Formel 1: Max Verstappen – Die ultimative Geduldsprobe

In vier der letzten sechs Rennen musste Max Verstappen seinen Boliden zuletzt vorzeitig abstellen. Die Pechsträhne des Niederländers stellt ein extremes Kontrastprogramm zu dem dar, was der 19-jährige Red-Bull-Pilot in der vergangenen Saison erlebte. Das Rennstall-Heimspiel am Spielberg soll die Wende bringen.

In vier der letzten sechs Rennen musste Max Verstappen seinen Boliden zuletzt vorzeitig abstellen. Die Pechsträhne des Niederländers stellt ein extremes Kontrastprogramm zu dem dar, was der 19-jährige Red-Bull-Pilot in der vergangenen Saison erlebte. Das Rennstall-Heimspiel am Spielberg soll die Wende bringen.

"Daniel ist zum vierten Mal in Folge auf das Podium gefahren und hat nun auch noch einen Sieg geholt. Er hat eine Glücksträhne, ganz im Gegenteil zu Max." Red-Bull-Teamchef Christian Horner fasst die derzeitige Gemengelage seiner beiden Piloten vor dem Heim-Grand-Prix am Spielberg treffend zusammen.

Während Daniel Ricciardo derzeit sogar ganz unverhofft zu 25 Zählern kommt, muss Max Verstappen darauf hoffen, überhaupt einmal über die volle Renndistanz in seinem Boliden sitzen bleiben zu dürfen. Der 19-Jährige, dem vor der Saison noch Chancen auf den WM-Titel zugesprochen wurden, steht bereits gehörig unter Druck.

Zumindest macht er sich diesen schon einmal selbst. Die jüngsten Reaktionen, der Galgenhumor nach dem Öldruck-Defekt am Boxenfunk - "Here we go again" - sowie dem Presseboykott nach eben jenem Rennen in Baku, zeigen ein deutlich angeschlagenes Nervenkostüm. Wer soll es dem Jungen verübeln. Eigentlich macht er derzeit doch so vieles richtig.

Verstappen vom Pech verfolgt

"Max fährt derzeit wirklich beeindruckend. Er hat nochmal einen Gang hochgeschaltet", weiß Horner die bisherige Leistung trotz magerer Ausbeute einzuschätzen. "Er muss jetzt lernen, solche Rückschläge durchzustehen und sich an der Tatsache aufrichten, dass er einen unglaublichen Speed hat."

Tatsächlich führt Verstappen beispielsweise im teaminternen Qualifying-Duell trotz 47 Punkten Rückstand in der WM-Wertung mit fünf zu drei. An der Geschwindigkeit liegt es nicht beim Niederländer. Am Renntag selbst allerdings bleibt ihm jegliches Glück verwehrt.

"Wenn ich mir ansehe, was vor den Ausfällen oder den unglücklichen Rennereignissen los war, dann kann ich mir nicht viel vorwerfen", resümiert er selbst die letzten Grand Prix. "Natürlich kann ich mich immer verbessern, aber wenn Dinge ohne mein eigenes Zutun geschehen, was soll ich dann schon tun?"

Marko: "Probleme, die wir nicht mehr lösen konnten"

Nach den Ausfällen in Bahrain (Bremsen), Kanada (Batterie) und Aserbaidschan (Öldruck) ist dies eine nicht unberechtigte Frage, die den Blick auf das Team und Motorenhersteller Renault lenkt. Gerade das Aus in den beiden letzten Rennen war aus Verstappens Sicht besonders frustrierend. Einen Zusammenhang soll es laut Horner allerdings nicht gegeben haben. "Die beiden Defekte hatten nichts miteinander zu tun."

Grund soll stattdessen das Überfahren eines Wrackteils gewesen sein. "Wir haben gesehen, dass ein sehr großes Teil im Luftzufuhrbereich war und plötzlich gingen die Temperaturen hoch. Vielleicht war das die Ursache", vermutet Motorsportberater Helmut Marko.

