Formel 1 absurd: Entscheiden Strafen die WM?

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Die Formel 1 wird zum Strategie-Poker - auch im WM-Kampf. Das ist bisweilen absurd, bringt aber ein zusätzliches Spannungselement.

Formel 1 absurd: Entscheiden Strafen die WM?
Formel 1 absurd: Entscheiden Strafen die WM?

Der WM-Kampf wird immer mehr zum Pokerspiel: Sogar beim Motorenwechsel am Auto von Valtteri Bottas lässt sich Mercedes nicht in die Karten schauen.

Während die Presseabteilung den Wechsel offen als eine „strategische“ Maßnahme bezeichnet, wirft Teamchef Toto Wolff Nebelkerzen: „Wir haben da etwas entdeckt, ein Leck, das so aussieht, dass wir kein Risiko eingehen wollen. Die Meisterschaft - nicht nur bei den Fahrern, auch bei den Konstrukteuren - entscheidet sich über die Ausfälle.“

Und um die zu verhindern, müssen die Teams den Einsatz ihrer hochkomplizierten Antriebseinheiten von jetzt an strategisch auf die ausstehenden neun Rennen verteilen. Motoren-Schach in der Formel 1!

Formel 1: Die Regeln für Motorwechsel und Co.

Zur Erinnerung: Pro Saison und Auto sind nur drei Verbrennungsmotoren, Turbolader, MGU-K und MGU-H, zwei Batterien und Steuereinheiten sowie acht Auspuffsysteme erlaubt. Wer mehr braucht, muss je nach der Zahl der über dem Limit liegenden Teile mindestens zehn Plätze in der Startaufstellung zurück. Mittlerweile sind alle 20 Fahrer am Limit - das Strategiespiel um die Hybridraketen beginnt. 

Den ersten Zug machte Red Bull mit Max Verstappens Flügelstürmer Sergio Pérez in Zandvoort. Nach dem vermasselten Qualifying des Mexikaners auf Platz 16 nutzte das Team das Malheur und tauschte kurzerhand die gesamte Antriebseinheit. Statt 20 Plätzen ging‘s nur vier zurück.

Seitdem hat Pérez einen vierten Motor in seinem Antriebs-Pool - ohne dafür mit wertvollen vorderen Startplätzen bezahlen zu müssen.

Bottas kassiert Strafe für Rennen in Monza

In Monza hat auch Mercedes bei seinem Nummer-2-Fahrer Bottas die gesamte Antriebseinheit getauscht und vom 1,6-Liter-V6-Verbrennungsmotor, Turbolader, Abgas- und Brems-Elektromotor jeweils die vierte Version des Jahres eingebaut. Der Finne muss dafür kumuliert 20 Plätze zurück.

Heißt auch: Er wird von ganz hinten in den Großen Preis von Italien am Sonntag starten.

Formel 1 absurd - entscheiden statt der verhinderten Ausfälle so die Motorstrafen die WM?

Das Paradoxon: Eigentlich wurde die Regel eingeführt, um Kosten zu sparen und die Antriebseinheiten effizienter zu gestalten. Vorbei sind die Zeiten, als ein Motor nur fürs Qualifying verwendet und mit ein paar Runden am Limit schon seine Lebenszeit ausgehaucht hatte. Heute soll ein rund eine Million Euro teurer Hybridantrieb etwas mehr als 4000 Kilometer halten. Nachhaltigkeit wird groß geschrieben und so zum Leistungskriterium.

Denn wer mehr Motoren benötigt und damit zu verschwenderisch mit den eigenen Ressourcen umgeht, wird bestraft. Ein Beweis für die These: Die Königsklasse ist mit ihren hocheffizienten Hybridtriebwerken so grün, wie es unter den Umständen geht. 

Verstappen fordert Regeländerung

Überraschend beim Motorpoker anno 2021: dass sogar Branchenprimus Mercedes mit solchen Problemen kämpft! Vor Bottas‘ Antriebswechsel in Italien musste schon Lewis Hamilton seinen ersten Motor nach einem Defekt im Freien Training von Zandvoort abschreiben. Auch ihm droht damit im weiteren Saisonverlauf ein vierter Motor - inklusive Strafe.

Womöglich sogar auch schon in Monza?

„Sicher ist gar nichts“, sagte Wolff nach dem Sprint am Samstag darauf angesprochen. Hamilton selbst rechnet allerdings nicht damit: „Ich denke nicht, dass das eine Möglichkeit ist“, meinte der Brite und fügte hinzu, er sei nicht sicher, „ob es zu diesem Zeitpunkt so clever wäre“.

Unverschuldet gerieten indes die beiden Red-Bull-Honda-Piloten in die Motor-Bredouille. Beim Großbritannien-GP schickte Lewis Hamilton Max Verstappen in die Reifenstapel. Beim Einschlag mit 51g erlitt der Honda-Motor Risse. Sergio Pérez‘ Triebwerk ging bei der Startkollision in Ungarn drauf - verursacht durch Mercedes-Pilot Bottas.

Verstappen fordert deshalb sogar eine Regeländerung: „Wenn jemand in dich crasht, du Schäden davonträgst und durch die Regeln einen zusätzlichen Motor benutzen musst, sollte es da etwas mehr Spielraum geben.“

Strafe für Verstappen unvermeidbar

Ein Vorschlag, der zumindest für seinen WM-Kampf in diesem Jahr zu spät kommt. 

2021 gilt es deshalb, die richtige Strategie für den Motorwechsel zu finden. Optimalerweise nutzt man dazu eine Strecke, auf der eine schlechte Startposition leicht wettgemacht werden kann. Oder auf der das Team ohnehin kein Top-Ergebnis erwartet. Teamchef Christian Horner räumt ein: „Wir werden um eine Strafe bei Max nicht herumkommen. Jetzt müssen wir schauen, wann wir sie strategisch gut terminieren.“

Das nächste Rennen in Sotschi könnte dafür eine Option sein. 

Der Brite skizziert die internen Überlegungen: „Macht man es früher - oder später? Oder wählt man einen Zeitpunkt, wenn man eine schlechte Session hatte?“ Wichtig sei, dass man kurzfristig auch auf den WM-Kalender reagieren könne. Horner orakelt: „Solange man flexibel ist, wird sich die richtige Gelegenheit von selbst ergeben.“

Fest steht: Im Motorpoker wird Red Bull genau auf Mercedes schauen. Nicht ausgeschlossen, dass Verstappen und Hamilton ihre Motoren zeitgleich tauschen und gemeinsam von hinten durchs Feld pflügen müssen.

Der absurde Motor-Poker - er bringt auch 2021 ein zusätzliches Spannungselement in die Formel 1.

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