Fluchtursache Klima – Warum die Industriestaaten jetzt handeln müssen

Der Klimawandel führt zu Dürre, Fluten und Hunger. Wenn die Industriestaaten jetzt nicht eingreifen, tragen sie morgen die Konsequenzen der Völkerwanderung.


  • Wie die Folgen des Klimawandels auch Deutschland treffen
  • An drei „Hotspots“ lässt sich schon heute die Zukunft ablesen
  • Infografiken zur Zahl der Klima- und Kriegsflüchtlinge und zu Prognosen bis 2050
  • Interview mit Munich-Re-Chef Joachim Wenning: „Der Klimawandel wird ganze Völker betreffen“

Rabeya Akter hat schon viele Stürme erlebt. Doch dieser Zyklon vor zwei Jahren war anders, sagt sie. Stärker als alles, was zuvor über Rabeya und ihre Familie hinweggefegt ist. Ein erster Baum fiel auf das Haus, dann noch einer, und als das Wasser aus dem Flussbett trat und immer weiter stieg, wusste sie, dass sie und ihre Familie sich irgendwie retten mussten.

Eine Stunde lang wateten sie durch das Wasser, erzählt sie. Ihre Hand schmerzte, verletzt von einem Trümmerteil. Schließlich zogen Rettungskräfte sie und ihre Familie in ein Boot. Als Rabeya Tage später in ihr Heimatdorf Gerakul im Süden Bangladeschs zurückkehrte, fand sie ihr Haus nicht mehr. „Es war alles weg“, sagt sie. Es sollte das letzte Mal sein, dass sie ihre Heimat sah. Sie flüchtete.

Rabeya gehört zu jenen Hunderttausenden von Menschen allein in Bangladesch, die ihre Heimat wegen zunehmender Wetterkatastrophen und zahlreicher Wasserfluten bereits verlassen haben. „Die Zyklone werden stärker und häufiger, der Meeresspiegel steigt, und die Ufer-Erosion nimmt zu“, sagt Marjan Nur, der in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka an der Brac University über die Auswirkungen der globalen Erwärmung in Bangladesch forscht. „Vieles deutet darauf hin, dass die Menschen durch den Klimawandel entwurzelt werden.“

Das Schicksal von Rabeya steht stellvertretend für das von Millionen Menschen in der Welt. Abnehmende Wasserressourcen, Naturkatastrophen und geringere landwirtschaftliche Erträge schlagen immer mehr Menschen in die Flucht. Der Klimawandel ist einer der Treiber steigender Migration – und könnte bis 2050 bis zu 143 Millionen Menschen dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen.


Besonders betroffen sind Südasien und afrikanische Länder südlich der Sahara. In geringerem Umfang auch Lateinamerika, zeigt ein im Frühjahr von der Weltbank vorgelegter Bericht. Der überwältigende Anteil würde 2050 aus Afrika kommen – ganze 86 Millionen Klimaflüchtlinge.

Gegen solche drohenden Völkerwanderungen sind die aktuellen Flüchtlingszahlen eine Kleinigkeit. Und die Prognosen zeigen: Es muss nicht nur mehr gegen globale Erwärmung getan werden. Den Betroffenen in ärmeren Ländern muss geholfen werden – auch weil sonst neue Flüchtlingswellen drohen.

„Viele Menschen werden klimabedingt ihre Zukunft anderswo suchen, auch auf unserem Kontinent“, sagt Joachim Wenning, Chef von Munich Re, im Interview mit dem Handelsblatt. „Die Herausforderungen durch humanitäre Katastrophen werden eine Dimension einnehmen, die schwer zu organisieren sein wird.“


Manche Experten wiegeln ab, reden von Alarmismus. Die überwältigende Zahl der Migranten würde innerhalb ihrer Landesgrenzen oder in ihrer Region bleiben. Das ist aber zu kurz gegriffen. Langfristig verschärfen „Klimaflüchtlinge“ die Flüchtlingsproblematik dramatisch. Der Klimawandel verknappt Ressourcen und wirkt wie im Syrien-Krieg als Konfliktverstärker.

