Wie aus einem Football-Talent ein Feuerwehr-Held wurde

Alexandra Müller
·Lesedauer: 4 Min.

Nur fünf Minuten nachdem der Anruf eingegangen war, stand Jacory Harris schon am Schauplatz der Schießerei.

Es herrschte Hektik, Menschen liefen umher und versuchten, den Opfern zu helfen, unter denen sich auch zwei Kinder befanden. Harris hielt sich an all die Dinge, die ihm während seiner Ausbildung zum Rettungssanitäter eingeimpft worden waren.

Schließlich ging es um Leben und Tod, als er kurz darauf die Klinik erreichte. Für eines der Kinder kam dennoch jede Rettung zu spät.

Als ehemaliger Quarterback dachte Harris, sich mit Drucksituationen eigentlich auszukennen. Doch die Herausforderungen, die der 30-Jährige nun nach seiner Football-Karriere bewältigt, sind von einem ganz anderen Kaliber.

Jacory Harris' Geschichte ist ungewöhnlich wie beeindruckend zugleich. Sie dokumentiert die Metamorphose vom einstigen Football-Talent zum Leben rettenden Feuerwehrmann. (NFL: Spielplan und Ergebnisse)

Harris startet als Quarterback durch

Harris wuchs in der hart umkämpften Football-Welt Südfloridas auf. Er war der Star-Quarterback der Miami Northwestern High und führte sein Team zu sechs Titeln in Folge und einem 30:0-Rekord. Mit 49 Touchdown-Pässen in einer Saison stellte er sogar einen Landesrekord auf.

Alle Möglichkeiten für eine Profi-Laufbahn schienen offen zu stehen: Nach seiner Highschool-Zeit unterschrieb Harris bei den Miami Hurricanes, dem Football-Team der University of Miami. Mehr noch: Der Playmaker gehörte sogar zu den 300 vielversprechendsten Talenten des Landes.

Seine beste Saison spielte Harris 2011: 65 Prozent seiner Pässe brachte er an den Mann, seine Touchdown-Interception-Bilanz lag bei 20:9.

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Die Krönung erfolgte dann am 11. Mai 2012: Harris setzte seine Unterschrift unter einen Vertrag bei den Philadelphia Eagles. Doch nur zehn Tage später wurde er bereits wieder entlassen. So verschlug es Harris schließlich in die CFL, wo er 2017 bei den Montreal Alouettes seine letzte Saison absolvierte.

Ein bizarres Ende einer Karriere, die noch gar nicht richtig begonnen hatte.

Vom Football-Talent zum Feuerwehrmann

Blickt Harris heute auf seine Zeit als Football-Spieler zurück, ist er vor allem dankbar für die Erfahrungen. Doch als er dem Sport den Rücken kehrte, wurde ihm bewusst, dass er mehr als nur ein Athlet war: "Ich wollte nicht durch Sport definiert werden", erklärte Harris bei The Athletic.

Seine neue Bestimmung: Feuerwehrmann. Die Umstellung fiel ihm schwerer als gedacht. "In der ersten Woche wäre ich fast gestorben", erinnerte sich Harris. Was auch eigenes Verschulden war: Anstatt sich auf die Ausbildung vorzubereiten, machte Harris erst einmal drei Monate lang Urlaub - und musste seiner Auszeit später Tribut zollen.

Inzwischen weiß Harris allzu gut: Die Anforderungen an einen Feuerwehrmann sind mit solchen im Football nicht zu vergleichen. Täglich heißt es zwei bis drei Stunden Sport, sechs bis sieben Stunden wird die schwere die Ausrüstung geschleppt.

"Dann kommen noch Arbeitsgeräte hinzu, sodass man über 80 Kilogramm über Treppen nach oben tragen oder all das durch einen Flur mit Teppichboden schleppen muss", ergänzt Harris.

Ein Aspekt seiner neuen Karriere fühlt sich dagegen sehr vertraut an: die Gemeinschaft mit Kollegen, die durch ein gemeinsames Ziel entsteht. "Es ist genau dasselbe wie in einer Football-Mannschaft. In unserer Station haben wir elf Jungs, es gibt denselben Teamgeist, den man in einer Umkleidekabine spürt. Ich lerne jeden Tag von ihnen."

Polizeischutz für College-Spieler

Als Feuerwehrmann lastet eine Menge Druck auf Harris' Schultern. Damit umzugehen, hat er während seiner Sportlerzeit gelernt.

Ein Beispiel: "Wenn ein Quarterback eine Interception warf und das Spiel verlor, musste er in ein Polizeiauto steigen und wurde nach Hause gebracht", erklärte Luther Campbell, Urvater der lokalen Jugend-Footballszene in Südflorida. "Die Polizei musste bis zum nächsten Spiel im Vorgarten sitzen. So schlimm war es."

Der Grund: Die Leute hatten viel Geld auf die Spiele der Jugendlichen gewettet. Es ging sogar so weit, dass Spieler im Bus verprügelt worden seien, so Campbell. "Football in Miami ist eine ernste Angelegenheit. Schon die Kinder spüren diesen Druck."

Auch Harris musste derartige Erfahrungen machen: "Auch ich hatte früher Angst. Aber ich habe nie verloren. Man darf einfach nicht verlieren. Es gibt Geschichten, die ich nicht erzählen kann, weil sie die Leute umhauen würden."

Angst ist in seinem heutigen Beruf ebenso ein ständiger Begleiter - doch er weiß mit ihr umzugehen. "Er ist ein Naturtalent für diesen Job", sagte Harris' Ausbilder einst. Der Grundstein für seine Begabung hat Harris offenbar auf dem Football-Feld gelegt.