sagte zu mir: „Das ist eines der höchsten Gebäude in Masar. Ich war noch nie hier oben. Die Menschen auf der Straße sehen so winzig aus.“

Ein Blick auf die Blaue Moschee in der Innenstadt von Masar im Januar 2002.
Ein Blick auf die Blaue Moschee in der Innenstadt von Masar im Januar 2002.

Von dort oben hatten wir tatsächlich einen schönen Blick auf die Blaue Moschee unter uns. Er fragte: „Der Grund, warum ihr alle hier hergekommen seid und Amerika in Afghanistan Krieg führt, ist wegen der hohen Gebäude in New York, die zerstört worden sind, richtig?“ „Ja“, antwortete ich. „Das ist richtig.“ Er dachte nach und fragte schließlich: „Waren die Gebäude so hoch wie dieses hier?“

Zwei Tage in Guantánamo

Einige Monate später, im März 2002, wurde ich zusammen mit einer kleinen Gruppe von Journalistinnen und Journalisten eingeladen, das Gefangenenlager in Guantánamo Bay zu besuchen. Laut der Regierung des damaligen US-Präsidenten George W. Bush würden dort die gefährlichsten Gefangenen der Al-Qaida und der Taliban festgehalten werden. Den Anweisungen folgend, reiste ich zügig zur Roosevelt Road Naval Station in Puerto Rico, wo ich mitten in der Nacht ankam. Ich schlief auf einer Bank vor den Toren des Stützpunktes bis der Flieger im Morgengrauen nach Kuba abhob. An Bord eines vom Militär gecharterten Passagierflugzeugs, das noch immer die Farben der ehemaligen Pan Am Airlines trug, flog ich in Richtung des gefährlichsten Gefängnisses der Welt.

Die Navy brachte uns in einem motelähnlichen Gebäude unter. Beamte für Öffentlichkeitsarbeit wurden uns als Betreuerinnen und Betreuer zugewiesen. Zwei Tage sollten wir dort verweilen und das Gefangenenlager besichtigen. Wir würden das volle Programm erhalten, sagten sie uns.

Camp X-Ray: Ursprünglich für die Unterbringung kubanischer Asylbewerberinnen und -bewerber gebaut, dann aber für Taliban-Gefangene umfunktioniert.
Camp X-Ray: Ursprünglich für die Unterbringung kubanischer Asylbewerberinnen und -bewerber gebaut, dann aber für Taliban-Gefangene umfunktioniert.
Guantánamo Bay, Kuba, im März 2002. Hier sieht man, was jeder Gefangene bei seiner Ankunft erhielt.
Guantánamo Bay, Kuba, im März 2002. Hier sieht man, was jeder Gefangene bei seiner Ankunft erhielt.
Ein Soldat bewacht die Gefangenen zusammen mit einem zivilen Mitarbeiter. Die Aufnahme entstand an Bord der Fähre, die die Ost- und Westseite der amerikanischen Militärbasis verbindet.
Ein Soldat bewacht die Gefangenen zusammen mit einem zivilen Mitarbeiter. Die Aufnahme entstand an Bord der Fähre, die die Ost- und Westseite der amerikanischen Militärbasis verbindet.

Bei der Besichtigung wurde uns gezeigt, was jeder ankommende Häftling bekommen würde. Darunter: die bald berühmten orangefarbenen Overalls. Man wies uns auf die McDonald’s und Jerk-Chickens Restaurants hin. Dabei handelte es sich um Versuche des US-Militärs, den Soldatinnen und Soldaten ein Gefühl von Heimat zu geben.

Während unseres Aufenthaltes unterhielten wir uns mit den jamaikanischen Angestellten. Sie bekamen vier Dollar pro Stunde. Der staatliche Mindestlohn betrug 5,15 Dollar. Der muslimische Kaplan, Marineleutnant Abuhena Mohammad Saiful-Islam, erzählte, er würde sich um die religiösen und spirituellen Bedürfnisse der Gefangenen kümmern. Der Kommandant und Marinegeneral, Michael Lehnert, sagte, er sei für die psychische Betreuung zuständig.

