Die Flamme der Separatisten brennt noch

Die spanische Regierung akzeptiert die katalonische Unabhängigkeitserklärung nicht. Die Katalanen wollen sich das nicht gefallen lassen. In Barcelona haben 750.000 Menschen für die Abspaltung demonstriert. Ein Kommentar.


Sechs Wochen vor den Neuwahlen in Katalonien haben die Separatisten gezeigt, dass ihre Bewegung noch lange nicht ermüdet ist: 750.000 Menschen gingen am Samstagabend nach Angaben der städtischen Polizei in Barcelona auf die Straße, um für die Freiheit der „politischen Gefangenen“ zu protestieren. Gemeint sind die sieben Ex-Minister der katalanischen Regierung sowie die Chefs der beiden separatistischen Bürgerbewegungen, die allesamt in Untersuchungshaft sitzen. Sie haben die Unabhängigkeit Kataloniens vorangetrieben, die gegen die spanische Verfassung verstößt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem Rebellion und Anstachelung zum Aufruhr vor.

Allerdings sind die Inhaftierten keine politischen Häftlinge – und außer den katalanischen Separatisten nennt sie auch kaum jemand so. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, die Politiker seien nicht wegen ihrer Ideen, sondern wegen ihrer Verstöße gegen die Gesetze im Gefängnis.

Die Demo am Samstagnachmittag war der erste große Test für die Mobilisierungsfähigkeit der Separatisten, nachdem das katalanischen Parlament Ende Oktober die Trennung von Spanien beschlossen hatte. Seitdem ist viel passiert: Die spanische Zwangsverwaltung in der Region hat gegriffen, in deren Folge Madrid die katalanische Regierung abgesetzt hat. Acht ehemalige Minister sitzen in Haft, vier weitere sind mit dem ebenfalls abgesetzten Regierungschef Carles Puigdemont nach Brüssel geflohen.


Vor zwei Tagen haben sich zudem die kommissarische Chefin des katalanischen Parlaments, Carme Forcadell, sowie fünf weitere Präsidiumsmitglieder vor dem Obersten Gericht in Madrid noch von der katalanischen Republik distanziert, die viele Demonstranten am Samstagabend aufleben ließen. „Wir seine eine Republik“ stand auf ihren Plakaten.

Forcadell, eine der zentralen Köpfe der Separatisten, hatte dagegen am Donnerstag vor dem Richter erklärt, die Unabhängigkeitserklärung habe nur „symbolischen Wert“ gehabt. Diese Beteuerung half, um gegen Kaution auf freiem Fuß zu bleiben. Die Frage aber war, wie diese Kehrtwende bei ihren Anhängern ankommen würde.

Für eine klare Antwort reicht die Teilnehmerzahl zwar nicht, aber sie gibt zumindest einen Hinweis. Zwar gingen bei den Unabhängigkeits-Demonstrationen am katalanischen Nationalfeiertag vor einigen Jahren noch doppelt so viele Demonstranten auf die Straßen von Barcelona. Doch auch 750.000 Demonstranten sind eine stattliche Zahl, die 14 Prozent aller Wahlberechtigten Kataloniens entspricht. Sie zeigt, dass die separatistische Flamme trotz all der Schwierigkeiten noch brennt.

Noch immer scheint also eine Wette darauf, dass die Separatisten es nicht mehr schaffen werden, bei den Neuwahlen am 21. Dezember die Parlamentsmehrheit zu erzielen, riskant.