Wie der Staat von Kinderreichen profitiert

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Wie der Staat von Kinderreichen profitiert

Im Wahlkampf spielen große Familien kaum eine Rolle. Doch eine neue Studie zeigt, dass eine kinderfreundliche Politik dem Fiskus ganz handfeste Mehreinnahmen einbringen könnte. Der Schlüssel liegt im Rentensystem.


Nicht nur im so genannten TV Duell kam ein für die Zukunft Deutschlands besonders wichtiges Politikfeld so gut wie gar nicht zur Sprache: Familienpolitik. Auch der Wahl-O-Mat ignoriert sie. Die Interessen von Eltern, vor allem von Eltern mit vielen Kindern, spielen offensichtlich trotz entsprechender Ankündigungen der CDU im Frühjahr keine große Rolle in der Wahltaktik der Parteien. Eine vierfache Mutter, die Spiegel-Online in einer Reportage wie eine einheimische Exotin vorstellt, kommt zum Ergebnis: „So richtig hat keine Partei etwas für Frauen wie mich im Angebot.“

Das große Schweigen der Parteien vor den Wahlen brechen nun zwei Veröffentlichungen. Die erste ist eine nüchterne ökonomische Studie über „Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Mehrkindfamilien in Deutschland“. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln wird sie heute im Auftrag des Verbands kinderreicher Familien (KRFD) in Berlin vorstellen. Die zweite ist ein emotionales Sachbuch, ein „Plädoyer für eine vom Kind her gedachte Familienpolitik“. Beide Publikationen sind beachtenswert.



Einen „tiefen Riss“ sehen die Autorinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem am Montag erschienenen gleichnamigen Buch. Der Riss zwischen Kinderlosen und Eltern wird vor allem in der Rentenfrage deutlich: „In zehn bis fünfzehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden immer mehr Menschen, die selber keine Kinder haben, eine von der dann erwerbstätigen Generation zu bezahlende gesetzliche Altersrente beziehen.“ Man könnte ergänzen: Und die wird oft höher ausfallen als diejenige der Eltern der künftigen Rentenbeitragszahler. Denn die Kinderlosen konnten tendenziell leichter Karriere machen, dadurch mehr Ansprüche an die Rentenkasse sammeln und auch eher noch zusätzlich privat vorsorgen.

Garsoffky und Sembach stellen fest, dass die Politik die „Sprengkraft des Demografie-Themas längst erkannt – und fürchten gelernt“ habe. Es wird bei der Betrachtung schließlich eine grundlegende Fehlkonstruktion des Sozialstaates deutlich. Keine der Parteien, die seit Jahrzehnten politische Verantwortung tragen, kann ein Interesse daran haben, den Eltern, die die nächste Generation von Beitragszahlern großgezogen haben, zu erklären: Eure eigene Rente wird nicht zum Leben reichen, weil es im von uns zu verantwortenden System ökonomisch vernünftiger ist, keine Kinder zu haben und durch die Kinder anderer abgesichert zu sein, weil wir, wie Garsoffky und Sembach schreiben, „ den Wert von Kindern sozialisiert, die Kosten für sie aber privatisiert haben.“

Da ist es nur konsequent, im Interesse des nächsten Wahlergebnisses von dem Thema möglichst ganz zu schweigen:  „Besser keine ernsthafte und mit allem Nachdruck geführte Diskussion und keine Suche nach umfassenden Lösungen und neuen sozialpolitischen Wegen als ein Absinken in der Beliebtheitsskala“, schreiben Garsoffky und Sembach.



Als Wählergruppe verlieren große Familien ohnehin an Bedeutung. Seit den frühen 1970er Jahren ist die Zahl großer Familien gesunken (siehe Grafik). Kinderlose und Ein-Kind-Eltern sind zusammen in der Mehrheit – und die Kinder der anderen haben schließlich (noch)kein Stimmrecht. Ein echtes Dilemma der gegenwärtigen Politik und Wirtschaft: Diejenigen, die für die Zukunft des Landes und seiner Volkswirtschaft eine herausragende Bedeutung haben, spielen als Minderheit politisch nur eine Nebenrolle.

Wie groß diese Bedeutung allein fiskalpolitisch ist, zeigt die heute veröffentlichte Studie. Die IW-Ökonomen um  Axel Plünnecke beziffern den volkswirtschaftlichen Mehrwert durch Mehrkindfamilien anhand von Musterberechnungen. Fazit: „Bekommt eine Familie mit zwei Kindern, mittlerem Einkommen und mittlerem Lebenslauf der Mutter ein drittes Kind mit mittlerem Bildungsstand, ergibt sich ein positiver gesamtfiskalischer Wert in Höhe von 58.700 Euro. Erreicht es sogar einen hohen Bildungsabschluss liegt der Wert bei  448.500 Euro.“ Eine Fokussierung der Familienpolitik auf die Erleichterung der Entscheidung für weitere Kinder wäre also auch mit Blick auf den Schuldenstand der öffentlichen Haushalte zukunftsträchtig.

