In dieser Firma haben Mitarbeiter im Sommer nur eine 4-Tage-Woche — bei vollem Gehalt

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Fabian Foelsch, Gründer von Braineffect
Fabian Foelsch, Gründer von Braineffect

Viele Beschäftigte in Deutschland möchten weniger arbeiten. Das geht unter anderem aus Zahlen hervor, die das ifo Institut in einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung ausgewertet hat. Laut der Studie arbeiten Männer im Schnitt 41 Stunden in der Woche und wünschen sich 37 Stunden, Frauen arbeiten im Durchschnitt 32 Stunden und wünschen sich 30. Beide Gruppen würden dabei sogar einen Lohnverzicht akzeptieren.

Im Zuge dessen wird auch hierzulande immer wieder über eine 4-Tage-Woche diskutiert. In Island ist etwa nach einem jahrelangen landesweiten Experiment mit der 32-Stunden-Woche die Arbeitsleistung vielerorts leicht angestiegen, gleichzeitig auch das Wohlbefinden der Beschäftigten, die mehr Zeit für ihre Familien und Hobbys hatten.

Auch in Deutschland trauen sich nun langsam einzelne Unternehmen an derartige Experimente. So zum Beispiel das Startup Braineffect, das Nahrungsergänzungsmittel sowie digitale Coachings für mehr mentale Gesundheit online vertreibt. Das junge Unternehmen aus Berlin bietet seinen insgesamt rund 60 Mitarbeitern von Anfang Juni bis Ende August die 4-Tage-Woche, die das Unternehmen "4-Day-Summer" nennt. Seit einigen Wochen haben die Angestellten nun jeden Freitag frei – und das bei vollem Gehalt. Die Braineffect-Mitarbeiter haben die zusätzliche Freizeit bisher für mehr Sport, Reisen, Zeit mit der Familie oder private Verabredungen mit Kollegen genutzt, erzählt Fabian Foelsch, Gründer von Braineffect im Gespräch mit Business Insider.

Jeden Freitag im Sommer frei

Auf die Idee kam das Startup, nachdem es im Corona-Winter eine Umfrage unter seinen Mitarbeitern durchführte und feststellte: Das Stresslevel war zu hoch. Gemeinsam mit der Personalabteilung entwickelte die Geschäftsführung also das Konzept für den "4-Day-Summer". Die Entscheidung, die 4-Tage-Woche zunächst nur im Sommer zu testen, sei einerseits ein Pilottest, andererseits bewusst saisonal gewählt. "Ich glaube, dass eine saisonale Veränderung der Arbeitszeiten gut zu dem Biorhythmus des Körpers passt, so können wir in der zusätzlichen Freizeit im Sommer auch mehr wichtiges Vitamin D sammeln", sagt Fabian Foelsch.

Da das Angebot nur für den Sommer gelte, sei es außerdem etwas Besonderes, wodurch kein Gewohnheitseffekt einsetze und sich der Körper durch den neuen Impuls besser erholen könne, so Foelsch. Als ehemaliger Leistungssportler beschäftigt er sich schon länger mit Themen wie Schlaf, Erholung und Selbstoptimierung. Wie auch beim Sport, brauchen Körper und Geist, so Foelsch, neben Hoch-Performace-Phasen auch immer wieder Regenerationsphasen. Ohne dieses Zusammenspiel aus Reiz und Erholung stagniere das Leistungsniveau oder nehme sogar ab, ist er überzeugt. Das Prinzip gelte nicht nur für Muskeln, sondern auch für das Nervensystem. “Wir Menschen sind keine Maschinen und brauchen auch Pausen. Es ist eine Utopie, dass wir ein Jahr lang im Job durchsprinten können, das führt nur zu einem Burnout oder Stagnation", sagt Foelsch. Dies wird auch mehrmals durch Studien bestätigt, laut derer der Durchschnittsdeutsche nur 2:53 Stunden effizient arbeitet.

Ein in Studien zur Arbeitszeitreduzierung oft genannter Kritikpunkt ist die Sorge, dass Angestellte in solchen Modellen an den verbleibenden Tagen einfach länger arbeiten und dadurch das Stresslevel nicht reduziert wird. Laut Braineffect sei dies in dem Startup jedoch nicht der Fall gewesen. „Wir haben nicht versucht, die Arbeit von fünf Tagen in vier zu quetschen, sondern Prioritäten anders und richtig zu setzen“, sagt Foelsch. Einige Projekte wurden bewusst hoch- und andere heruntergestuft, einige vorgezogen, andere in den Winter verschoben. „Kein Mitarbeiter musste am Donnerstagabend bis nachts um 1 Uhr im Büro arbeiten, damit er am Freitag freihaben konnte", so Foelsch. Dies habe das Team geschafft, indem etwa überprüft wurde, welche Meetings nötig sind und welche nicht, sowie die verbleibenden Konferenzen auf die Hälfte der Zeit reduziert wurden.