Was uns Journalistinnen und Journalisten jedoch gezeigt und vorgeführt wurde, entsprach nicht wirklich der Realität des Gefängnisses. Uns allen wurde während des Aufenthaltes klar, dass wir durch die Annahme der Einladung zu einem Besuch im Gefangenenlager die von der Regierung behauptete Transparenz unterstützt hatten. Tatsächlich war jedoch genau das Gegenteil der Fall. Am Karibikstrand neben unserem Hotel, der weder von Gebäuden noch von anderen Menschen berührt war, dachten wir über die Ironie der Situation nach und versuchten Möglichkeiten zu finden, uns für mehr Transparenz und Sichtbarkeit einzusetzen.

Doch wir bekamen das Camp X-Ray kaum zu sehen, das ursprünglich für kubanische Asylbewerberinnen und -bewerber errichtet worden war. Nun wurde es umfunktioniert zu einem Gefängnis voller mutmaßlicher Terroristen. Wir wurden stets auf Abstand gehalten. Wir durften uns maximal auf 90 Meter Entfernung nähern, gerade nah genug, um zu sehen, dass es überhaupt Gefangene gab. Wir haben weder Wohn- noch Gemeinschaftsräume sichten dürfen, es wurde uns verboren, mit Gefangenen zu sprechen.

Ein Bus der US-Marine. Über dem Fahrer hängt ein Schild mit einem Foto einer Kopftuch tragenden Frau, auf dem steht: „Go to Hell USA“.
Ein Bus der US-Marine. Über dem Fahrer hängt ein Schild mit einem Foto einer Kopftuch tragenden Frau, auf dem steht: „Go to Hell USA“.

In den Jahren nach meinem Besuch wurden immer wieder neue erschütternde Details über das Gefangenenlager bekannt. Zwangsernährung, Folter und Hungerstreiks haben auf der Tagesordnung gestanden. Den Gefangenen wurde der Kontakt zu ihren Familien, Anwältinnen und Anwälten sowie Journalistinnen und Journalisten verwehrt. In der Hochphase waren dort 675 Gefangene inhaftiert.

An Obamas dritten Tag im Amt, Im Januar 2009, unterzeichnete er den Befehl, Guantánamo „so bald wie möglich, spätestens ein Jahr nach dem Inkrafttreten dieses Befehls“ zu schließen. Es gab einen Beschluss, Khalid Sheikh Mohammed, den mutmaßlichen Drahtzieher des 11. Septembers, in New York City, vor Gericht zu stellen. Doch bisher kam das Gerichtsverfahren nicht zustande. Und auch sonst änderte sich nicht viel in Guantánamo. Noch immer sitzen 39 Gefangene auf Kuba fest. Sie alle warten bisher vergebens auf einen Prozess.

„Schon in den ersten Tagen von Guantánamo war ich mehr und mehr davon überzeugt, dass viele der Gefangenen gar nicht erst hätten geschickt werden dürfen“, schrieb der mittlerweile pensionierte General Michael Lehnert 2013 in der Detroit Free Press. Er hatte unter anderem den Bau des Gefangenenlagers beaufsichtig und war dessen erster Leiter. „Nur sehr wenige von ihnen hatten geheimdienstlichen Informationswert. In den meisten Fällen gab es keine ausreichenden Beweise, die sie mit Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht hätten. Das gilt auch heute noch für viele, wenn nicht sogar für die meisten der Gefangenen.“ Auch er schreibt, es sei an der Zeit, Guantánamo zu schließen.

Gefangene des Camp X-Ray beten. März 2002.
Gefangene des Camp X-Ray beten. März 2002.

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Im Jahr 2021 lag das Durchschnittsalter in Afghanistan bei 18 Jahren. Unter den 180 Menschen, die am 26. August 2021 bei einem Selbstmordattentat auf dem Flughafen in Kabul getötet wurden, war auch der 20-jährige Rylee McCollum dabei. Am Tag der Anschläge vom 11. September war er noch ein Baby. Doch Afghanistan ist nicht der einzige Ort, an dem noch immer solche Schreckensereignisse stattfinden. Noch immer leben Tausende von Menschen in Angst und Schrecken.

Meine eigenen Fotos fühlen sich manchmal ungewohnt an. Die Filme und Kontaktböden tragen Markierungen von alten Überarbeitungen; die hand- und maschinengeschriebenen Notizen verweisen auf Menschen und Orte. Zu häufig muss ich nachschlagen, um mich an vergessene Details zu erinnern. Und dann, plötzlich, ist es wieder schockierend nahe.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.