Nein, Flüssigkristalle sind kein Rezeptoren für elektromagnetische Felder

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Hunderte User haben seit Mitte Oktober ein Video auf Facebook geteilt, in dem ein gewisser Dr. Pierre Gilbert angeblich im Jahr 1995 Details einer geplanten Pandemie vorausgesagt haben soll. Er berichtete in einer Rede unter anderem von flüssigen Kristallen, die auf magnetische Frequenzen reagieren sollen. Expertinnen und Experten widerlegten diese Behauptungen gegenüber AFP.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben den Redebeitrag von Pierre Gilbert auf Facebook geteilt (hier, hier). Hunderttausende sahen den Clip auf Telegram (hier, hier).

Die Falschbehauptung: Im Beitragstext einiger Videos heißt es, der "kanadische Theologieprofessor" Dr. Pierre Gilbert habe 1995 vor dem gewarnt, was 2021 Realität ist. In den Beiträgen heißt es: "Das war damals eine Verschwörungstheorie und heute? Heute sind wir mitten im Geschehen!"

Gilbert selbst spricht im Video von Giftstoffen, die Menschen angeblich im Blut tragen würden und von einer biologischen Zerstörung. Er redet von Gesetzen, die Menschen zu Impfungen zwingen. In den Impfstoffen seien außerdem Substanzen enthalten, die zur Kontrolle von Menschen benötigt würden. Flüssigkristalle etwa setzten sich im Hirn fest und könnten dann als Mikrorezeptoren für elektromagnetische Felder agieren. Diese würden über extrem niedrige Ultraschallwellen gesteuert. Die Menschen würden sich so in Zombies verwandeln. Gilbert zieht zudem einen Vergleich zwischen Impfkampagnen und dem Völkermord in Ruanda.

Im Video werden dabei immer wieder neuere Clips in die alte Rede Gilberts eingefügt, die angeblich aktuell den Magnetismus an der Einstichstelle nach einer Corona-Impfung nachweisen. Einige dieser Clips finden sich auch an anderer Stelle im Netz wieder, wo sie ebenfalls in den Kontext von Corona-Impfungen gebracht werden (siehe hier, hier).

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 08.11.2021

Woher stammt das Video?

Über Pierre Gilbert hat AFP nur wenige Informationen finden können. Er ist ein evangelischer Prediger aus der kanadischen Region Quebec. Laut der Webseite der Gruppe "Pleins Feux sur l’Heure Juste", deren Mitgründer Gilbert nach Angaben der Seite ist, sie dieser außerdem Akupunkteur und Heilpraktiker.

Das auf Facebook geteilte Video ist ein kurzer Ausschnitt aus einer Rede, die Gilbert laut Titel des Uploads im Jahr 1996 hielt. Darin spricht er über das "in der Bibel angekündigte" Ende der Welt und die angeblich boshaften Pläne einer Weltregierung, die Menschen in "Zombies" verwandeln möchte.

Er beschreibt eine "biologische Zerstörung" der Menschheit, die von der "Weltregierung" im Laufe der Jahrhunderte geplant wurde. Die Frist für diese Ereignisse solle das Jahr 2000 sein. Den Ausschnitt mit der Jahreszahl lässt die geschnittene Version auf Facebook aus. Zu sehen wäre dieser ab Minute 7:24 im Video.

Auf der Webseite von Pierre Gilbert finden sich auch aktuelle Veröffentlichungen. Beispielsweise ein Artikel zur Covid-19-Pandemie und dem angeblichen "Betrug des Jahrhunderts" aus dem Jahr 2020.

Der Impfstoff ist in Deutschland nicht verpflichtend

Im auf Facebook geteilten Video behauptet Gilbert, Menschen würden zu einer Impfung gezwungen werden. Die darin enthaltenen Stoffe würden eine Kontrolle der Menschen ermöglichen.

Nach wie vor wurde nicht abschließend geklärt, wie Sars-Cov-2 ursprünglich mit dem Menschen in Kontakt kam (mehr dazu hier, hier). Dennoch sind seit Beginn der Pandemie mit Stand vom 9. November weltweit mehr als fünf Millionen Menschen daran gestorben. Eine Impfpflicht gegen das Coronavirus existiert trotz einiger Debatten zum Thema in Deutschland aktuell nicht (siehe hier, hier) .