Es droht ein Teufelskreis von Naturkatastrophen, Hunger, Migration und neuen Konflikten und Kriegen. Selten ist der Klimawandel allein Grund für Migration, er „wird aber immer mehr zum Risikoverstärker für den Ausbruch von Konflikten“, sagt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Entwicklungsorganisation Germanwatch. „Schon heute führen Wetterextremereignisse in ethnisch zerklüfteten Regionen und, wenn auch weniger prägnant, bei großer Kluft zwischen Reich und Arm zu signifikant mehr Gewaltausbrüchen.“

Erzwungene Immobilität

Wie sehr der Klimawandel auch Deutschland betrifft, zeigen nicht nur die aktuellen Rekordtemperaturen. Ein nur vermeintlich fernes Beispiel ist der Syrien-Konflikt. Notwendige Landreformen waren jahrzehntelang ausgeblieben. Dann kam die größte Dürre seit Jahrhunderten. Mehr als 80 Prozent des Viehs wurden notgeschlachtet.

Über eine Million Menschen migrierten in die Städte, in die auch viele Flüchtlinge vor dem Irak-Krieg gezogen waren. Proteste gegen die ausbleibenden Landreformen wurden brutal niedergeschlagen. Die Folge: Millionen machten sich auf, nicht wenige nach Europa. „Der Klimawandel hat konkrete und dramatische Auswirkungen auf das Leben sehr vieler Menschen, gerade in den Ländern des globalen Südens“, sagt Jacob Schewe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Co-Autor des Weltbankreports.


Klima ist laut Experten ein „Risikomultiplikator“. Trinkwasserquellen versiegen, Äcker vertrocknen, weil es immer wärmer wird. Die Menschen verschlimmern die Lage, indem sie die Weiden zu stark ausbeuten und Wälder abholzen, was den Grundwasserspiegel noch weiter sinken lässt. Am Ende können sie ihre Herden nicht mehr füttern und ihre Felder nicht mehr bestellen. Dann drohen Verteilungskonflikte zu eskalieren, die schon lange schwelen.

Weltweit gibt es laut Weltbank drei „Hotspots“, an denen sich die Zukunft schon heute ablesen lässt: die Länder südlich der Sahara in Afrika, Südasien und Lateinamerika. Dort lebt zusammengenommen mehr als die Hälfte der Menschen aller Entwicklungsländer.


Für alle Weltregionen gilt: Betroffen von Klimakatastrophen sind vor allem die Ärmsten der Armen. Kleinbauern, Fischern oder Obdachlosen fehlt es an Mitteln, sich bis Europa oder Amerika durchzuschlagen. Sie enden in Slums oder Flüchtlingslagern. „Erzwungene Immobilität“ nennen es die Experten, wenn Menschen gar nicht mehr wissen, wohin. „Eine durchschnittliche ländliche Familie aus Bangladesch wird, wenn sie durch den Klimawandel ihre Lebensgrundlagen verliert, in der Regel nicht als Erstes nach Europa auswandern“, so Schewe.

Auch Rabeya flüchtete nicht ins Ausland, sondern nach West Duaripara, in einen Slum in Dhaka. Ihre Eltern leben bereits seit fünf Jahren dort. Auch sie hätten sich für einen Neuanfang entschieden, nachdem ein Zyklon ihr Haus zerstört hatte, sagt Rabeya.

Menschen verlieren wegen Klimaveränderungen ihr Hab und Gut

Viel aufgebaut haben sich ihre Eltern in dieser Zeit nicht: Für Rabeya hatten sie keinen Platz, sie musste sich etwas Eigenes suchen. Ihr neues Zuhause ist eine Zelle aus Beton, etwa so groß wie ein Doppelbett. Es gibt kein Fenster, nur eine Stahltür nach draußen, die an ein Gefängnis erinnert. An der Decke verliert ein klappriger Ventilator den Kampf gegen die schwüle Hitze.

