Forscher: Russland lässt Gulag-Karteikarten vernichten

Gulag-Museum in Moskau

Russische Behörden haben nach Erkenntnissen eines Wissenschaftlers die Vernichtung von Karteikarten angeordnet, die wichtige Auskünfte über das Schicksal von Insassen der berüchtigten Gulags geben könnten. Auf eine Anfrage zu einem bestimmten Häftling hin hätten ihm die Behörden der Region Magadan im Osten Russlands mitgeteilt, dass dessen Karteikarte gemäß einer "amtlichen Anweisung" von 2014 vernichtet worden sei, sagte der Forscher Sergej Prudowsky am Freitag der Nachrichtenagentur AFP.

Prudowsky veröffentlichte die Antwort des örtlichen Innenministeriums der Region Magadan auf seiner Facebook-Seite. Demnach sollen die Karteikarten von Häftlingen gemäß einer Anordnung an das Ministerium, den Geheimdienst FSB und andere Einrichtungen mit Archiven aus der Sowjetzeit lediglich für begrenzte Zeit aufbewahrt werden.

Die Karteikarten enthalten Daten dazu, welche Häftlinge in welchem Gefangenenlager interniert waren, wohin sie verlegt wurden und was aus ihnen wurde - ob sie in Gefangenschaft starben oder freigelassen wurden.

Der Chef des Rechtsausschusses des Kremls, Michail Fedotow, sagte der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, eine Vernichtung der Karteikarten käme einem Akt der "Barbarei" gleich. Er hoffe, dass es sich lediglich um einen Irrtum handele.

Alexej Makarow von der Menschenrechtsorganisation Memorial erklärte, die Anordnug zum Vernichten der Unterlage sei eine Überraschung. Es handele sich um eine nicht veröffentlichte Anordnung zum internen Dienstgebrauch, die nicht öffentlich diskutiert worden sei. Noch sei vollkommen unklar, in welchem Umfang sie befolgt worden sei.

Ein Vertreter des Gulag-Museums in Moskau sagte der Nachrichtenagentur Interfax, nach bisherigen Erkenntnissen sei das Problem nur in der Region Magadan aufgetreten. Es müsse geprüft werden, ob noch weitere Regionen betroffen seien.

Jegliche Vernichtung von Unterlagen zur Unterdrückung während der Sowjet-Zeit sei "zutiefst beunruhigend", sagte der US-Historiker Steven Barnes. Zwar seien die meisten Dokumente der Gulag-Zentralverwaltung auf Mikrofilm außerhalb Russlands gespeichert. Doch befinde sich eine große Zahl von Unterlagen weiter in Russland und sei daher "den Launen des politischen Systems" in Russland unterworfen.