Ihre Firma macht eine Milliarde Euro Umsatz – und sie gehört den Gründern alleine

Bis zur Milliarde und dann weiter: Autodoc-Gründer Alexej Erdle und CEO Christian Gisy - Copyright: Autodoc
Bis zur Milliarde und dann weiter: Autodoc-Gründer Alexej Erdle und CEO Christian Gisy - Copyright: Autodoc

Ein kleines Büro in Berlin-Weißensee, das Jahr ist 2008, die Finanzkrise beherrscht die Schlagzeilen. In Krisen liegen Chancen, heißt es oft in der Startup-Szene. Max Wegner, Vitalij Kungel und Alexej Erdle fordern ihr Glück heraus und steigen ins Online-Business ein: Das Trio verkauft mit Kfz-Ersatzteile im Netz.

Wie es dazu kam? Alles habe begonnen, als sich sein Mitgründer über die hohen Preise für kleine Reparaturen am eigenen Auto aufgeregt habe, erzählt Alexej Erdle im Gespräch mit Gründerszene. Demnach hatte Vitalij Kungel für den Austausch einer durchgebrannten Glühlampe 60 Euro bezahlen müssen. Weil ihm das zu teuer vorkam, ging er auf die Suche nach günstigeren Angeboten. „Dabei fand er heraus, dass die Glühlampe im Einkauf gerade einmal fünf Euro kostete“, erinnert sich Erdle. Großer Markt und ebensolche Margen? Die Geschäftsidee stand.

Die drei Spätaussiedler sind in Russland geboren und waren als Jugendliche nach Berlin gekommen. Sie haben die Schule mit einem Realschulabschluss verlassen, Erdle beispielsweise machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, Kungel zum Bürokaufmann. Er hatte sich selbstständig machen wollen, erzählt Erdle, und als er über seinen Bruder von der Geschäftsidee der beiden anderen hörte, sei er sofort dabei gewesen. Die weitere Gründungsgeschichte geht so: Über die Webseite pkwteile.de stellen die drei Gründer erste Produkte ins Netz – und das Geschäft geht los. Nach wenigen Wochen sind die ersten 50.000 Euro Umsatz da. Der allererste Verkauf? Eine Glühbirne, erinnert sich Erdle. Schon nach wenigen Wochen sei das Unternehmen profitabel gewesen.

Es folgt die zweite Webseite autoteiledirekt.de, dann autoersatzteile.de – mit der Kennung .at schließlich auch in Österreich und mit .ch in der Schweiz, ohne dabei etwas neu zu programmieren. Unterschiedliche Seitendesigns sollen dem Kaufverhalten jeweils anderer Kundengruppen gerecht werden, aber das Geschäft dahinter ist immer das Gleiche. Das Konzept funktioniert, 2010 ist die Umsatzmillion geknackt. Das ermutigt Wegner, Kungel und Erdle, den deutschsprachigen Raum zu verlassen und innerhalb Europas zu internationalisieren – nach Frankreich, Spanien, Italien.

Bis heute gehört das Unternehmen Autodoc den drei Gründern

Heute heißt die Plattform Autodoc, beschäftigt rund 5.000 Mitarbeiter – bald sollen es noch einmal 200 mehr sein – und baut gerade ein neues Büro mit 14.000 Quadratmetern am bekannten Club Tacheles in der Nähe der Friedrichstraße. Bis heute gehört das Unternehmen zu 100 Prozent den drei Gründern. „Wir haben zwar darüber nachgedacht, ob wir VC-Geld aufnehmen sollen. Allerdings haben wir das nie gebraucht, um das Wachstum zu finanzieren“, sagt Erdle. Natürlich habe es auch Herausforderungen gegeben. „Die bezogen sich aber eher darauf, die Erwartungen der Kunden zu erfüllen“, so der Mitgründer.

Christian Bertermann (links) und Hakan Koç halten zusammen noch gut 30 Prozent an Auto1.
Christian Bertermann (links) und Hakan Koç halten zusammen noch gut 30 Prozent an Auto1.

Im vergangenen Jahr sind Wegner, Kungel und Erdle aus dem operativen Geschäft ausgeschieden und haben die Aufgabe, Autodoc weiter wachsen zu lassen, an den früheren Cinemaxx-Chef und Scout24-Vorstand Christian Gisy abgegeben. Der bringt viel Erfahrung aus dem Plattformgeschäft mit. Was er insbesondere vorantreiben will, ist das Geschäft mit Eigenmarken. Das verspricht höhere Margen, der Anteil am Gesamtumsatz lag im vergangenen Jahr bei rund 16 Prozent.

Das Geschäft boomt, im vergangenen Jahr wurde die Umsatzmilliarde geknackt. Waren in diesem Wert gingen über die Autodoc-Plattformen an die Kunden, dabei ist das Unternehmen „asset light“ aufgestellt und besitzt die Kfz-Ersatzteile nur für eine theoretische Sekunde. Das Angebot richtet sich an Privatpersonen, „Auto-Schrauber“, kleinere Werkstädten – aber auch einer der großen Sharinganbieter. „Wir sind als B2C-Marke aufgestellt, werden im kommenden Jahr aber auch eine B2B-Plattform starten“, sagt Gisy. Etwa die Hälfte des Umsatzes macht Autodoc über die eigene App. „Über die können wir Kunden besser halten und die Warenkörbe sind größer“, so der neue CEO. Das operative Ergebnis – als bereinigtes Ebitda – lag nach eigenen Angaben bei 123,9 Millionen Euro.

„In Krisen wird eher repariert als neu gekauft“

Wie die gegenwärtige Situation mit viel Ungewissheit und hoher Inflation das Geschäft von Autodoc beeinflusst? Da bleibt Gisy entspannt. „In Krisen wird eher repariert als neu gekauft“, sagt er. Dafür sieht er eine Herausforderung in „Gesetz zur Stärkung des Verbraucherschutzes im Wettbewerbs- und Gewerberecht”, das Ende Mai in Kraft getreten ist und insbesondere für das Geschäft von Vermittlern strengere Regeln umsetzt, etwa bei der Preisgestaltung, die für Autodoc von Beginn an ein wichtiges Werkzeug war. Zum Beispiel müssen Verkäufer gegenüber Verbrauchern bei jeder Preisermäßigung für grundsätzlich den niedrigsten Gesamtpreis angeben, der innerhalb der letzten 30 Tage kommuniziert wurde.

Die Autodoc-Gründer Max Wegner, Vitalij Kungel und Alexej Erdle sehen die eigene Firma nach ihrem Ausstieg mit dem neuen Vorstand – neben CEO Gisy noch Bert Althaus als CFO und CTO Dmitry Zadorojnii – in guten Händen, so Erdle im Gespräch mit Gründerszene. Ob sie auch Anteile verkaufen wollen oder Autodoc bald an die Börse bringen wollen, um etwas Geld mitzunehmen? „Dazu möchte ich nichts sagen.“ Zur Orientierung: Das Gebrauchtwagenportal setzte im vergangenen Jahr 4,8 Milliarden Euro um und erreichte beim IPO im Februar 2021 eine – wenngleich überaus optimistische – Bewertung von 12 Milliarden Euro – was einem Faktor von zweieinhalb entspricht. Auf Autodoc übertragen, stünde den Gründern also eine stattliche Summe in Aussicht.

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