Hier lebt Rabeya nun mit ihrer 16 Monate alten Tochter Mira. Wo ihr Mann ist, weiß sie nicht. Kurz nach der Geburt des Kindes hat er sich aus dem Staub gemacht. Umgerechnet rund 30 Euro verdient sie als Haushaltshilfe, allein für ihre kleine Wohnzelle muss sie davon fast die Hälfte zahlen. Die Toilette teilt sie sich mit 20 anderen Familien.

So wie ihr geht es vielen im Slum West Duaripara, die wenigsten wohnen in einem richtigen Haus. Die Menschen zimmern sich ihre Bleibe aus Werbetafeln und Wellblech zusammen. Weil gerade Regenzeit ist, versinkt alles im Schlamm. Manche Neuankömmlinge bringen ihre Tiere mit. Ziege und Schafe suchen im Müll nach Essbarem.


Bei der Caritas, die in dem Slum mehrere soziale Projekte unterstützt, registriert man, dass immer mehr Menschen wegen Klimaveränderungen Hab und Gut verlieren. „Der Slum wächst immer weiter, er wächst in die Höhe und in die Breite“, sagt Hamidur Rahman, Koordinator für den Schutz vor Katastrophenrisiken bei der Caritas Schweiz. „Die Stadtverwaltung oder die Regierung tun nichts für diese Leute.“ Die Menschen müssen sich als Tagelöhner, Rikschafahrer oder Haushaltshilfen irgendwie durchschlagen.

Viele finden in Dhaka nie einen festen Platz. Nur wenige Hundert Meter von Rabeyas Zelle lebt Laily Begum: Ihr Haus in ihrem Heimatdorf im Distrikt Bargunai versank in einem Fluss, sagt sie. Ufer-Erosion, ein Phänomen, das laut Wissenschaftlern durch heftiger werdende Niederschläge verschärft wird.

Nach mittlerweile vierjähriger Odyssee lebt Laily jetzt auf einer Baustelle, ihr einziger Besitz sind ein paar Kleider, Geschirr und eine Matratze. Derzeit muss sie Geld sparen, um Miete bezahlen zu können. Denn der Bauherr, sagt sie, werde sie bald rausschmeißen. Am liebsten würde sie ihren Sohn ins Ausland schicken: Er ist 17 und arbeitet derzeit auf einer Baustelle. „Doch dafür bräuchten wir Geld, um einen Vermittler und die Reise zu bezahlen“, sagt sie. „So viel haben wir einfach nicht.“

Mehr globale Zusammenarbeit

Die Bilder sind schwer zu ertragen. Ertrinkende Menschen, überfüllte Boote, Flüchtlingslager. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration sind in der ersten Jahreshälfte 2018 rund 50.000 Flüchtlinge über das Mittelmeer oder die türkisch-griechische Landesgrenze nach Europa gekommen.


Aber: „Im weltweiten Maßstab ist das eine verschwindend geringe Zahl“, sagt Ottmar Edenhofer, bislang Chefökonom am PIK und designierter Chef des Instituts. Dagegen sei die Zahl der Flüchtlinge, die Landesgrenzen überquert haben, mit 25,4 Millionen auf ein weltweites Rekordniveau gestiegen.

Nehme man die Zahl der Menschen hinzu, die innerhalb von Landesgrenzen auf der Flucht seien, addiere sich diese Zahl auf 65 Millionen. „90 Prozent der Flüchtlinge“, so Edenhofer, „leben in Staaten wie der Türkei, Pakistan, Uganda, Libanon und dem Iran. Europa trägt also keineswegs die Hauptlast der weltweiten Migration.“

Das bestätigt Lukas Rüttinger, Migrationsexperte bei der Berliner Denkfabrik Adelphi. „Die Mehrheit der Flüchtlinge bleibt im eigenen Land oder geht allenfalls in Nachbarländer“, sagt Rüttinger, der von Umsiedlungen in den Inselstaaten im Pazifik und auf den Philippinen berichtet. „Ob sich an diesem Muster in Zukunft etwas ändert, lässt sich bislang nicht voraussagen“, so der Migrationsexperte. Bislang „kommt in Europa nur ein Bruchteil der weltweiten Zahl der Flüchtlinge an“.