Auf der Webseite der Bundesregierung heißt es nach Abruf vom 9. November, die Impfung gegen das Coronavirus sei freiwillig. "Es wird jedoch eine starke Impfempfehlung ausgesprochen, um sich nicht nur selbst, sondern die Gemeinschaft zu schützen."

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Berlin bestätigt auf ihrer Webseite, die Impfung gegen das Coronavirus erfolge freiwillig.

In einigen Ländern bestehen allerdings Pflichten zur Impfung in bestimmten Fällen. So veröffentlichte beispielsweise die italienische Regierung im März 2021 ein Dekret, das den Covid-19-Impfstoff für Gesundheitspersonal obligatorisch macht. AFP berichtete zudem im November über einige Regionen in Russland, welche eine Impfpflicht in Restaurants, Cafés und Einkaufszentren eingeführt haben.

Wie AFP ebenfalls berichtete, steht es beispielsweise Restaurants und Veranstaltern in einigen deutschen Regionen durchaus frei, die sogenannte 2G-Regel anzuwenden (hier, hier). Dann sei der Eintritt nur noch für Geimpfte und Genesene erlaubt. Gerade der zunehmende Einsatz dieser Regel wird von Kritikerinnen und Kritikern als "Impfpflicht durch die Hintertür" verstanden (hier).

Flüssigkristalle können nicht wie beschrieben zur Gedankenkontrolle verwendet werden

Laut Gilbert zielt die Impfung darauf ab, "Flüssigkristalle" in die Gehirne von Menschen einzubringen. Dann könnten Menschen durch "ultraniedrige Ultraschallwellen aus der Ferne" beeinflusst werden. So würden wir vom Denken abgehalten werden und uns in Zombies verwandeln.

Im Video wird zudem für einen kurzen Moment ein Auszug aus einem Artikel als Beweis gezeigt, der den Titel "Flüssigkristalle in lebenden Systemen" trägt. Soweit erkennbar, steht in diesem Ausschnitt allerdings nirgendwo, dass solche Kristalle zur Steuerung von Menschen benutzt würden. Mit Gilberts Rede hat der Text selbst nichts zu tun.

Flüssigkristalle finden sich in zahlreichen Alltagsprodukten wieder, wie beispielsweise in LCD-Bildschirmen, kosmetischen Formulierungen oder auch Seifen. Solche Kristalle befinden sich in einem Zustand zwischen fest und flüssig. Dieses kurze Video des Advanced Materials and Liquid Crystal Institute der University of Kent erklärt Flüssigkristalle genauer:

Der Autor des auf Facebook gezeigten Artikels ist Glenn H. Brown, ein berühmter amerikanischer Chemiker, der "in den 1960er-Jahren eine wichtige Rolle bei der Wiederbelebung der Flüssigkristallforschung spielte", erklärte Michel Mitov, Forschungsdirektor des französischen Zentrums für Materialentwicklung und Strukturstudien, am 15. April in einer E-Mail an AFP. Die Verwendung von Flüssigkristallen in Impfstoffen zur Gedankenkontrolle sei allerdings nicht Gegenstand des Artikels, erklärte Mitov. "Ich kenne keine solche Behauptung in den Schriften von Brown oder anderen Forschern," fügte er an.

Hélène Galiègue, Assistenzprofessorin an der Nationalen Hochschule für zivile Luftfahrt in Frankreich und Spezialistin für Elektronik und Telekommunikation, erklärte am 13. April in einer Mail an AFP: "Flüssigkristalle sind kein Rezeptor für elektromagnetische Felder." Es handele sich dabei lediglich um kristalline Strukturen, die je nach Temperatur oder Druck eine Veränderung der Farbe oder Reflexion erreichen könnten. Mit Elektromagnetismus hat das demnach nichts zu tun.