Einen Fremdkörper schnappte auch Daniel Ricciardo auf. Den allerdings holte man daraufhin schnell an die Box. Bei Verstappen stellte sich aber ein anderes Szenario dar. Eines, in dem der Renault-Motor nicht mehr zu retten war. "Es gab Motorenprobleme, die wir mit Mappings und dergleichen nicht mehr lösen konnten."

Renault gelobt Besserung

Im Lager von Renault ist man sich der Probleme bewusst und gesteht diese auch in der Öffentlichkeit ein. "Es ist völlig klar, dass wir Zuverlässigkeitsprobleme hatten, die wir aber sofort angegangen sind", erklärt Remi Taffin, Technischer Direktor des französischen Motorenherstellers. "Immerhin haben wir bei unseren Kunden übereinstimmende Probleme gesehen."

Probleme, mit denen sich Max Verstappen und Red Bull im kommenden, so wichtigen Rennen von Österreich auf keinen Fall erneut beschäftigen wollen. Dessen ist man sich auch bei den Franzosen bewusst. Motor und Batterien sollen beim Heim-Grand-Prix standhalten.

"Die neuen Batterien sind eine andere Spezifikation. Da besteht dieses Problem nicht. Die Schwierigkeiten mit dem Verbrennungsmotor wurden bereits mit der jüngsten Spezifikation angegangen", erklärt Taffin. Am Spielberg sollen dann die neuesten Versionen der Teile zum Einsatz kommen. "Wir sollten keine Wiederholung der vorherigen Defekte sehen."

Alonso über Ricciardo: "Vom Gesamtpaket her der Beste"

Worte, denen Verstappen wohl erst Glauben schenken mag, wenn er am Sonntag die Zielflagge wieder einmal aus dem Visier heraus sehen kann. Zu bitter ist der derzeitige Blick zum eigenen Teamkollegen. Daniel Ricciardo wird aus allen Richtungen mit Lob überschüttet. Laut Veteran Fernando Alonso ist der Mann aus Down Under sogar "im Moment vom Gesamtpaket her der beste von uns allen".

Auch Gerhard Berger stellt fest, dass der Australier "von allen am konsequentesten überholt." Der Viertplatzierte der Fahrerwertung stiehlt seinem Teamkollegen, der noch im Vorjahr als Sensation und das zukünftige Gesicht der Formel 1 gefeiert wurde, derzeit die Schau. Sympathisch wie eh und je denkt er aber auch an den vom Pech verfolgten Verstappen.

"Max macht mich besser. Er hat derzeit viel Pech, aber er fährt gut und das weiß er", sagt Ricciardo. "Er verliert Podestplätze und viele Punkte, aber er wird zurückschlagen. Wir werden uns weiter gegenseitig pushen."

Trägt Verstappen Mitschuld? Jos: "Bullshit"

Wann der erwähnte Rückschlag Verstappens gelingt, ist wohl nur eine Frage der Zeit. Spielberg wäre wohl die willkommenste Gelegenheit. Eine Gelegenheit, die für den niederländischen Heißsporn nicht früh genug kommen kann. Die momentane Geduldsprobe ist für den 19-Jährigen gleichzeitig eine Reifeprüfung.

Dabei ist sicher die gesamte Familie gut beraten, sich mit voreiligen Kommentaren und Bemerkungen zurückzuhalten. Vater Jos entgegnete Äußerungen von Christian Horner, Max' Frust sei nicht ausschließlich auf Fehler des Teams zurückzuführen, mit einem kurzen aber umso deutlicheren Tweet: "Bullshit!"

Und der Sohnemann schoss nach dem Baku-Rennen noch einmal in Richtung der Crew und freute sich auf die Vorbereitung auf den Österreich-Grand-Prix "im Simulator. Hier kann zumindest der Motor nicht kaputtgehen."

Worte und Spitzen, die Verstappens Gefühlslage nur teilweise ausdrücken. Durchaus weiß der Niederländer die harte Arbeit der Kollegen zu schätzen. Immerhin sei es laut dem WM-Sechsten "nicht gut, wenn man kein Vertrauen in sein eigenes Team hätte."

Eine Devise, die nicht nur für das Rennen in Österreich von enormer Bedeutung scheint, aber genau hier auf eine besonderes harte Probe gestellt werden dürfte.

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