Der Flop mit der Superpille

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Der Flop mit der Superpille

„Biohacking“ ist einer der Trends im Silicon Valley. Doch eine Superpille, mit zig Millionen Dollar finanziert, ist laut einer Studie weniger wirksam als eine Tasse Kaffee. Es droht der nächste große Start-up-Flop.


Es sind die neuen Super-Pillen. Die „Sprint“-Tabletten schärfen Aufmerksamkeit, Erinnerungsvermögen, und Schnelligkeit des Gehirns. Sie upgraden im Grunde schon das menschliche Denkzentrum, um es auf das Vordringen der künstlichen Intelligenz vorzubereiten und den Kampf bestehen zu können.

„Wir wollen bessere Menschen machen“, heißt es in einem Werbevideo von HVMN (sprich „Human“) martialisch, während sich Mitgründer Geoffrey Woo eine Handvoll Pillen einwirft und dabei mit höchster Konzentration auf einen Bildschirm schaut. Willkommen in der Welt des „Biohacking“, wo man Menschen eigentlich als fleischgewordene Computer betrachtet, die man mit den geeigneten Zusätzen „upgraden“ muss.

Die Liste der Unterstützer des Start-ups liest sich nicht schlecht. Angeführt wird sie von Ex-Yahoo-Chefin Marissa Mayer und Andressen Horowitz, einem der erfolgreichsten Risikokapitalanleger im Silicon Valley. Alle zusammen haben um die 60 Millionen US-Dollar investiert.


Nun sorgt eine Studie der Universität Maastricht, die im Januar veröffentlicht werden soll, für Wirbel. Der Sender CNBC konnte sie vorab einsehen und zitiert daraus. Da heißt es unverblümt, Sprint, mit einem Preis von rund 40 Dollar für 60 Kapseln, sei kaum oder weniger wirksam als eine gute Tasse Kaffee (also Koffein). Die Umsetzung der Formel der Pille mit dem hauseigenen Wirkstoff Notrobox sei „nicht sehr effektiv“, erklärte einer der Forschungsleiter gegenüber CNBC.

Das ist im Grunde, was Verbraucherschützer seit langem vielen der sogenannten „Gehirn-Boostern“ ankreiden, die landauf, landab unermüdlich in den Werbepausen der Fernsehsender angepriesen werden. Nach Wunder-Schlankmachern und Töpfchen mit Schönheitscremes sind Gehirn-Pillen das größte Wachstumssegment der Branche. Sozusagen das Anti-Gehirnfettmittel für Intellektuelle, die im Valley an der Veränderung der Welt arbeiten. „Nootropics“ werden nicht von der Pharma-Behörde FDA überwacht. Es kann also von jedermann in der Garage hergestellt werden.

HVMN stellt sich vordergründig den Ergebnissen relativ offen und erklärt in einem Blogpost, die Tests seien mit einer „nicht kommerziellen Version von Sprint“ durchgeführt worden. Das Streben nach Erkenntnissen sei Grundbestandteil der Unternehmensphilosophie. Man sei von den Ergebnissen „erfreut“, es habe „weniger gute und gute“ gegeben.

CNBC verkneift es sich allerdings nicht, darauf hinzuweisen, dass kurz nach interner Vorlage der Ergebnisse das Unternehmen von Notrobox in HVMN umbenannt wurde. Zufall? Angeblich wird in der von HVMN gesponserten Studie auch nicht mehr „Sprint“ als Testprodukt genannt, sondern ein „CAF+“-Wirkstoff.

Im Valley malt man sich jetzt beim Bier am Abend aus, wie sich jetzt das Schicksal von Juicero wiederholen könnte, einem Start-up, das eine Saftpresse für 400 Dollar und dazu teure Safttüten im Abonnement verkaufte. Tester fanden dann heraus, dass man die Tüten auch ganz einfach mit der Hand auspressen konnte und sogar noch mehr Saft bekam als mit der Maschine. Juicero hat mittlerweile einfach dicht gemacht.


Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.