Forschungsdirektor Mitov erklärte zudem: "Flüssigkristall ist ein Aggregatzustand. Es ist keine Substanz, die biologischer Materie hinzugefügt werden könne, sondern die Materie selbst ist in Flüssigkristallen organisiert. Daher ist der Flüssigkristall an sich kein Schadstoff." Flüssigkristalle würden von Natur aus existieren und seien "überall in der lebenden Materie" zu finden.

Auch Forscherin Galiègue erläuterte, es sei sinnlos, von "sehr niederfrequenten Ultraschallwellen" zu sprechen. Elektromagnetische Wellen und Schallwellen seien "von Natur aus völlig unterschiedlich". Die ersten würden sich ohne Unterstützung mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten. Schallwellen hingegen seien mechanische Schwingungen in Luft, Wasser, oder auch bei Musikinstrumenten.

"Ultraschall ist eine Welle mit einem sehr hohen Frequenzbereich, daher können niederfrequente Wellen kein Ultraschall sein", erklärte Mitov. Flüssigkristalle seien daher auf jeden Fall keine Empfänger für elektromagnetische Felder.

Flüssigkristalle könnten ebenso nicht in "Empfänger" umgewandelt werden, die in unserem Gehirn verankert sind, erläutert Galiègue. Um Schallwellen in elektromagnetische Wellen umzuwandeln (wie beispielsweise bei einem kabellosen Mikrofon) bräuchte ein Mikroempfänger außerdem "integrierte Batterien". Diese besitzen Flüssigkristalle allerdings nicht.

"Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gilberts Rede aus wissenschaftlicher Sicht eine perfekte Darstellung des sprachlichen Terrorismus ist", erklärte Galiègue.

Ganz davon abgesehen erklärte Viorel Cîrcu, Professor an der Fakultät für Chemie der Universität Bukarest am 18. November gegenüber AFP: Theoretisch könnten bestimmte Bestandteile zwar Flüssigkristalle in der Impfung bilden. Aber: "Laut der Packungsbeilage des Impfstoffs von Pfizer zum Beispiel enthält dieser eine 0,3-ml-Dosis 30 Mikrogramm Tosenameran, ein sehr niedriger Wert, der weit unter der für die Entwicklung von Flüssigkristallphasen erforderlichen Konzentration liegt", fügte er hinzu. Außerdem verdünnt sich der Impfstoff nach der Inokulation im Körper, so dass es fast unmöglich ist, ihn zu reorganisieren", schloss er.

In Ruanda gab es keine "Zombies"

Gilbert erklärt in seiner Rede: "Erinnern Sie sich an das, was in Ruanda passiert ist". Dies solle als Beweis dafür dienen, dass seine Behauptungen zu einer angeblichen Gedankenkontrolle und die Verwandlung in "Zombies" wahr seien.

In Ruanda kam es im Jahr 1994 zu einem Völkermord an der Minderheit der Tutsi. Im Vorfeld der Geschehnisse kam es zum Abschuss des Flugzeugs des ruandischen Präsidenten Habyarimana. Die von den Hutu, der Bevölkerungsmehrheit im Land, geführte Regierung sah die Schuld bei der Tutsi-Minderheit und rief dazu auf, diese zu töten (mehr dazu hier).

Das Internationale Tribunal für Ruanda (ICTR) gibt an, dass in den 100 Tagen nach dem Abschuss zwischen 800.000 und einer Million Männer, Frauen und Kinder durch Hutu-Extremisten massakriert worden sind.

Diese Morde wurden allerdings nicht zufällig und plötzlich von "Zombies" ausgeführt, wie Gilbert behauptet. Alison des Forges, leitende Beraterin für Human Rights Watch in Afrika und Spezialistin für Ruanda, schrieb 1999 dazu in einem Papier der Menschenrechtsorganisation: "Dieser Völkermord ist das Ergebnis der bewussten Wahl einer modernen Elite, die Hass und Angst schürte, um an der Macht zu bleiben".

