Foodwatch wirft Zuckerlobby Täuschung von Abgeordneten durch Falschaussagen vor

Die Organisation Foodwatch hat der Zuckerlobby vorgeworfen, Bundestagsabgeordnete durch Falschaussagen über Zucker zu täuschen. Damit gehe die Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) erneut gegen gesundheitspolitische Initiativen vor, die einen Rückgang des Zuckerkonsums zur Folge hätten, erklärte Foodwatch am Mittwoch in Berlin

Die Organisation Foodwatch hat der Zuckerlobby vorgeworfen, Bundestagsabgeordnete durch Falschaussagen über Zucker zu täuschen. Damit gehe die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) erneut gegen gesundheitspolitische Initiativen vor, die einen Rückgang des Zuckerkonsums zur Folge hätten, erklärte Foodwatch am Mittwoch in Berlin.

Konkret verwies Foodwatch auf ein Rundschreiben des Lobbyverbandes an Bundestagsabgeordnete, in dem dieser unter anderem erklärt habe, dass "die Deutschen heute nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien aufnehmen als früher". Trotz Nachfrage habe der Verband diese Aussage nicht belegen können.

Foodwatch zufolge ist nach Angaben der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Kalorienaufnahme in Deutschland seit den 1960er Jahren vielmehr deutlich gestiegen; auch die EU-Kommission und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestätigten dies.

Seit Jahren fordern demnach Mediziner im Kampf gegen Übergewicht gesetzliche Maßnahmen wie Werbeverbote, eine verbesserte Nährwertkennzeichnung und Sondersteuern für Zuckergetränke. "Die Zuckerindustrie verhält sich wie früher die Tabak-Konzerne: Mit Falschaussagen werden die Gefahren der Produkte verschleiert und unliebsame politische Initiativen verhindert", kritisierte Oliver Huizinga von Foodwatch. "Jetzt belügt die Lobby sogar Abgeordnete des Deutschen Bundestags, um ihr Geschäftsmodell zu verteidigen."

Die Organisation kritisierte, dass in der Debatte um Übergewicht und Zucker zahlreiche Mythen verbreitet würden. Das treffe sowohl auf führende Vertreter der Lebensmittelwirtschaft als auch auf Spitzenpolitiker zu. Eine der sieben größten "Zucker-Mythen" sei die Aussage, wonach der Mensch einen Zuckerbedarf habe. Sogar Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) habe in einer Fernsehsendung behauptet, dass "jeder Mensch Zucker" brauche, erklärte Foodwatch.

Es gebe aber "keinen Bedarf, Zucker als Lebensmittel aufzunehmen", erklärte die Organisation weiter. Das menschliche Gehirn benötige zwar eine bestimmte Menge Glukose am Tag. Der Körper sei jedoch in der Lage, diese Glukose beispielsweise aus Stärke aufzuspalten, die etwa in Brot und Nudeln enthalten ist.

Auch die Aussage, wonach Zuckergetränke nicht dick machten, sei falsch. "Es herrscht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke die Entstehung von Übergewicht fördert - sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern", erklärte Foodwatch.

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) forderte eine Versachlichung der Debatte und veröffentlichte ihrerseits "sieben Fakten zu Zucker und Ernährung". "Zucker ist nicht gesundheitsgefährdend, sondern als Lebensmittel Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung", erklärte Hauptgeschäftsführer Günter Tissen.

Nach Ansicht des Lobbyverbandes ist demnach die Kalorienbilanz entscheidend. Wer mehr Kalorien aufnehme als er verbrauche, nehme zu. "Zucker ist kein Dickmacher und deswegen auch kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten", heißt es in der Mitteilung. Es ergebe "keinen Sinn", über einzelne Zutaten zu reden. Auch sei es fraglich, ob eine Strafsteuer auf Zucker ihr Ziel, Kalorien zu sparen, erreicht. Wichen Verbraucher beispielsweise auf preiswertere Varianten eines Lebensmittels aus, würden keine Kalorien gespart.

Die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen, Niole Maisch, erklärte, ihr sei in mehr als zehn Jahren als Bundestagsabgeordnete "keine Gruppe begegnet, die penetranteres und irreführenderes Lobbying betreibt als die Zuckerindustrie". Fakten würden verdreht und Abgeordnete würden mit "pseudowissenschaftlichen Publikationen umgarnt", erklärte Maisch in Berlin.