Formel 1 Hockenheim 2018: Hamilton nutzt Vettel-Drama aus!

Herber Rückschlag für Sebastian Vettel: Der Deutsche fliegt beim Heim-Grand-Prix in Hockenheim in Führung liegend ab, WM-Rivale Lewis Hamilton profitiert und gewinnt vom 14. Startplatz.

Lewis Hamilton (Mercedes) hat ein verrücktes Formel-1-Rennen von Hockenheim gewonnen und WM-Rivale Sebastian Vettel (Ferrari) damit wichtige Punkte und die Führung im WM-Kampf abgenommen. Der Deutsche führte weite Teile des Rennens an, flog jedoch bei nasser werdenden Bedingungen von der Strecke ab und strandete im Kiesbett. Stattdessen landeten Valtteri Bottas (Mercedes) und Kimi Räikkönen (Ferrari) auf dem Podium.

Fotos: GP Deutschland in Hockenheim

Rennergebnis: GP Deutschland in Hockenheim

Hamilton war nur von Startplatz 14 gekommen und hätte zu Rennhalbzeit wohl nicht gedacht, dass er mit der WM-Führung im Gepäck aus Hockenheim abreisen würde. Zwar konnte der Brite schnell Positionen gutmachen und das Mittelfeld überflügeln, doch Ferrari hatte mit der Doppelführung alle Fäden in seiner Hand - bis zur Runde 52, die für die Scuderia und Heimheld Vettel im Desaster endete.

Regen hatte eingesetzt und das Feld in Unordnung gebracht. Eigentlich schien das Schlimmste schon wieder vorbei zu sein, denn die meisten Piloten waren erst gar nicht zum Reifenwechsel gekommen oder hatten bereits wieder zurück auf Trockenpneus gewechselt, als sich Vettel in der Sachs-Kurve vertat und im Kiesbett strandete. "Ich habe es vermasselt", jammerte er mit zitternder Stimme über den Funk, bevor er aus dem Auto stieg und den Traum vom Heimsieg begraben musste.

Zoff bei Ferrari: Räikkönen über Teamorder sauer

"Die Fahrbahn war sehr rutschig", erklärt er im Anschluss. "Ein kleines bisschen zu spät gebremst, die Hinterräder haben blockiert und dann war es einfach die falsche Stelle. Es war mein Fehler. Ich muss mich beim Team entschuldigen, sie haben alles richtig gemacht."

Zuvor hatte der Deutsche weite Teile des Rennens souverän angeführt. Vom Start weg setzte er sich an die Spitze und gab diese nur zwischenzeitlich an Teamkollege Kimi Räikkönen ab, der zehn Runden vor dem Deutschen von Ultrasofts auf Softs gewechselt war und schnellere Runden drehen konnte - alle anderen Piloten warteten auf den drohenden Regen, der in jeder Minute anrücken konnte.

Hinter Räikkönen verlor Vettel jedoch die Geduld und beschwerte sich am Funk, dass er hinter dem Finnen nur Zeit verliert und seine Reifen kaputtmachen würde. Ferrari reagierte mit einer versteckten Stallorder, was Räikkönen jedoch etwas sauer aufstieß: "Wenn ich ihn vorbeilassen soll, dann sagt es doch einfach", so sein Tonus am Funk. Für Ferrari schien die Welt zu diesem Zeitpunkt in Ordnung zu sein.

Auch Mercedes greift ein: Bottas darf nicht gewinnen

Das änderte sich mit dem Abflug von Vettel, der Mercedes die Tür zu einem perfekten Ergebnis öffnete. Denn das Safety-Car kam auf die Strecke und Bottas, der zuvor nach einem Fehler Räikkönens an seinem Landsmann vorbeigegangen war, sowie jener Räikkönen gingen an die Box. Hamilton lag zu diesem Zeitpunkt bereits auf Rang drei und wurde ebenfalls an die Box gerufen, doch in letzter Sekunde entschied man sich um und ließ den Briten draußen - dieser musste sogar von der Boxeneinfahrt über das Gras wieder auf die Strecke fahren.

Als das Rennen zehn Runden vor Ende wieder freigegeben wurde, sah das wie ein Fehler aus, weil Bottas und Räikkönen deutlich frischere Ultrasofts als Hamilton hatten. Dieser geriet auch sofort unter Attacke seines Teamkollegen, doch nach dem ersten Angriff konnte Hamilton plötzlich einen ausreichenden Vorsprung herausfahren. Auch Mercedes griff zur Teamorder und befahl Bottas via Chefstratege James Vowles persönlich seine Position zu halten. "Das verstehe ich", gibt Bottas nach dem Rennen zu Protokoll. "Ich muss das Positive mitnehmen, es war beim Heim-Grand-Prix ein perfektes Ergebnis für uns."