"Die Mörder, die den Völkermord durchführten, waren weder Dämonen noch Automaten, die sich nach unausweichlichen Kräften richteten. Es waren Menschen, die sich entschieden, Böses zu tun. Zehntausende wurden von Angst, Hass oder Profit getrieben und trafen ihre Wahl schnell und einfach. Sie waren die Ersten, die töteten, vergewaltigten, raubten und zerstörten," schrieb de Forges.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt auf ihrer Webseite, die Regierung habe per Radio zu den Morden aufgerufen. "Bereits zuvor hatten Sender monatelang systematisch gegen die Minderheit gehetzt und die Menschen zum Morden angestachelt."

Corona-Impfungen machen nicht magnetisch

Im Gilberts Video sind zudem immer wieder Ausschnitte zu sehen, die zeigen sollen, dass Menschen nach Impfungen an der Injektionsstelle magnetisch seien. AFP widerlegte solche Behauptungen bereits in vergangenen Faktenchecks (siehe hier).

Thomas Hope, Impfstoffforscher und Professor für Zell- und Entwicklungsbiologie an der Feinberg School of Medicine der Northwestern University in den USA, erklärte zum angeblichen Magnetismus durch die Impfung gegenüber AFP: "Das ist unmöglich. Es gibt dort nichts, mit dem ein Magnet interagieren kann. Es sind Proteine und Lipide, Salze, Wasser und Chemikalien, die den pH-Wert aufrechterhalten. Das ist im Grunde alles, also ist das nicht möglich."

Selbst wenn ein Impfstoff Spuren von metallischer Substanz enthielte, "müsste man ein ziemlich beträchtliches Stück Metall unter die Haut bringen, damit die Kühlschrankmagnete haften", so Hope. "Man könnte gar nicht genug Metall oder Eisen, das darauf ansprechen würde, in eine Nadel stecken und in die Haut injizieren." Allein dadurch scheidet Nanotechnologie als Möglichkeit für den angeblichen Magnetismus aus.

Laut den Infoblättern der Gesundheitsbehörden in den USA und Kanada führt keine der verfügbaren Covid-19-Impfungen (Biontech/Pfizer, Moderna, Johnson & Johnson oder Astrazeneca) irgendwelche metallbasierten Inhaltsstoffe an. Die US Centers for Disease Control and Prevention (CDC) weisen zudem auf ihrer Webseite darauf hin, dass in den Impfstoffen keine Mikrochips enthalten sind.

Der Wissenschaftsautor Mick West hat das Magnet-Experiment selbst in einem Video auf seiner Website "Metabunk" nachgestellt. Er zeigte, dass nicht nur Magnete, sondern auch andere metallische Gegenstände an jedem Teil seines Körpers haften können, wenn genügend Öl vorhanden ist. Er schafft es zum Beispiel, einen Magneten und eine Münze (Münzen sind nicht magnetisiert) an seiner Nase haften zu lassen. Auch der Wissenschaftler Morgan McSweeney, der unter dem Namen "dr.noc" TikTok-Videos macht, demonstriert in einem Video, dass schon eine kleine Menge an Feuchtigkeit oder Körperöl reicht, um einen Magneten an der Haut haften zu lassen.

Eine Frau, deren Magnet-Video laut BBC viral ging, erklärte auf ihrem TikTok-Kanal zu ihrer Behauptung: "Ich habs versaut und es tut mir leid. Es war hundertprozentig ein Witz, weil mich meine Schwester gefragt hat, ob mein Arm nach meiner Impfung magnetisch sei." Und zu einem weiteren TikTok-Video schrieb sie: "An jeden, der das gesehen hat – nochmal, das ist NICHT echt. Ich habe den Magneten abgeschleckt."

Schon vor der Corona-Pandemie erklärte der Zauberkünstler James Randi im japanischen Fernsehen den Trick eines angeblich "magnetischen Menschen". Nachdem er die Brust eines vermeintlich magnetischen Mannes mit trocknendem Talkumpuder einrieb, konnte dieser keine metallischen Gegenstände mehr an seiner Haut haften lassen.

Fazit: Gilberts Behauptungen haben nichts mit der Coronavirus-Pandemie zu tun und sind auch abgesehen davon in sich unschlüssig. Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht. Auch sogenannte Flüssigkristalle könnten nicht genutzt werden, um Menschen in Zombies zu verwandeln. Die Kristalle beschreiben einen Aggregatzustand und kein Material.

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