Flughafeninterview mit Flüchtling aus Afghanistan

Warum kommen Menschen aus Afghanistan nach Deutschland? Warum wollen abgelehnte Asylbewerber nicht zurück in ihr Heimatland? Wie ist die Situation in Afghanistan? Und wie ist die Stimmung in den Sammelunterkünften in Deutschland? Fragen, auf die wir von einem direkt Betroffenen Antworten bekommen wollten.

Euronews-Reporter Hans von der Brelie hat sich am Münchner Flughafen mit einem afghanischen Asylbewerber zum Gespräch getroffen. Kameramann und Journalist bestellen - es ist ein heißer Tag - ein großes Bier, Amiri Sahadat ein Glas Wasser. Wir stoßen an, im Hintergrund ist gelegentlich ein bayerisches Trachtenkostüm oder eine kurze Lederhose zu sehen, der Flughafen-Biergarten ist gut besucht. Mit am Tisch sitzt Stephan Dünnwald, einer der Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrates. Er hat uns den Kontakt zu Amiri vermittelt und hört zu. Wir fassen das Gespräch hier für Sie (in nicht wortgetreuer und gekürzter Fassung) zusammen.

Euronews:

Was geschieht mit den nach Afghanistan abgeschobenen Menschen? Bleiben die dort?

Amiri Sahadat:

In Afghanistan gibt es zur Zeit keine sichere Lage. Menschen, die dorthin abgeschoben werden, bleiben in der Regel nicht länger als einen Monat. (Sie begeben sich erneut auf die Flucht.) Es gibt Zurückgeschobene, die dort keinen Familienanschluss mehr haben. Andere können dort einfach nicht leben, sie finden nichts zum Leben in Afghanistan (keine Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen).

Euronews:

Ist Afghanistan ein sicheres Land heute?

Amiri Sahadat:

Die Situation in Afghanistan ist überhaupt nicht vergleichbar mit der Situation in Deutschland. So etwas wie dort kann man hier in Deutschland nicht erleben. In Afghanistan werden grundlos Menschen vernichtet. Erst neulich gab es wieder einen großen Anschlag, einen Selbstmordanschlag. Es gibt viele unterschiedliche Gruppen in Afghanistan, auch Nicht-Muslime leben dort, indische Volksgruppen. Man kann oft gar nicht mehr genau feststellen, wer denn nun gerade verfolgt oder nicht verfolgt wird...

Euronews:

Gibt es dort sichere Regionen?

Amiri Sahadat:

Wenn es denn stimmen sollte, dass in Afghanistan eine sichere Lage ist, was machen dann die US-Truppen und die Bundeswehr und die NATO dort? Wenn Afghanistan sicher ist, was machen die dann dort? Warum versuchen internationale Organisationen, die Truppensteller davon zu überzeugen, die NATO-Truppen in Afghanistan zu verstärken, die US-Truppen? Die Sicherheitslage kann man nicht wegdiskutieren oder verstecken (das liegt doch auf der Hand, dass es dort nicht sicher ist). Von der deutschen Bundesregierung höre ich immer wieder, dass es dort in Afghanistan sichere Orte, sichere Gegenden, sichere Regionen geben soll. Aber von anderen Leuten habe ich so etwas noch nie gehört, dass Afghanistan sicher sei...

Euronews:

Haben Sie selber auch Angst vor Abschiebung?

Amiri Sahadat:

Ich habe wie die anderen Angst. Ich habe keine permanente Aufenthaltsberechtigung. Ich muss meine Papiere alle sechs Monate verlängern lassen. Dabei habe ich jetzt eine Ausbildungserlaubnis. Ich dachte, wenn ich einen Ausbildungsplatz habe, dann bekomme ich eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung. (...)

Euronews:

Wo kommen Sie genau her?

Amiri Sahadat:

Damals wohnte ich in einem Dorf. Bevor ich von Afghanistan in den Iran wegging, wohnte ich bei meiner Familie, in der Provinz Ghazni. Ausweispapiere hatte ich dort (auf dem Dorf) nicht. Auch jetzt nicht.

Euronews:

Sind Sie denn persönlich verfolgt worden?

Amiri Sahadat:

Die Taliban haben mich mehrmals aufgefordert, für sie zu arbeiten. Ich habe keine Schule besucht und eine Arbeit hatte ich auch nicht. Damals war ich 17 oder 18 Jahre alt. Die (Taliban) haben gesagt: Du kannst mit uns arbeiten. Aber das wollte ich nicht machen, weil das, was die Taliban sagen, das kann ich als Afghane nicht akzeptieren. Die (Taliban) bringen jede Woche, jeden Tag Menschen um.

Euronews:

Sie sind zunächst in den Iran geflohen?