Auch die Investoren standen hinter dem Projekt

Die größte Lektion für das Startup in dem Experiment: Einen freien Tag festlegen, „sonst schafft man es kaum noch, Meetings zu realisieren, da im Sommer ohnehin schon viele im Urlaub sind“, sagt Foelsch. So wurde von Anfang an der Freitag als freier Tag bestimmt. Nur in den Abteilungen, in denen immer jemand erreichbar sein muss, wie etwa in der Buchhaltung sowie im Kundenservice, durften sich die Mitarbeiter flexibel untereinander abstimmen.

Finanziert wird das Startup von Venture-Capital-Firmen, die traditionell im Austausch für ihr Geld auch Wachstum erwarten. Der Vorschlag, kurzzeitig die Arbeitszeit zu reduzieren, habe bei den Investoren jedoch zu keiner großen Diskussion geführt, so Foelsch, “weil wir zeigen konnten, dass wir genauso effizient und leistungsstark wie vorher waren.” Da das Startup an Effizienz nichts eingebüßt habe, sei es auch kein Problem gewesen, das volle Gehalt weiter zu finanzieren, so Foelsch. Zu höheren Kosten sei es nicht gekommen.

Langfristig erhofft sich das Startup vielmehr, durch das neue Arbeitszeitmodell auch Kosten zu sparen – einerseits im Recruiting, da durch derartige Mitarbeitervorteile eine hohe Fluktuation vermieden werden könnte, andererseits durch gesündere Angestellte. Ein weiterer positiver Aspekt: Laut Foelsch haben die Krankheitstage bereits jetzt abgenommen.

Hohe Arbeitszeiten können zur Überarbeitung und Krankheiten führen

Wer nämlich 55 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, hat ein deutlich höheres Risiko, an einem Herz­infarkt oder Schlaganfall zu sterben. Laut einer im Mai veröffentlichten Untersuchung der Weltgesund­heits­orga­nisa­tion (WHO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) starben Schätzungen zufolge allein im Jahr 2016 weltweit rund 745.000 Menschen an einem Schlaganfall oder einer Herzerkrankung, weil sie mindestens 55 Stunden pro Woche gearbeitet hatten. Laut der Studie nahm die Zahl der Todesfälle durch Herzerkrankungen im Zusammenhang mit langen Arbeitszeiten zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2016 um 42 Prozent zu, die Zahl der tödlichen Schlaganfälle stieg um 19 Prozent. Überarbeitung sei somit „der führende Risikofaktor für Berufskrankheiten“, erklärte die WHO. Die Organisation fordert deshalb, dass Regierungen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich deshalb zum Schutz der Beschäf­tig­ten gemeinsam auf Arbeitszeitgrenzen einigen sollten. Eine 4-Tage-Woche kann hier zum Beispiel eine Alternative sein.

Bei Braineffect sei das Experiment bis jetzt ein voller Erfolg gewesen. “Ich würde die 4-Tage-Woche definitiv anderen Firmen empfehlen, denn sie bedeutet einen unglaublichen Motivationsimpuls für die Mitarbeiter und hat auch eine Signalwirkung in der Personalsuche“, sagt Foelsch. Das Startup habe durch das neue Arbeitszeitmodell viele Bewerbungen bekommen.

Im kommenden Jahr werde das Unternehmen darüber diskutieren, ob das Format etwas für das gesamte Jahr wäre, nicht nur saisonal. "Momentan kann ich es mir nur schwer vorstellen, weil wir ein schnell wachsendes Startup sind und im Winter mehr los ist“, sagt Foelsch. Er bezweifelt auch, dass die 4-Tage-Woche noch den gleichen Erholungs-Effekt habe und die nötigen Impulse setze, wenn das Modell zur Gewohnheit werde. Perspektivisch könne er sich jedoch sehr gut vorstellen, die 4-Tage-Woche im Sommer jedes Jahr anzubieten oder alle paar Monate abwechselnd mit Sprintphasen.

Foelsch ist für die Zukunft der 4-Tage-Woche sehr optimistisch gestimmt: „Ich glaube fest daran, dass wir das jetzige Modell nächstes Jahr wieder anbieten, denn auch mir persönlich hat es viel Kraft gegeben." Der Geschäftsführer konnte so deutlich mehr Zeit mit seiner kleinen Tochter verbringen.

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