Flucht nach Kolumbien - der stille Exodus Venezuelas

Lebensmittel und Gesundheit, oder zutreffender, Hunger und Krankheit - hauptsächlich deswegen verlassen die meisten Venezolaner ihr Land, die über die Simón Bolívar Brücke nach Kolumbien fliehen. Den wichtigsten Grenzübergang nach Kolumbien passieren bis zu 40.000 Personen täglich. Auf der venezolanischen Seite der Grenze verfallen die Krankenhäuser. 

Finanziert vom Amt für humanitäre Hilfe der EU hat sich das Rote Kreuz seit Mitte 2017 neben der Brücke platziert. Sie bleiben unauffällig, denn wirklich offiziell ist die Krise nicht:

JAVIER FRANCISCO GONZÁLEZ, Landesvertreter des Deutschen Roten Kreuzes:

„Die Position des Roten Kreuzes war es, diesen Posten jeden Morgen zu öffnen und jeden Abend zu schließen. Um die Hand zu heben und zu sagen: "Hier geschieht etwas, schaut her. Denn die Krise ist inoffiziell, unsichtbar auf beiden Seiten".

Das Erste-Hilfe-Zelt ist mit drei Krankenschwestern und einem Arzt besetzt. Menschen kommen mit chronischen Krankheiten, für die einfachste und billige Medikamente gebraucht werden, die aber in Venezuela nicht mehr zu bekommen sind. Verzweifelte Krebspatienten suchen Hilfe – und es gibt sogar unterernährte Menschen. Laut kolumbianischen Rotem Kreuz treffen täglich fünf bis sechs Fälle von Unterernährung ein.

Die Rotkreuz Station ist neben der Behörde für Migration, wo täglich über 3.000 Menschen Schlange stehen, um ihre Pässe stempeln zu lassen. Viele haben Tage gebraucht, um die Grenze zu überqueren. Kontakt zu ihren Familien ist das wichtigste, deshalb ermöglicht das kolumbianische Rote Kreuz den Kontakt zu den Familien, die Migranten können dort ins Internet gehen oder auch nur ihre Handys laden. 

Bevor die Menschen Venezuela verlasen dürfen, müssen sie noch Formalitäten hinter sich bringen. In Venezuela werden 10 Dollar pro Personen für das abstempeln des Passes. Hat man die nicht, steht man Tage in der Warteschlange. Das müsste kostenlos sein, das interessiert aber die Passbeamten an der Grenze nicht.

Angesichts des massiven Zustroms von Einwanderern hat Kolumbien um internationale Hilfe gebeten. Der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe, Christos Stylianides , besuchte kürzlich Cúcuta. Er kündigte an, Europa werde 2 Millionen Euro für Venezuela und 6 Millionen Euro für Kolumbien bereitstellen.

"Für die kolumbianischen Behörden ist es eine große Herausforderung, mit dieser beispiellosen Situation umzugehen, und dazu kommt, sie stehen auch im eigenen Land vor den Herausforderungen des Versöhnungs- und Friedensprozesses. Unsere humanitäre Hilfe geht also in beide Richtungen, nach Venezuela und nach Kolumbien. Aber gerade für Venezuela versuchen wir vieles, um Medikamente bereitzustellen und Projekte zu finden, die im Bereich der Unterernährung arbeiten."

 Ständig siedeln sich neue venezolanische Familien in Cúcuta an. Sie sind Illegale, ohne Dokumente, und sie sammeln sich in den "asentamientos", in preiswerten, aber ungeschützten Bezirken. Hier organisiert der Norwegische Flüchtlingsrat, unterstützt von der Humanitären Hilfe der EU, Aktivitäten für 500 Kinder. Ziel ist es, sie wieder in die Klassenzimmer zu bringen, aber sie sind „Illegale“.

LUZ YADYRA GALEANO SAAVEDRA arbeite für den Flüchtlingsrat vor Ort; beschreibt das Problem:

"Kinder haben jetzt Zugang zu den Schulen, aber dieses Recht auf Schule heißt nicht, dass sie dann auch studieren. Das liegt daran, dass viele dieser Kinder illegal im Land sind. Das heißt, ihre Eltern haben keine Papiere, die ihnen Rechte jeglicher Art in Kolumbien ermöglichen würden. Was heißt das? Es heißt zu Beispiel, diese Kinder bekommen kein Zeugnis, wenn sie das Schuljahr beenden."

Im Bezirk Norte de Santander sind 4.100 venezolanische Schüler registriert. Auch Andreina's Töchter gehören dazu. Ihre Familie hat sich vor drei Jahren illegal in Cúcuta angesiedelt. In Venezuela war sie Krankenschwester und hatte ein normales Leben. Ihre Töchter und Neffen mussten ein Jahr warten, bevor sie in die Schule aufgenommen wurden.

ANDREINA LICED LOIS RINCÓN:

"Die Kinder schaffen es, regelmäßig zu lernen, also Normal in Bezug auf ihre Zeugnisse, aber finanziell ist das nicht normal. Es ist nicht einfach mit drei Kindern in der Schule, wenn man Ausländer ohne Papiere ist. Wenn man gerade für Essen sorgen kann, wie soll man dann Schulsachen, Uniformen und Schuhe kaufen. Das alles ist sehr schwierig".

Schätzungsweise 230.000 illegale Einwanderer leben in Cúcuta. Das Flüchtlingswerk der UN arbeitet mit der Regierung zusammen, um sie zu registrieren - und um ihre Lebensbedingungen langfristig zu verbessern.