Wie ein Foto die Wrestling-Welt entzweit

Patrick Hauser

Und plötzlich befinden sich die Wrestling-Fans wieder im Jahr 2003. Nach der Survivor Series vor über 16 Jahren hielten Brock Lesnar und Bill Goldberg die beiden wichtigsten Titel der Wrestling-Liga WWE.

Im März 2020 hat sich Geschichte wiederholt. Goldberg gewann in der vergangenen Woche bei Super ShowDown in Saudi-Arabien die Universal Championship von Bray Wyatt, Lesnar verteidigte zeitgleich seinen WWE-Titel gegen Ricochet.

Seitdem ist unter den Fans des Showkampf-Sports nichts mehr so, wie es war.


Erfolgreichster Post der WWE-Geschichte

Ein Foto auf dem Instagram-Kanal von WWE mit Goldberg und dem gewonnenen Gürtel erhielt innerhalb von gut 24 Stunden 850.000 Likes. Damit ist das Bild der erfolgreichste Post der Geschichte auf dem eigenen Instagram-Kanal, wie die Kommentatoren bei der Wochenshow Friday Night SmackDown nicht ohne Stolz erklärten.


Auch die TV-Ratings von SmackDown stiegen in den vergangenen Wochen bei Segmenten mit Goldberg spürbar an, bei Youtube klicken die Clips von Goldberg millionenfach und sind die erfolgreichsten Videos des jeweiligen Tages.

Alles gut also? Mitnichten, in den sozialen Medien wurde die Saudi-Show von den Wrestling-Fans geradezu zerrissen und erhielt katastrophale Kritiken.


Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen die Tatsache, dass WWE mit einem 53 Jahre alten Teilzeit-Wrestler als Champion den Weg zum Jahreshöhepunkt WrestleMania beschreitet. Gemeinsam mit dem 42 Jahre alten Lesnar und dem 54 Jahre alten Undertaker, der bei Super ShowDown sein Comeback feierte und sein Mania-Match gegen AJ Styles (42) einleitete.

Fans sauer: Talente werden verprellt

Der Showkampf-Marktführer setzt also bei den wichtigsten Matches des Jahres auf Altmeister, die eigenen Talente - so die einhellige Fan-Meinung - werden verprellt.

Die neue und immer populärer werdende Konkurrenzliga AEW ließ bei ihrer Großveranstaltung Revolution in der Nacht auf Sonntag währenddessen Jon Moxley (34) und MJF (23) die wichtigsten Matches gegen World Champion Chris Jericho (49) sowie Cody Rhodes (34) gewinnen - und machte klar, dass die Jugend die Zukunft ist.


Bei WWE sind dagegen die früheren Stars die Gegenwart und womöglich auch die Zukunft.

Goldberg zerstört "The Fiend" Bray Wyatt

Zum anderen üben die Fans herbe Kritik am Ablauf der Matches in Saudi-Arabien.

Goldberg bezwang Champion Bray Wyatt und dessen Horrorfigur "The Fiend" nach nicht einmal drei Minuten und zerstörte dadurch dessen Nimbus der Unbesiegbarkeit. Wyatt hatte sich mit seinem kunstvoll erschaffenen Alter Ego ein bei den Fans extrem beliebtes Denkmal geschaffen, das bei den Merchandising-Verkäufen an der Spitze lag und den Topstars der Liga regelmäßig keine Chance gelassen hatte.

Allein Seth Rollins verpasste dem Fiend 20 Mal (!) seine Spezialaktion"Stomp", Wyatt steckte dies jedoch ohne größere Probleme weg und entthronte Rollins - übrigens beim letzten Saudi-Arabien-Gastspiel von WWE am 31. Oktober.


Gegen Goldberg steckte Wyatt innerhalb weniger Minuten viermal den Spear ein, brachte seine eigene Spezialaktion Mandible Claw zweimal nicht durch und verlor klar und deutlich durch den Jackhammer. (Lesen Sie hier die unglaubliche Geschichte, wie ein realer Mordfall den Fiend-Finisher inspirierte).

Dieser war vom ohnehin nicht austrainiert wirkenden Goldberg jedoch nicht sauber ausgeführt und erinnerte fatal an dessen Match gegen den Undertaker im vergangenen Jahr, bei dem sich beide Showkämpfer ein katastrophales Match lieferten und teilweise in Lebensgefahr brachten.