Dass die Flüchtlingspolitik zu einer Zerreißprobe für die deutsche Regierung und die gesamte EU zu werden droht, kritisiert der designierte PIK-Chef Edenhofer hart. Die Politik habe die Maßstäbe „in einem erschreckenden Ausmaß verzerrt“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Anfang Juli, nachdem ihm in München der Romano-Guardini-Preis für seine Verdienste als Politikberater, öffentlicher Mahner und Mitarbeiter im Weltklimarat überreicht worden war.

Europa könne die Kriege im Nahen Osten ebenso wenig ignorieren wie die ethnischen Konflikte und die Folgen des Klimawandels in Afrika und anderen Teilen der Welt, so Edenhofer. „Wer glaubt, man könne Flüchtlinge und Migranten vor allem mit militärischen Mitteln an den Außengrenzen abwehren, hat die Dimension des Problems nicht einmal im Ansatz verstanden.“ Der Klimaforscher fordert nicht weniger, sondern mehr globale Zusammenarbeit.

Die Zeit des Multilateralismus sei mitnichten vorbei. Die großen Probleme von Flucht, Vertreibung und Klimawandel machten nicht vor nationalen Grenzen halt und ließen sich nicht lösen, „wenn wir nicht lernen, miteinander zu kooperieren“. Die Menschheit sei eine globale Schicksalsgemeinschaft, „daran wird kein Populist etwas ändern“.


Für das PIK ist der Kampf gegen den Klimawandel eine Art Gemeinschaftsaufgabe. „Die Industrieländer sind die Gewinner der Globalisierung – aber auch größtenteils für den Klimawandel verantwortlich“, sagt Schewe. „Jetzt müssen wir denen helfen, die besonders von den Folgen betroffen sind. Abschottung hilft nicht weiter.“

Adelphi-Experte Rüttinger warnt davor, Migration immer nur als Gefahrenpotenzial zu sehen. Es brauche einen Perspektivenwechsel, hin zu der Erkenntnis, „dass Migranten durchaus einen positiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten können – wenn man ihnen beispielsweise von Beginn an den nötigen Zugang zum Arbeitsmarkt gibt“.

Wachstumskiller Klimawandel

Was konkret ist zu tun? Für Klimaforscher besteht die erste Priorität darin, weltweit die Emissionen zu mindern, um die Temperatur zu stabilisieren. Die Weltgemeinschaft hatte sich Ende 2015 auf der Klimakonferenz in Paris darauf geeinigt, die Erderwärmung auf unter zwei Grad, besser auf 1,5 Grad Celsius im vorindustriellen Vergleich zu begrenzen, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen.

Davon sind die Länder jedoch noch weit entfernt. Derzeit befindet sich die Weltgemeinschaft eher auf einem Drei-Grad-Pfad.


Zweite Priorität: Betroffene Länder müssten stärker bei der Anpassung an den nicht mehr vermeidbaren Klimawandel unterstützt werden. Und zwar stärker, als es im Moment geschieht.

Unisono kritisieren Klimaforscher, dass derzeit Geld aus den Industrieländern weiterhin vor allem in Form von Katastrophenhilfe fließt – also wenn der Schaden längst eingetreten ist. Dabei wäre Prävention der weitaus bessere Weg, meint Ernst Rauch, Klimaexperte des Rückversicherers Munich Re. „Studien zeigen: Jeder Dollar, der investiert wird, verhindert ein Mehrfaches an Schaden.“

Schließlich vertreibt der Klimawandel nicht nur Menschen aus ihrer Heimat und bedroht ihr Leben und ihre Existenz, er wirkt sich auch zunehmend auf die Wirtschaft aus. „Die Schäden aus Naturgefahren sind seit den 1970er-Jahren stetig gestiegen“, sagt Ernst Rauch, Klimatologe bei der Münchner Rück. Und zwar nicht nur, weil die Bevölkerung wachse und die Vermögenswerte sich erhöht hätten. „Ein weiterer Faktor ist der Klimawandel.“