Eine Einschränkung macht Plünnecke, allerdings: „Nur wenn es gelingt allen Kindern aus Mehrkindfamilien eine gute Ausbildung zu ermöglichen, können diese ihre volkswirtschaftlichen Potenziale voll entfalten.“ Wenn dritte oder vierte Kinder keinen Berufsabschluss erreichen und daher auch im mittleren Lebensabschnitt  wenig oder gar keine Steuern und Abgaben zahlen, belasten zusätzliche Kinder insgesamt den Fiskus.



Gut verdienende Akademiker haben eher viele Kinder


Die Lebenslage der Familien habe, so die Autoren nach der Auswertung von Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) einen starken Einfluss darauf, ob ein drittes Kind geboren wird. Niedrigqualifizierte Frauen mit relativ geringem Haushaltseinkommen bringen zwar überproportional oft ein drittes Kind zur Welt. Allerdings sei das teilweise dadurch zu erklären, dass vielfach Frauen mit Migrationshintergrund niedrigqualifiziert sind „und sich aufgrund anderer Wertevorstellungen häufiger für größere Familien entscheiden. Zudem kann es eine Rolle spielen, dass sich niedrigqualifizierten Frauen schlechtere Erwerbs- und Karriereperspektiven bieten und sie somit für ein drittes Kind auf ‚weniger‘ verzichten müssen.“ Betrachtet man nur Familien ohne Migrationshintergrund, ergibt sich ein anderes Bild. Nicht so sehr die sozio-ökonomisch schlechter Gestellten, sondern überdurchschnittlich viele Akademiker mit einem hohen Einkommen entscheiden sich für dritte und weitere Kinder. Daraus ergibt sich ein „U-förmiger Zusammenhang“: in der Mitte der Gesellschaft sind große Familien besonders selten geworden. „Die Politik könnte also bei einer gezielten Förderung des Übergangs zum dritten Kind vor allem Familien der Mittelschicht mit mittlerem Bildungsabschluss und Einkommen in den Blick nehmen, schreiben Plünnecke und Kollegen.



Sie haben außerdem festgestellt, dass gesündere und zufriedenere Mütter und Väter sich eher für ein drittes Kind entscheiden. Zudem spiele der Zeitpunkt der Familiengründung und -erweiterung im Lebenslauf eine wichtige Rolle. „So ist die Wahrscheinlichkeit einer dritten Geburt höher, wenn Mütter und Väter früh ihr erstes Kind bekommen haben und der Abstand zum zweiten Kind nicht zu groß ist. Für die Politik heißt das, dass sie, wenn sie Kinderreichtum fördern will, Rahmenbedingungen schaffen muss, die es Paaren erleichtern, früh eine Familie zu gründen und ein gutes und gesundes Familienleben zu führen.“

Elisabeth Müller, Vorsitzende des KRFD wünscht sich von der nächsten Bundesregierung, sie solle „Mehrkindfamilien stärker als eigenständiges und wichtiges Familienmodell wertschätzen“ und sich zu einer „Bevölkerungspolitik bekennen, die Familien, Kinder und Bildung in zumindest genau so großen Teilen berücksichtigt wie das Altern und die Rente“.



Die häufig diskutierte Forderung nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollte nach Müllers Ansicht mit mehr Gelassenheit geführt werden. Nach der Studie leben sehr viele Eltern in den 890.000 Mehrkindfamilien mit minderjährigen Kindern im Allein- oder Zuverdienermodell. Bei Dreikindfamilien ist die Kombination aus einem Elternteil in Vollzeit und einem in Teilzeit mit einem Anteil von 42,7 Prozent am häufigsten. Bei Vierkindfamilien am häufigsten: die Kombination aus einem Elternteil in Vollzeit und dem anderen ohne Erwerbstätigkeit, die bei 44,9 Prozent liegt. „Die allermeisten Mütter in Mehrkindfamilien entscheiden sich ganz bewusst für diese Lebensformen, weil sie genügend Zeit für ihre Kinder haben wollen.“ Umso wichtiger sei es, den Müttern speziell an ihre Bedürfnisse ausgerichtete Bildungsangebote zu machen und ihnen konkrete Optionen für den Wiedereinstieg zu bieten, damit sie nach langjährigen Berufspausen am Arbeitsmarkt leichter wieder Fuß fassen können.




In einer Forderung sind sich die Studienautoren des IW, der Kinderreichen-Verband und die Buchautorinnen Garsoffky und Sembach völlig einig: Das bestehende Rentensystem diskriminiert Eltern auf ungerechteste Art und Weise und gehört radikal reformiert. Wie auch Hans-Werner Sinn immer wieder fordert, sollten Rentenansprüche von der Zahl der eigenen Kinder abhängig werden. Die Ökonomin Susanna Kochskämper schlug zum Beispiel 2015 vor, den sogenannten „Eckrentner“, der als fiktiver Versicherter als Referenzmaßstab für Rentenansprüche dient, neu zu definieren. Die zugehörige Rente würde nur dann vollständig ausgezahlt, wenn zwei Kinder erzogen wurden. Eltern von Mehrkindfamilien würden gestaffelt für jedes weitere Kind Rentenaufschläge erhalten, die Erziehung von weniger als zwei Kindern würde zu Rentenabschlägen führen, die durch private Altersvorsorge zu kompensieren wären.