Bergomi enthüllt: Womit Mancini offene Türen einrannte

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Bergomi enthüllt: Womit Mancini offene Türen einrannte
Bergomi enthüllt: Womit Mancini offene Türen einrannte

Die Bilder hätte man sich in Berlin, München oder Frankfurt gewünscht.

Ein offener Bus, der durch die vollen Straßen fährt, auf dem Deck tanzen ausgelassen Nationalspieler mit dem EM-Pokal in der Hand. Euphorie allerorten mit Jubelschreien und lauten Gesängen - trotz der Masken, die die meisten Menschen am Straßenrand noch immer tragen.

Zu sehen sind viele Plakate mit der Aufschrift "It's coming to Rome" - es ist das Motto der Fußballnation Italien, die ihren Stolz wiedererlangt hat. Denn der Bus fuhr weder durch Berlin, noch durch London oder Paris, sondern durch die Straßen der "ewigen Stadt".

Zu spüren ist der neue Zusammenhalt im ganzen Land, von den EM-Helden um Kapitän Giorgio Chiellini bis zu den Tifosi am Straßenrand - und er weckt Erinnerungen an das Gefühl vor sieben Jahren, als hierzulande der WM-Titel von Rio gefeiert wurde. Während diese Erinnerungen in den letzten Jahren der Löw-Ära immer mehr verblassten, schaffte Italien einen erstaunlichen Turnaround im Schnelldurchlauf.

Nationaltrainer Roberto Mancini gelang es innerhalb von drei Jahren, aus einer am Boden liegenden Mannschaft, die sich nicht einmal für die WM 2018 qualifiziert hatte, eine echte Siegerelf zu formen.

"Mancini hat es geschafft, dass sich alle wichtig fühlten"

Wie er das schaffte, erklärt Stefano Cantalupi, Redakteur der Gazzetta dello Sport, bei SPORT1. "Mancinis Erfolg kann man in zwei Worten zusammenfassen: Unbeschwertheit und Spaß. Im Gegensatz zu den vorherigen Nationaltrainern, wie Antonio Conte, die auf Opferbereitschaft, Leiden, Kampf oder Widerstand gesetzt hatten, auf ein Italien, das mit allem verteidigt, was es hat, hat Mancini von Anfang an zu seinen Spielern gesagt, dass sie Spaß haben und unbeschwert in die Spiele gehen sollen."

Das habe vielen von ihnen den Druck genommen, ist sich der italienische Journalist sicher.

Ein weiteres Erfolgsrezept: Der Zusammenhalt. "Mancini hat es geschafft, dass sich alle wichtig fühlten – was man daran sieht, dass er schon in der Gruppenphase 25 von 26 Spielern eingesetzt hatte. Im gesamten Turnier hat nur Meret, der dritte Torhüter, keine Einsatzzeit gehabt. Dadurch hat er den Zusammenhalt in der Gruppe gestärkt. Egal, welchen Spieler man fragt – alle haben das bestätigt."

Dem kann Markus Babbel in seiner SPORT1-Kolumne nur beipflichten: "Sein Verdienst war, aus einem zerbrochenen Haufen ein echtes Team zu formen - ein Team, das nun verdient ganz oben steht und durch unfassbaren Zusammenhalt aufgefallen ist."

Im Vergleich dazu fiel das deutsche Team zwar nicht negativ beim Zusammenhalt auf (sprich: es gab keine Stinkstiefel), doch sieben Spieler (unter anderem die Gladbacher Florian Neuhaus und Jonas Hofmann) durften keine einzige Minute aufs Feld. Nicht nur beim Anblick von Italiens Startelf bei der inbrünstig gesungenen Nationalhymne war die Gruppendynamik in der Squadra Azzurra ungleich höher.

Hoeneß glaubt: Flick ist der genau richtige Mann

"Das Wichtigste war, dass die Spieler sich hundertprozentig mit der Mannschaft identifizierten und eine unzertrennliche Einheit bildeten", sagt auch Giuseppe Bergomi bei SPORT1. Mancini habe der Squadra Azzurra den Glauben gegeben - obwohl er keinen absoluter Topstar im Team hatte.