Die Länder müssten zusehen, dass sie künftig weniger verletzlich gegenüber Naturgefahren sind. „Global betrachtet reicht das, was für Prävention heute getan wird, noch längst nicht aus, um den von uns beobachteten Schadensanstieg zu dämpfen, auch wenn es einige Erfolgsbeispiele gibt“, sagte Rauch dem Handelsblatt.

Als Negativbeispiel nennt er das ungebremste Wachstum von Städten, die durch ihre Küstenlage von Überschwemmungen bedroht werden. Bangladesch zählt Rauch dagegen sogar zu den Erfolgsgeschichten. „Dort hat die Regierung Evakuierungspläne aufgestellt und Schutzräume für die Bevölkerung geschaffen.“ Seitdem sei die Zahl der Opfer nach Flutkatastrophen stetig gesunken. Auch China habe in den Hochwasserschutz investiert und damit die Schäden reduziert.


Die Wissenschaftler am PIK untersuchen derzeit, welche langfristigen Spuren der Klimawandel beim Wirtschaftswachstum hinterlässt. Dass Wachstum und Wohlstand beeinträchtigt würden, sei eindeutig, so Schewe, „die offene Frage ist, wie stark der Einfluss ist“. Klar sei schon jetzt: „Wenn es einem Land nicht gelingt, sich beispielsweise mit einer robusteren Infrastruktur gegen Überflutungen zu wappnen, dann wird das Land immer wieder in seiner Entwicklung zurückgeworfen“, so Schewe.

Zumal die Gefahr eines ungebremsten Klimawandels eben nicht gebannt ist. Der allerdings hätte für den gesamten Planeten verheerende Folgen. Ein Business-as-usual-Szenario, das das PIK für den asiatischen Kontinent erstellt hat, würde bis zum Ende des Jahrhunderts einen Temperaturanstieg von durchschnittlich sechs Grad Celsius bedeuten, was katastrophale Folgen für das Wetter, die Landwirtschaft und die Ernährung, den Handel, die regionale Sicherheit, die Stadtentwicklung und die Gesundheit hätte. Ein solches Szenario stellt für einige Länder in der Region eine existenzielle Bedrohung dar und zerstört jede Hoffnung auf eine positive Entwicklung.

Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) hat die globale Klimakrise schon im vergangenen Jahr als die größte Herausforderung bezeichnet, mit der die menschliche Zivilisation im 21. Jahrhundert konfrontiert ist. Asien und Ozeanien seien besonders betroffen. Die Region gilt als besonders anfällig für den Klimawandel.

Es wird erwartet, dass die Region bei steigenden Temperaturen von stärkeren Taifunen und Zyklonen heimgesucht wird. Die Niederschlagsmenge in den meisten Ländern wird deutlich zunehmen, während für Pakistan und Afghanistan ein Rückgang der Menge erwartet wird. Die Küstenregionen und Tiefebenen sind verstärkt von Überschwemmungen bedroht.


19 der weltweit 25 am stärksten von einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter betroffenen Städte befinden sich in Asien, allein sieben von ihnen auf den Philippinen. Das am stärksten von Küstenüberflutungen gepeinigte Land wird nach Ansicht des PIK jedoch Indonesien sein.

In Asien und Ozeanien leben zwei Drittel der armen Weltbevölkerung. Die sind von einer noch schlimmeren Armut bedroht, wenn nicht schnell und konsequent Maßnahmen zum Klimaschutz wie auch zur Anpassung an unvermeidbare Klimafolgen umgesetzt werden.