Amiri Sahadat:

Ja, dort habe ich als Maurer gearbeitet, illegal, ohne Arbeitserlaubnis. Ich hatte einige Verwandte im Iran. Aber ich durfte noch nicht einmal meine Verwandte im Iran besuchen. Zweimal pro Woche ist die Polizei gekommen mit einem Minibus, die wollten uns festnehmen und nach Afghanistan abschieben. Aber ich konnte nicht wieder in Afghanistan leben. Meine Mutter weinte am Telefon, hat gesagt, in Afghanistan wird es immer schlimmer. (...) Im Iran wurde ich drei Monate lang festgenommen. Ich habe einen Onkel in Teheran. Der hat versucht, mich über die Grenze in die Türkei zu schicken, hat mir gesagt: damit Du weder bei den Kämpfern in Syrien, noch bei den Kämpfern in Afghanistan mitmachen musst.

Euronews:

Wie sind Sie von den Taliban kontaktiert worden?

Amiri Sahadat:

Viele Leute sind zu den Taliban gegangen, die wurden gezwungen. Aber es gab auch Leute, die wollten nicht mitmachen, die mussten Afghanistan verlassen. Aber das ist nicht alles. Man darf nicht in die Schule gehen. Man darf sich nicht frei bewegen. Es gibt in Afghanistan 14 Volksgruppen, aber nur vier davon sind an der Macht - und je nachdem welcher Volksgruppe man angehört, kann man sich nicht einfach überall in Afghanistan frei bewegen.

Euronews:

Sind Fälle wie der Ihre Einzelfälle?

Amiri Sahadat:

Die Situation war nicht nur für mich schwierig, sondern auch für viele andere in der Altergruppe um die 18 oder 19 Jahre. Einige sagten, wenn sie das Wort Djihad gehört haben, dass sie zu den Taliban gehen wollten um mitzumachen beim Djihad. Aber ich will das nicht. Wenn ich wieder nach Afghanistan gehen muss und dort nur noch einen einzigen Tag zu leben haben sollte, würde ich mich nie und nimmer dem Djihad anschließen. Ich finde, das ist einfach falsch.

Euronews:

Es wird jetzt wieder von der Bundesrepublik Deutschland nach Afghanistan abgeschoben. Sie haben in Ihrem Bekanntenkreis viele Afghanen, die sich in einer ähnlich prekären Lage wie Sie befinden. Wie reagieren Ihre afghanischen Bekannten auf die Situation?

Amiri Sahadat:

Wir haben die Motivation verloren. Wir haben Kraft. Wir wollen arbeiten. Aber wir haben keine Arbeitserlaubnis bekommen. Manche, die - so wie ich - eine Ablehnung (auf ihr Asylgesuch) bekommen haben, wurden massiv depressiv. Ich kenne auch einige Leute, die in die psychiatrische Klinik eingeliefert werden mussten. Manchmal verbringen die eine Woche im Heim, dann wiedere eine Woche in der psychiatrischen Klinik. - Wenn wir eine Arbeitserlaubnis bekämen und in Deutschland bleiben könnten, dann ginge es uns besser. Ich kenne einen Mann aus Afghanistan, der hat vom Gericht eine ablehnende Entscheidung bekommen. Wenn der jetzt von irgendwoher hört, dass in der kommenden Woche wieder ein Abschiebeflug nach Afghanistan angesetzt ist, dann nimmt der in nur einer Woche zehn Kilogramm ab (vor Angst). Er kann nicht mehr richtig schlafen, er hat einfach massiv Angst. Er kann in der Schule nicht mehr dem Unterricht folgen, er versteckt sich. Bis der Flug nach Afghanistan abgeflogen ist. Dann kann er wieder in die Schule.

Euronews:

Rechnen Sie damit, selber in eine solche Situation zu geraten?

Amiri Sahadat:

Auch ich werde in diese Situation kommen und das macht einfach Angst. Aber ich werde nicht aufhören, positiv zu denken. Aber das kann man nicht immer durchhalten, positiv denken.

Euronews:

Was war denn neu für Sie, als Sie nach Deutschland kamen?

Amiri Sahadat:

Ich musste mich an die andere Kultur gewöhnen, zum Beispiel an die Pünktlichkeit und an das U-Bahn-Fahren. Auch die Schule war neu für mich. In Afghanistan bin ich nicht zur Schule gegangen.

Euronews:

Wie sind Sie denn nach Deutschland gekommen?

Amiri Sahadat:

Als ich nicht länger im Iran bleiben konnte, stand ich vor der Wahl, entweder zurück nach Afghanistan oder nach Europa zu gehen. Über die Türkei und Griechenland bin ich nach Europa gekommen. (...) Ich kann mich noch an die Überfahrt nach Griechenland erinnern, so viele Leute in so einem kleinen Schlauchboot. Ich kann nicht schwimmen. Alle bekamen so eine lächerliche, kleine Schwimmweste. Mir wurde ein kleines Kind in den Arm gedrückt, das sollte ich halten während der Überfahrt. Aber es war so eng. Ich habe meine Schwimmweste ausgezogen und weggeworfen. Die anderen haben mich gefragt warum. Damit mehr Platz ist auf dem Boot für die Kinder.