"Er hat von Anfang an die Jungs überzeugt, dass Italien in die Weltspitze gehört", sagt Bergomi. "Er hatte die Vision, dass man die EM und danach die WM gewinnen kann, daran hat er von Anfang an geglaubt. Er hat damit bei seinen Spielern offene Türen eingerannt und der Erfolg gibt ihm jetzt Recht."

Nun fragt sich Fußball-Deutschland, ob Mancinis Erfolgsweg als Blaupause für den kommenden Bundestrainer Hansi Flick dienen könnte.

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Für Uli Hoeneß ist Flick genau der richtige Mann an der richtigen Stelle. "Bei uns hat er es geschafft, die Mannschaft hinter sich zu bringen", erklärte Bayerns Ehrenpräsident am Sonntag im EM Doppelpass bei SPORT1. "Er hat eine Harmonie und super Stimmung im Team erzeugt, die Spieler sind durchs Feuer gegangen." Genau das also, was man in der Nationalmannschaft jetzt benötige.

Das Sicherheitsdenken von Löw, das Thomas Müller im Anschluss an die EM kritisierte ("Mit unserer Bestrebung, durch eine eher abwartende, kompakte Defensivstrategie ohne Gegentor zu bleiben, sind wir de facto gescheitert"), sollte ebenfalls Geschichte sein.

Löws Mannschaft fehlte der Mut der Italiener

Nimmt man sich den neuen Europameister zum Vorbild, dann kann die Devise nur Offensive heißen. "Mancini hat ihnen Mut eingeimpft und zu verstehen gegeben, dass man nicht mehr das Italien der alten Schule ist", erklärt Bergomi. "Wir konnten schon immer gut verteidigen und auf Konter spielen – jetzt versuchen wir immer, unser eigenes Spiel aufzuziehen."

Laut Cantalupi habe man den Mut gehabt, auf die spielerische Variante zu setzen – und das ohne große Stars. "Italien hat keinen starken Mittelstürmer, weder Ciro Immobile noch Andrea Belotti sind auf internationalem Top-Niveau. Deswegen hat man auf die spielerische Karte gesetzt, aber auch auf die Aggressivität und ein hohes Anlaufen."

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Und während Italien trotz frühen Rückstands gegen England nie den Mut verlor, war das deutsche Achtelfinale gegen den gleichen Gegner mit dem 0:1 so gut wie entschieden. Löws Mannschaft fehlte schlicht die Courage, die Mancinis Elf auszeichnete.

Zusammenhalt, Mut - und die Unterstützung eines ganzen Landes: Diese drei Faktoren waren für die Wunderheilung der italienischen Fußballnation elementar.

Mancinis Spaziergang durch Rom

"Früher war es undenkbar, dass die Nationalspieler einfach einen Spaziergang mitten durch Rom machen", sagt Cantalupi über einen Ausflug der Azzurri vor dem Spiel gegen Wales. "Mancini tat es mit seinen Spielern, nach all den langen und traurigen Monaten der Pandemie. Er wollte, dass die Unbeschwertheit zurück zu den Menschen und Fans kehrt. Das alles hat eine Chemie erzeugt, die hervorragend funktioniert hat. Die taktische Ausrichtung war natürlich auch gut, sie war aber nicht entscheidend."

Dies alles fehlte der deutschen Mannschaft, die sich nach dem Gewinn der WM 2014 immer mehr von der Basis entfremdete. Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ein steriler Fanklub und fragwürdige Marketingmaßnahmen führten zum Gegenteil des Erwünschten.

Für Hansi Flick dürfte es eine Herkulesaufgabe werden, die Entfremdung aufzuhalten und die Nationalmannschaft dem deutschen Fan mit schönem, im besten Fall auch erfolgreichem Fußball, wieder schmackhaft zu machen. Wie Uli Hoeneß aber andeutete: Er könnte genau der richtige Mann am richtigen Ort sein.

Und bei aller Skepsis: Vielleicht tanzen deutsche Nationalspieler schneller als gedacht mit einem Pokal in der Hand durch die Straßen von Berlin, München oder Frankfurt, während ihnen tausende Fans am Straßenrand zujubeln.

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