Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Monza

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Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Monza

SEBASTIAN VETTEL: Der Heppenheimer fühlte sich nach Platz drei beim Ferrari-Heimspiel wie "der König der Welt". Doch Tifosi-Party hin, Liebesbekundungen der Fans her - unter dem Strich war es für Vettel ein schlechtes Wochenende. Nicht nur der angestrebte erste Ferrari-Sieg in Monza seit 2010 wurde verpasst, Vettel verlor auch noch erstmals in dieser Saison die WM-Führung an Lewis Hamilton. Mit Blick auf die Restsaison sollte dem viermaligen Champion aber am meisten Sorgen machen, wie deutlich Ferrari den Silberpfeilen in Monza im Trockenen wie im Nassen unterlegen war.
LEWIS HAMILTON: Top im Training, historisch im Qualifying, unantastbar im Rennen - und 161 Tage nach dem Saisonstart nun auch erstmals alleiniger WM-Spitzenreiter. Hamilton hat den perfekten Start aus der Sommerpause erwischt und im Titelkampf das Momentum klar auf seiner Seite. Das beste Auto scheint er mit dem Mercedes W08 mittlerweile auch zu haben. Allerdings: Beim nächsten Lauf auf dem verwinkelten Stadtkurs von Singapur ist Ferrari aufgrund seiner starken Vorleistungen auf vergleichbaren Strecken favorisiert. Doch danach kommen nur noch Kurse, auf denen Hamilton beziehungsweise Mercedes in der Vergangenheit bärenstark unterwegs waren. Das Pendel im Titelkampf könnte im Ferrari-Land endgültig zu Gunsten des dreimaligen Weltmeisters ausgeschlagen sein.
VALTTERI BOTTAS: Hamiltons Teamkollege war als Zweitplatzierter in Monza gleich doppelt wertvoll. Dank der Konstanz des Finnen marschiert Mercedes geradewegs auf die vierte Konstrukteursweltmeisterschaft in Folge zu. Nach dem dritten Silberpfeil-Doppelsieg der Saison beträgt das Polster auf Ferrari, das hinter Vettel in Kimi Räikkönen eine deutlich schwächere Nummer zwei hat, bereits 62 Punkte. Zudem nahm Bottas als Zweiter Vettel wertvolle Punkte weg und machte Hamilton so indirekt zum alleinigen WM-Spitzenreiter. Bottas' Belohnung dürfte bald folgen, seine Vertragsverlängerung bei Mercedes ist nur noch Formsache.
YOUNGSTER: Im Chaos-Qualifying auf der "Seenplatte" von Monza schlug die Stunde der jungen Piloten. An Max Verstappen (19) hat man sich in vorderen Gefilden längst gewöhnt, doch Rookie Lance Stroll (18) stürmte - freilich begünstigt von einer Platzstrafe gegen Verstappen und dessen Red-Bull-Teamkollegen Daniel Ricciardo - als jüngster Fahrer der Formel-1-Geschichte in die erste Startreihe. Direkt hinter Stroll auf Startplatz drei stand in dem 20-jährigen Franzosen Esteban Ocon ein weiterer Youngster. Im Rennen blieb beiden der große Wurf allerdings (noch) verwehrt: Ocon wurde dennoch Sechster, Stroll Siebter.
STRAFEN-ARIE: Taschenrechner statt Transparenz lautete das Motto in Monza. Die Rennkommissare sprachen über das Wochenende gegen neun Fahrer Rückversetzungen um insgesamt 150 Startplätze aus. Wie die Startaufstellung auf dieser Basis genau ermittelt wird, war auch dem Automobil-Weltverband FIA offenkundig ein wenig schleierhaft: Noch kurz vor dem Rennen wurden Grid Girls wie Schachfiguren in der Startaufstellung verschoben, damit die entsprechenden Fahrer auch auf dem richtigen Platz stehen. Zwar ist es richtig, in der Materialschlacht Grenzen aufzuzeigen und ein Limit für erlaubte Motorteile und andere Komponenten zu setzen, doch vielen Fans ist das längst zu kompliziert. Immerhin: Die Formel-1-Führung will zeitnah weg von der höheren Mathematik und ein System finden, dass sowohl gerecht als auch transparent ist. Wie das aussehen soll, ist allerdings noch offen.
SPRUCH DES WOCHENENDES: "Bei der Stimmung in der Auslaufrunde und auf dem Podium fühlt man sich wie der König der Welt. Auch wenn wir heute einen auf den Deckel bekommen haben, bin ich vollauf überzeugt, dass noch richtig etwas kommt in den nächsten Rennen. Das Ergebnis ist mir in der Hinsicht fast ein bisschen egal." (Sebastian Vettel nach Platz drei und dem Verlust der WM-Führung an Monza-Sieger Lewis Hamilton)