Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Abu Dhabi

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Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Abu Dhabi

SEBASTIAN VETTEL: Im Qualifying sowie im Rennen fanden Vettel und Ferrari gegen Mercedes kein Mittel. Damit wurde es nichts mit dem Vorhaben, das Weltmeisterteam mit zwei Niederlagen in Folge in die Saisonpause zu schicken - und womöglich den in seinem Selbstvertrauen eigentlich unerschütterlichen Champion Lewis Hamilton ins Grübeln zu bringen. Stattdessen machte Abu Dhabi deutlich, dass Vettel auch 2018 ein harter Kampf bevorsteht, wenn es mit seiner ersten Weltmeisterschaft für Ferrari klappen soll. Dass er den zweiten Rang in der WM gegen Rennsieger Valtteri Bottas behauptete, war angesichts seines kaum aufholbaren Punktevorsprungs vor dem 20. Saisonlauf nur ein kleiner Trost.
LEWIS HAMILTON: Sichtlich entspannt gratulierte Hamilton bei der Siegerehrung seinem Teamkollegen Bottas. Zweite Plätze lösen beim sieggewohnten Engländer normalerweise andere Gefühle aus. Doch nachdem sein vierter Titelgewinn seit vier Wochen feststeht, lässt es der 32-Jährige ein bisschen lockerer angehen. Was er mit Ausnahme des Brasilien-Qualifyings seither ablieferte, zeugte immer noch von purer Klasse. Hamilton muss jedenfalls nicht bange werden für 2018. Den Finnen Bottas, zu dem er ein gutes Verhältnis pflegt, hatte er über die Saison relativ locker im Griff. Und aus seinem nicht mehr ganz so starken Mercedes presste er 2017 oft mehr raus, als drinzustecken schien.
VALTTERI BOTTAS: Der Finne hat eine erste Mercedes-Saison mit Schwankungen hinter sich. Zuerst waren da die Zweifel, ob der Schweiger aus Nastola das Format hat, den zurückgetretenen Weltmeister Nico Rosberg zu ersetzen. Nach einer guten Phase im Frühjahr und Sommer zeigte Bottas' Formkurve zuletzt nach unten. In Brasilien vergab er den Sieg trotz Pole Position, in Abu Dhabi aber ließ er sich die beste Ausgangsposition nicht mehr nehmen. Das sorgt für Ruhe im Team und bei den Medien. Bottas selbst lässt sich ohnehin durch nichts nervös machen.
NICO HÜLKENBERG: "Der Hülk" ist einer der heimlichen Helden der Saison 2017. Gegen seine Renault-Teamkollegen Jolyon Palmer und seit vier Rennen Carlos Sainz jr. verlor er nur ein Qualifying-Duell - besser war keiner im Feld. In vielen Rennen holte der Emmericher zudem das Maximum aus dem bestenfalls mittelmäßigen Renault heraus. Das Beste sparte sich Hülkenberg aber für den Schluss auf: Mit Platz sechs hievte er die Franzosen auf den letzten Drücker in der Team-WM noch auf den sechsten Platz. Das bringt dem Team ein paar Millionen Euro mehr ein und hat Hülkenbergs ohnehin guter Reputation bei Renault alles andere als geschadet.
PASCAL WEHRLEIN: Dass er nicht gekämpft hätte, kann man Pascal Wehrlein nicht vorwerfen. In jeder Medienrunde ließ er in seinen Aussagen keinen Zweifel an seiner festen Überzeugung, doch noch irgendwo in der Formel 1 unterzukommen. Auch im Rennen von Abu Dhabi erreichte er im unterlegenen Sauber mit Platz 14 Beachtliches. Überhaupt sind drei Platzierungen in den Punkten mit Hinterbänkler-Boliden in zwei Jahren keine schlechte Bilanz. Der Zeitgeist und die Teampolitik in der Formel 1 meines es allerdings nicht gut mit Wehrlein. Er muss wohl hoffen, dass man sich im nächsten Sommer an ihn erinnert, wenn die Plätze für 2019 vergeben werden.
LIBERTY MEDIA: In der ersten Saison unter dem neuen Formel-1-Eigner ist an vielen Stellschrauben gedreht worden. Große Ambitionen haben die neuen Macher aus der Unterhaltungsbranche, viele kleine Ideen haben gefruchtet. Doch je mehr die Themen den Alltag der Teams tangieren, desto größer wird der Widerstand in der von vielen divergierenden Interessen beeinflussten Königsklasse. Das künftige Motorenreglement, eine Budgetdeckelung, dazu offene Fragen zur Zukunft der Formel 1 im Free-TV (nicht zuletzt in Deutschland) sind Großbaustellen. Und wenn es - wie aktuell - atmosphärisch nicht rund läuft, dann hagelt es auch bei Kleinigkeiten Kritik: Das am Sonntag präsentierte neue Logo der Formel 1 stieß jedenfalls auf wenig Gegenliebe bei einigen Fahrern und vielen Fans, die ihrem Unmut in den sozialen Medien Luft machten. Der neue Formel-1-Besitzer hat noch einen langen Weg vor sich.
DIALOG DES WOCHENENDES: "Ich kann mich nicht erinnern, dass du dieses Jahr viele Leute überholt hast." "Dich ein paar Mal. Das hat gereicht." (Dialog zwischen Vizeweltmeister Sebastian Vettel und Weltmeister Lewis Hamilton bei der Pressekonferenz am Donnerstag)