Flüchtlinge aus Afrin: Ein deutscher Arzt schlägt Alarm

Zivilisten bei der Flucht aus Afrin (Bild: AFP)

Arzt Michael Wilk schlägt Alarm: Tausende der vor den türkischen Truppen geflüchteten Menschen seien Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt. „Internationale Unterstützung ist dringend erforderlich!“, fordert der Mediziner aus Wiesbaden.

Der deutsche Arzt Michael Wilk hilft seit 2014 in den kurdischen Gebieten in Nordsyrien. Doch die aktuelle Lage nach den türkischen Militäroffensiven in Afrin versetzt den erfahren Mediziner in Entsetzen. Er postete nun nach seiner Rückkehr einen eindringlichen Hilferuf auf Facebook. „Die Lage der Geflohenen ist extrem“, schreibt Wilk. „Es mangelt an Zelten, Nahrung, Trinkwasser und medizinischer Versorgung.“

Wilk forderte im Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ internationale Hilfseinsätze. „Sonst ist das nicht zu schaffen“, sagte er angesichts des Leids der Flüchtlinge. Der Allgemeinmediziner übte insbesondere an der Bundesregierung scharfe Kritik: „Ich muss leider feststellen, dass sie sich nicht nur durch Waffenlieferungen, sondern durch Untätigkeit mitschuldig macht an dieser menschlichen Tragödie in Afrin.“ Wer ernsthaft helfen wolle, Fluchtursachen zu beseitigen, müsse genau in Nordsyrien zivile Aufbauhilfe leisten. „Sonst darf man sich nicht wundern, wenn sich die Menschen weiter in Bewegung setzen, weil sie in einem ausgebombten Land keine Existenz finden können“, warnte Wilk.

Der Mediziner ist seit 2014 immer wieder in den kurdischen Gebieten aktiv. „Ich habe letztlich einfach das gemacht, wozu ich in der Lage bin. Und wenn man die Leute einmal näher kennt, dann lässt man sie nicht mehr im Stich“, begründete er sein Engagement. Beim jüngsten Einsatz hatte Wilk nach eigenen Angabe in einem Büro des Kurdischen Roten Halbmonds die Logistik der Nothilfe mitorganisiert. „Insofern sehe ich mich schon als Notarzt im Einsatz, aber dieses Mal in anderer Funktion als in Rakka, wo ich tatsächlich am OP-Tisch stand“, sagte er.

Wilk ist laut dem Profil auf der Internetseite seiner Praxis Mitglied des Obleuteteams des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes Wiesbaden (ÄBD) und fungiert als Leitender Notarzt der Landeshauptstadt Wiesbaden. Der Aktivist engagiert sich zudem im Anarchistischen Forum Wiesbaden.

Die Türkei hat kürzlich nach einem zweimonatigen Feldzug gegen Kurden im Nordwesten Syriens verkündet, dass die schwer umkämpften Gebiete Ost-Ghuta und Afrin vollständig eingenommen sind. Türkische Truppen hatten am 20. Januar die Operation gegen die Kurdenmiliz YPG in der Region Afrin begonnen. Die Türkei sieht in der YPG den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und rechtfertigt die Offensive mit dem Kampf gegen den Terrorismus.

In Teilen der Europäischen Union wird der Einsatz in Syrien als völkerrechtswidrig bewertet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron betonte vor dem EU-Türkei-Spitzentreffen: „Wir werden uns niemals hinter ein Eindringen in einen souveränen Staat stellen, auch nicht dann, wenn sich dieser wie Syrien im Krieg befindet.“