Vom Flüchtling zum Zeitarbeiter

Die viel gescholtene Zeitarbeitsbranche wird für viele Geflüchtete zum Tor in den Arbeitsmarkt. Einer von ihnen ist Maher Younes. Weil es mit dem Elektriker so gut läuft, stellt sein Arbeitgeber nun weitere Flüchtlinge ein.


Bis Mitte dieses Jahres war Maher Younes einer von rund 6000 Flüchtlingen, die in Düsseldorf als arbeitssuchend gemeldet waren. Einer aus einer ziemlich anonymen Masse. Younes schaute vor ein paar Wochen noch „traurig zurück“, gibt der 35-jährige Syrer zu. Sein Haus und den erarbeiteten Wohlstand hat er durch Krieg und Flucht verloren. Er und sein 24-jähriger Bruder haben sich im Herbst 2015 nach Deutschland durchgeschlagen.

Die Familie wurde durch die Kriegswirren auseinander gerissen. Younes' Frau und die beiden jüngeren Kinder – drei und fünf Jahre alt – leben seitdem bei seinen Schwiegereltern in Jordanien, die elfjährige Tochter bei Younes' Eltern in der Nähe von Homs. Seit zwei Jahren hat Younes sie alle nicht gesehen.

Aber nun „schaue ich wieder nach vorn“, sagt der Mann mit dem hageren Gesicht. Younes hat Anfang Juli Arbeit gefunden - als Zeitarbeitskraft bei Dahmen Personalservice in Düsseldorf. Das mittelständische Unternehmen mit rund 1000 Mitarbeitern und rund 30 Millionen Euro Jahresumsatz war eine der 22 Firmen, die Jobcenter und Arbeitsagentur zu einer Jobmesse in der Düsseldorfer Handwerkskammer eingeladen hatten.



Die Unternehmen mit Ständen als Anlaufstelle trafen dort auf 300 Flüchtlinge. Die hatten zuvor die erforderlichen Deutsch-Kenntnisse erworben, Bewerbungstrainings durchlaufen und Unterstützung bei der Optimierung ihrer Bewerbungsmappen bekommen. Viele der überwiegend jungen Männer kamen an dem heißen Sommertag in Anzug und Krawatte ins Foyer der Handwerkskammer, andere in kurzen Hosen. Einer von ihnen war Maher Younes.

Dirk Wahl, Abteilungsleiter Handwerk bei Dahmen, ahnte schon, welcher der Kunden des rheinischen Zeitarbeitsunternehmens Interesse an ihm haben könnte. Younes hat die Hälfte seines Lebens auf Baustellen in Syrien, Saudi-Arabien, Jordanien und Nigeria gearbeitet. „Deutsche Technikstandards mögen für ihn neu sein“, sagt Wahl, „aber was zu tun ist und wie es zu tun ist, begreift er sehr schnell.“

Dahmen stellte Younes ein paar Tage später ein. Ein großes Elektroinstallationsunternehmen aus dem Rheinland setzt den Zeitarbeiter seitdem bei einer der wichtigsten Baustellen der NRW-Landeshauptstadt ein: dem Umbau des ehemaligen Galeria-Kaufhof-Gebäudes an der Berliner Allee zu dem neuen Hotel-, Büro und Supermarkt-Komplex „The Crown“, der im Herbst eröffnet werden soll. Dahmen zahlt dem Helfer im Elektrobereich wegen seiner Fachkenntnisse sogar mehr als das Unternehmen laut Zeitarbeitstarif müsste.

Gewonnen haben viele durch das neue Arbeitsverhältnis. Christian Wiglow, ein Jobvermittlungschef mit bäriger Erscheinung, der selber mit 16 Jahren mal Zimmermann werden wollte, zieht eine „absolut positive Bilanz“ der Jobmesse. Nicht nur Younes hat nun einen Job. Die Hälfte der 300 Flüchtlinge ist schon im Gespräch mit potentiellen Arbeitgebern. Zehn bis 20 haben laut Wiglow Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Zehn gehen ins Praktikum beim Deutsche-Post-Logistiker DHL-Group, zehn bei der Messe Düsseldorf, drei in Düsseldorfer Hotels. Einer macht gerade ein Praktikum als Estrichleger mit der Option auf Ausbildung.



Die Zeitarbeitsbranche als Einstieg in den Arbeitsmarkt

Und zwei weitere Flüchtlinge – neben Younes – haben sofort Jobs bei Zeitarbeitsunternehmen bekommen. „Die finalen Ergebnisse werden noch besser, da bin ich mir sicher“, sagt Wiglow, „das dauert aber noch.“ Weitere Jobmessen sollen in Düsseldorf folgen. Reif dafür sind viele Flüchtlinge, die ohne Deutschkenntnisse und oft sogar ohne Kenntnisse lateinischer Buchstaben ankommen, laut Wiglow aber erst nach „ein bis zwei Jahren“ Deutschkurs.

Die viel gescholtene Zeitarbeitsbranche zeigt mit Beispielen wie Younes, dass sie für Flüchtlinge zum bevorzugten Einstieg in den Arbeitsmarkt wird. Viele der Neuankömmlinge verfügen zwar nur über Abschlüsse, die in Deutschland nicht anerkannt werden – aber doch über Fachkenntnisse, auf denen sich aufbauen lässt. „Manche Kunden hatten bislang noch Vorbehalte, etwa wegen Sprachhürden, aber dies legt sich allmählich“, sagt Fabian Prudencia de Almeida.

Der multikulturell aufgewachsene 34-Jährige Geschäftsführer von Dahmen Personalservice mit deutschem Ziehvater, portugiesischer Mutter und russischer Ehefrau, sieht die Flüchtlinge als große Chance für sein eigenes Unternehmen. Drei weitere Flüchtlinge – 22 bis 30 Jahre alt – haben de Almeida, die Niederlassungsleiterin Marion Fitsch und Dirk Wahl inzwischen unter Vertrag genommen. Zehn weitere haben sie im Blick und wollen sie einstellen, um offene Stellen aus den Bereichen Lager-, Logistik-, Maler-, Elektro- und Sanitär sowie Entsorgung zu besetzen.




Younes bringt schon mal Fladenbrot aus einem der marokkanischen Läden in Düsseldorf mit ins Dahmen-Büro an der Graf-Adolf-Straße – als kleines Geschenk für die Mitarbeiter dort und als Zeichen der Dankbarkeit. Der Job auf der Crown-Baustelle gibt ihm ein Stück seiner alten Identität zurück. Bei der Arbeit ist er nicht mehr in erster Linie Flüchtling oder Syrer, sondern Elektriker – wie schon sein halbes Leben lang. Dank des Jobs kann er nun mehr Geld an seine Frau und an seine Eltern überweisen als vom bisherigen Hartz-4-Geld.

Drei Jahre darf Younes vorerst in Deutschland bleiben. Irgendwann möchte er seine Familie nachholen, weiß aber, dass es auch anders kommen kann: „Wenn ich die Wahl habe“, sagt er vorsichtig, „dann bleibe ich in Deutschland“. Wann und wo die fünf wirklich wieder zusammen kommen, bleibt ungewiss. Ab und zu schicken sie ihm neue Fotos aufs Handy.