Humanitäre Hilfe im Eigeninteresse

Für den Germanwatch-Experten Bals steht fest, dass vor allem mehr dafür getan werden muss, weg von Öl, Gas und Kohle zu kommen: Die Folgen des Verbrauchs fossiler Energien und des Klimawandels im Ursachengeflecht von Kriegsursachen und bereits begonnenen großen Fluchtbewegungen werde immer deutlicher. „Eine intelligente Transformation hin zu Sonne und Wind ist Friedenspolitik und stabilisiert den Planeten“, sagt er.

Die Weltbank zeigt die möglichen Szenarien auf und beziffert sie mit handfesten Zahlen. Wird nichts unternommen, könnten bis zu 143 Millionen Menschen 2050 vor den Folgen des Klimawandels flüchten.


Eine „klimafreundliche“ Entwicklung dagegen würde die Anzahl der Klimaflüchtlinge bis auf 31 Millionen senken. „Wir haben nur eine kleines Zeitfenster“, warnt Weltbank-Chefin Kristalina Georgiewa, „bevor sich die Effekte des Klimawandels vertiefen und wir uns einer neuen Realität stellen müssen“.

Wie dringlich das Problem ist, sehen nicht nur Umweltschützer oder Entwicklungsorganisationen. Konzernlenker wie Munich-Re-Chef Wenning können das Unheil fast jedes Quartal in den Bilanzen sehen. Sein Unternehmen, einer der weltweit größten Rückversicherer, leidet wirtschaftlich stark unter den Folgen des Klimawandels.

Im vergangenen Jahr fiel laut dem Münchner Unternehmen mit 340 Milliarden Euro die größte Schadensumme für Naturkatastrophen aller Zeiten an. Tendenz aufgrund des Klimawandels: stark steigend.

Was ist zu tun? In Deutschland zucken viele noch immer mit den Schultern, trägt man global gesehen doch nur einen kleinen Teil zur Klimaerwärmung bei. Aber das Land gehört aufgrund seiner Wirtschaftskraft mit einem besonders hohen Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen mit zu den Hauptverantwortlichen.

Es wird stets als Vorreiter beim Klimaschutz wahrgenommen, kann seinen Ausstoß an klimaschädlichen Gasen aber kaum senken. Ganz anders die USA, die allerdings aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten sind. Fazit: Wenn sich die reicheren Industrieländer nicht auf eine Senkung der CO2-Emissionen einigen, müssen in nicht allzu ferner Zukunft nicht nur Dämme in New York, Hamburg oder Amsterdam gegen drastische Überschwemmungen gebaut werden.


Humanitäre Pflicht und Eigeninteresse der Industrienationen gebieten eine Erhöhung der Hilfsleistungen an die vom Klimawandel betroffenen Länder in Afrika, Lateinamerika und Asien. „Es wäre einfacher, mehr vor Ort zu investieren und die Ursachen zu bekämpfen, als viele Millionen Menschen zu integrieren“, fasst Wenning die Lage nüchtern zusammen.

Zwar könnten Techniken wie beim Dammbau oder die Entwicklung von hitzeresistenten Samen und hitzebeständigem Pflanzengut bei der Bewältigung der Klimafolgen helfen. Experten sind sich aber einig: Dauerhaft verhindern lassen sich Flüchtlingsströme nur durch ein grundlegendes weltweites Umdenken beim Ausstoß von CO2-Emissionen.

Für Rebaya und Laily in Bangladesch kommen alle Reaktionen zu spät. Beide haben schon davon gehört, dass es wohl so etwas wie Klimawandel geben soll. Wer dafür verantwortlich ist und was sich dahinter genau verbirgt, wissen sie aber nicht. Sie haben auch keine Zeit, sich damit zu beschäftigen.

Denn sie müssen irgendwie ihre Kinder am Leben halten. Womöglich ist ihre Reise noch nicht zu Ende. Rabeya hat gehört, dass man als Haushaltshilfe im Ausland mehr verdienen kann, zum Beispiel in Indien. „Vielleicht wäre das eine Möglichkeit“, sagt sie. „Sobald meine Tochter etwas älter ist, werde ich es versuchen.“ Die Flucht hat gerade erst begonnen.