Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Montreal

Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Montreal

SEBASTIAN VETTEL: Vielleicht war das ja alles so geplant. Den beiden Siegen zum Saisonauftakt folgte für Sebastian Vettel eine zweimonatige Durststrecke, der 50. Erfolg seiner Karriere ließ ein wenig auf sich warten. Aber jetzt ist ja alles gut: Das Jubiläum durfte auf einer Strecke gefeiert werden, die aufgeladen ist mit Ferrari-Tradition. Gilles Villeneuve, Michael Schumacher und nun Sebastian Vettel. Nebenbei ist der Heppenheimer auch endlich wieder WM-Spitzenreiter und darf sich bestätigt fühlen: Vettel blieb in den vergangenen beiden Monaten ruhig, er wusste ja, dass der nächste Sieg nur eine Frage der Zeit war, dass das Pech irgendwann enden würde. Und dass der Ferrari das geeignete Gefährt auf dem Weg zu seinem fünften WM-Titel ist.
LEWIS HAMILTON: Der Weltmeister hat zwei gravierende Probleme: Sein Mercedes ist längst nicht mehr das beste Auto im Feld. Und er selbst holt auch viel zu selten das Maximum aus dem Silberpfeil heraus. In sieben Saisonrennen landete Hamilton nun dreimal hinter seinem Teamkollegen Valtteri Bottas, und auch sein Sieg in Baku kam nur zustande, weil der Finne spät ausschied. Angesichts der wahren Kräfteverhältnisse ist es ein großes Glück für den Titelträger, dass er zu diesem Zeitpunkt nur einen mickrigen Punkt hinter WM-Spitzenreiter Vettel liegt.
NICO HÜLKENBERG: Über die neue Frisur des Rheinländers lässt sich streiten, mit wasserstoffblondem Schopf erschien Hülkenberg in Montreal. Völlig unstrittig ist dagegen, dass sein Renault-Team auf dem besten Weg ist, das Minimalziel für dieses Jahr zu erreichen: Platz vier hinter den drei Top-Rennställen Ferrari, Mercedes und Red Bull. Dazu trägt Hülkenberg weiterhin mehr bei, als sein ebenfalls solider spanischer Teamkollege Carlos Sainz jr. Wenn der Deutsche in dieser Saison ins Ziel kam, dann lieferte er. Allerdings wird genauso deutlich: Näher an die Spitze ist Renault noch nicht gerückt, die Lücke zu den Großen ist sogar eher angewachsen. Bis zum Projekt WM-Titel 2020 bleibt es ein weiter Weg.
FERNANDO ALONSO: Der McLaren-Pilot erfuhr rund um sein 300. Rennen viel Liebe von der Formel 1, konnte dieses Gefühl aber nicht so richtig erwidern. Alonso wirkt emotionslos, die Jahre in der sportlichen Bedeutungslosigkeit haben Spuren hinterlassen. Es ist daher gut möglich, dass er schon in der kommenden Saison weg ist und in der US-Serie IndyCar ein neues Abenteuer sucht. In wenigen Tagen darf er sich beim herbeigesehnten Ausflug zu den 24 Stunden von Le Mans schon mal auf andere Gedanken bringen. Die Formel 1, sagt er, sei für ihn zu voraussehbar geworden, das sei der Grund für die Entfremdung - ganz ehrlich ist das wohl nicht. Gute und schlechte Teams gab es immer, auch zu seinen Glanzzeiten. Und säße Alonso momentan in einem Ferrari, Mercedes oder Red Bull, dann würde seine Liebe zur Königsklasse vermutlich lodern wie eh und je. 
DIE KARIERTE FLAGGE: Winnie Harlow wurde noch am Abend in Montreal von jeder Schuld freigesprochen. "Sie konnte nichts dafür", sagte Renndirektor Charlie Whiting über den Flaggen-Fehler kurz vor dem eigentlichen Rennende. Das Supermodel hatte das karierte Stück Stoff schon nach der 69. Runde und damit einen Umlauf zu früh geschwenkt. Für das Rennergebnis musste daher gemäß Protokoll der Stand nach der 68. Runde herangezogen werden. "Es war ein Missverständnis zwischen Race Control und dem eigentlich für die Flagge Zuständigen", sagte Whiting. Ein ziemlich peinliches, muss man sagen. "Aber wir sind auch alle nur Menschen."
SPRUCH DES WOCHENENDES: "Es war in den letzten Runden schwierig, die Augen auf der Strecke zu behalten. Ich habe viel an Michael gedacht, an seinen letzten Sieg hier. Es ist schade, dass er heute nicht dabei sein kann. Den Tag nicht genießen kann als einer der Ferraristi." (Sebastian Vettel über seine Gedanken zum Sieg in Montreal. 2004 hatte Michael Schumacher den zuvor letzten Sieg für Ferrari in Kanada geholt.)