Das ermöglichte Hamilton von Startplatz 14 aus einen unerwarteten Erfolg einzufahren. "Von dieser Position aus ist es natürlich sehr schwierig und höchst unwahrscheinlich, aber man muss immer daran glauben", sagt er nach dem Rennen. "Es war so hart da draußen, aber es waren die richtigen Bedingungen um zuzuschlagen. Als der Regen kam, wusste ich, dass ich eine gute Position habe, aber man weiß nie, was nach dem Crash passieren würde."

Red Bull vermasselt Regenpoker

Der Regen ab Runde 44 hatte ein bis dato nicht gerade spektakuläres Rennen in einen wahren Krimi verwandelt. Wie ein Damoklesschwert schwebte er bis dahin über dem Rennen und beeinflusste die Strategie vieler Piloten, die nicht zu früh in die Box kommen wollten, um bei einem möglichen Schauer nicht ein zweites Mal zum Reifenwechsel kommen zu müssen.

Auch Rennsieger Lewis Hamilton wurde seine Soft-Reifen erst in Runde 43 los. Ausgerechnet einen Umlauf nachdem der amtierende Weltmeister auf Ultrasoft gegangen war, fing es in der Haarnadelkurve an zu regnen. Vor allem Fahrer außerhalb der Top 10 reagierten schnell und wechselten auf Intermediates: Charles Leclerc (Sauber) und Fernando Alonso (McLaren) waren die Ersten, Toro Rosso setzte Pierre Gasly sogar auf die Full-Wet-Reifen.

Doch jeder, der gewechselt hatte, büßte für den Poker. Weil der Regen nicht so stark wurde, mussten die Fahrer wieder zurück auf Slicks gehen. Das betraf auch Max Verstappen (Red Bull), der als einziger Fahrer der Topteams gewechselt hatte und eine Menge Boden verlor. Es war nicht der Tag von Red Bull: Wenige Runden zuvor war Daniel Ricciardo bereits mit einem vermeintlichen Motorschaden ausgeschieden. Der Australier war nach von Rang 19 aus gestartet und hatte sich bis dato ins Mittelfeld gekämpft.

Hülkenberg wird starker Fünfter

Verstappen hatte jedoch einen so großen Vorsprung auf die Konkurrenten, dass er am Ende trotzdem Vierter wurde. Vor seinem Poker lag er jedoch vor Hamilton und man kann sich fragen, was ohne den taktischen Fehler am Ende dabei herausgesprungen wäre.

Hinter den Top 4 wurde Nico Hülkenberg (Renault) als Fünfter wieder einmal "Best of the Rest". Obwohl auch Renault in der Phase des zweiten Regens auf Intermediates gegangen war, konnte Hülkenberg die Konkurrenz im Mittelfeld erneut schlagen. Es waren jedoch Renaults einzige Punkte: Teamkollege Carlos Sainz (12.) fasste eine Zehn-Sekunden-Strafe auf, weil er hinter dem Safety-Car überholt hatte, und rutschte aus den Top 10.

Auch bei Haas konnte nur Romain Grosjean (6.) gute Punkte holen, nachdem beide Fahrer in der Safety-Car-Phase wieder auf Trockenreifen wechseln mussten und Magnussen (11.) dabei hinter Grosjean warten musste. Dafür kam Force India mit beiden Fahrzeugen in die Top 10: Sergio Perez wurde trotz eines Drehers in Kurve 8 Siebter, Esteban Ocon knapp dahinter Achter.

Punkte für Sauber, Desaster für McLaren & Williams

Sauber durfte sich nach dem Doppel-Ausfall von Silverstone wieder einmal über Punkte freuen. Allerdings war es diesmal nicht Charles Leclerc, der mit seinem Reifenwechsel, einem Dreher in Kurve 1 und einem Abflug in Kurve 3 ein gutes Ergebnis verspielte, sondern Marcus Ericsson, der mit Rang neun zwei weitere Zähler holen konnte. Brendon Hartley (Toro Rosso) sicherte sich mit Rang zehn seinen zweiten Formel-1-Punkt.

Seine Chance nicht genutzt hat derweil McLaren. Fernando Alonso gab das Rennen eine Runde vor Schluss auf, nachdem auch sein Poker nicht aufging, Teamkollege Stoffel Vandoorne wurde farbloser 13.

Eine Chance auf Punkte hätte es heute für Williams geben können, doch das britische Traditionsteam brachte keines seiner beiden Autos ins Ziel. Sergei Sirotkin musste sein Fahrzeug nach 51 Runden rauchend am Streckenrand abstellen, zwei Runden später wurde auch das Auto von Lance Stroll in der Garage geparkt.

In der Gesamtwertung hat derweil Lewis Hamilton die Führung zurückerobert. 188 Punkte hat er jetzt auf seinem Konto und damit 17 mehr als WM-Rivale Sebastian Vettel (171). Auch in der Konstrukteurswertung konnten die Silberpfeile Ferrari überholen: 310 Punkte hat Mercedes, Ferrari 302. Weiter geht es schon am kommenden Wochenende mit dem Großen Preis von Ungarn.