Nicht nur Goldberg zeigte einen extrem dominanten Auftritt, auch der Undertaker besiegte Topstar AJ Styles mit einem (ebenfalls nicht sauber ausgeführten) Chokeslam nach gerade einmal 20 Sekunden.

Lesnar musste gegen Toptalent Ricochet "immerhin" anderthalb Minuten durchstehen, bevor seine Titelverteidigung ohne jegliche Gegenwehr perfekt war.

Ticketverkauf für WrestleMania läuft schleppend

In den Augen zahlreicher WWE-Fans "begrub" die Wrestling-Liga also zwei Stars und einen hoffnungsvollen Aufsteiger innerhalb weniger Minuten, um ihre Altmeister so dominant wie möglich darzustellen.

Die Gründe für die Entscheidung sind für viele Zuschauer nicht nachvollziehbar, das Leitmedium Wrestling Observer versucht sie in seinem aktuellen Newsletter (WON) zu erklären.


Zunächst soll WWE-Besitzer Vince McMahon Mitte Februar entschieden haben, dass für ein Titelmatch bei WrestleMania die Paarung Goldberg vs. Roman Reigns die größere Attraktivität bietet als The Fiend vs. Reigns.

Bei Wyatts konstant starker Darstellung in den vergangenen Monaten wurde stets auf eine Konfrontation mit Topstar Reigns verzichtet, damit das Duell für den Jahreshöhepunkt unverbraucht wirkt. Da die Langzeitplanung in den vergangenen Wochen aber umgeworfen wurde, werden beide auch zukünftig keine Berührungspunkte haben.

Wie Wrestling-Insider Dave Meltzer berichtet, sind für WrestleMania am 5. April in Tampa, Florida noch immer tausende Tickets erhältlich. Auch für die anderen WWE-Shows am Mania-Wochenende (RAW, SmackDown, Hall of Fame, NXT TakeOver) gibt es noch verfügbare Tickets.

Zum Vergleich: WrestleMania 35 vor einem Jahr in New Jersey war innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Die Nachfrage soll die niedrigste sein, seit mehrere Shows am Mania-Wochenende stattfinden.

Squash-Matches: WWE-Fans ratlos

Um die Ticketverkäufe anzukurbeln, entschied sich WWE offenbar dafür, die alten Stars ins Rampenlicht zu stellen und ihnen prominente Plätze auf der Matchcard anzubieten. Die Likes für das Instagram-Foto und die steigenden Ratings bestätigen WWE in dieser Vorgehensweise.

WWE-Fans fragen sich auch, warum Highflyer Ricochet gegen Lesnar chancenlos dargestellt wurde, obwohl dieser in der Vergangenheit längere und offenere Kämpfe gegen vermeintliche Underdogs bestritt. Dass der Undertaker Styles innerhalb weniger Sekunden erledigte, wirft die Frage auf, warum Fans sich auf ein zweites Duell bei WrestleMania freuen sollten.


Laut des WON sollte Goldberg wie schon in seinen letzten Matches als extrem dominante und fokussierte Kampfmaschine dargestellt werden, ein längeres Match gegen Wyatt sei deshalb nicht in Frage gekommen. Dieser stand nach dem Pin zwar schnell wieder auf und schien bereit zum Wiederangriff - anschließend ging jedoch das Licht aus und Wyatt war verschwunden.

Am Tag darauf startete der Fiend bei SmackDown sein WrestleMania-Programm gegen John Cena (der zunächst Favorit als Goldberg-Gegner war), ohne das verlorene Match noch zu erwähnen.

Goldberg vor Wandel zum Bösewicht?

Als Fanliebling hätte Wyatt bei der geplanten Fehde gegen Reigns dessen mühsam erarbeite Beliebtheit wieder in Buhrufe verwandeln können.

Durch den Squash-Sieg gegen den Fiend erhofft sich WWE womöglich auch, dass Goldberg von den Fans ausgebuht wird und Reigns positive Publikumsreaktionen bekommt. Medienberichten zufolge ist ein Wandel zum Bösewicht für Goldberg in den nächsten Wochen geplant.


Bei WrestleMania treffen die beiden Champions Lesnar und Goldberg dann auf die deutlich jüngeren Herausforderer Drew McIntyre und Reigns (beide 34).

WWE muss dann erneut die Frage beantworten, die derzeit die Wrestling-Fans entzweit: Vergangenheit oder Zukunft.