Fintech-Investitionen steigen wieder

Es könnte die Trendwende sein – im zweiten Quartal haben Investoren mehr Geld in Finanz-Start-ups gesteckt. Eine Studie zeigt, welche Segmente besonders beliebt sind und warum einige Fintechs ihr Geschäftsmodell ändern.


Die Investitionen in Fintechs sind im zweiten Quartal weltweit stark gestiegen. So erhielten die Finanz-Start-ups in den vergangenen drei Monaten mehr als doppelt so viel Geld wie im ersten Quartal dieses Jahres. Das zeigt der aktuelle „Pulse of Fintech“, den die Unternehmensberatung KPMG am Dienstag veröffentlicht hat. Insgesamt sind demnach rund 8,4 Milliarden Dollar in die jungen Unternehmen geflossen – mehr als zwei Milliarden davon wurden in Europa investiert. Insbesondere Private Equity sowie Fusionen und Übernahmen haben für eine Steigerung gesorgt.

Die neuen Zahlen könnten eine Trendwende anzeigen. Zuvor war seit längerer Zeit ein Rückgang der Investitionen zu beobachten: Bereits im vergangenen Jahr wurden weltweit nur 25 Milliarden Dollar in Fintechs investiert, während es 2015 laut KPMG noch 47 Milliarden waren. Im ersten Quartal dieses Jahres hatte sich die Entwicklung fortgesetzt: Gerade mal 3,6 Milliarden wurden im Rahmen von etwa 260 Deals investiert – ein Rückgang von rund 20 Prozent gegenüber dem letzten Quartal 2016. Nun scheint es wieder aufwärts zu gehen. Die rund 8,4 Milliarden Dollar verteilten sich auf 293 Deals.


Der Fokus der Investoren und der Start-up-Gründer hat sich inzwischen gewandelt. Der Boom der Fintechs, die sich an den Endkunden wenden, lässt nach. Stattdessen werden Dienstleistungen für Geschäftskunden und das Backoffice von Finanzdienstleistern angeboten – letzteres wird auch als „Regtech“ bezeichnet. Nach Ansicht von KPMG-Partner Sven Korschinowski dürfte sich der Trend hin zu B2B-Anwendungen künftig noch verstärken. „Banken haben gemerkt, dass sie ihre Kosten drastisch reduzieren müssen“ begründet er. „Als Wettbewerber treten zunehmend auch Fintechs mit Banklizenz auf den Plan, bei denen das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nur ein Drittel von dem bei einer klassischen Bank beträgt“, so Korschinowski.

Im Bereich Regtech, also bei Fintechs, die sich um regulatorische Fragen kümmern, gab es im ersten Halbjahr 2017 insgesamt 60 Deals, bei denen zusammen 591 Millionen Dollar geflossen sind. Bis Jahresende könnte das Rekordhoch von 2014 – mit damals 106 Deals – geknackt werden. „Die anhaltenden Aktivitäten deuten auf ein reges drittes Quartal 2017 hin, zumal die EU-Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 und die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung für zusätzliche Aufmerksamkeit in diesem Bereich sorgen“, sagt Korschinowski. Auch bei Themen wie Blockchain, digitale Währungen und der Versicherungssektor könne sich bis Ende des Jahres noch einiges tun.


In Europa haben sich die Investitionen nach einem herausragend starken ersten Quartal wieder auf ein Niveau eingependelt, das zu erwarten war. Die Venture-Capital-Investitionen lagen im zweiten Quartal bei 370 Millionen Dollar (62 Deals), während sie im ersten Quartal dank großer Deals ins Spätphasen noch 712 Millionen Dollar erreicht hatten. Die erwartete Konsolidierung hat sich laut KPMG aber verlangsamt, da bereits etliche Fintechs zusammenarbeiten oder ihr Geschäftsmodell angepasst haben – indem sie sich beispielsweise verstärkt auf Geschäfts- statt Privatkunden konzentrieren.

Einen solchen Trend hatte kürzlich auch die Kölner Unternehmensberatung SSC Management Consult ausgemacht. Sie zählte allein in Deutschland 100 Finanztechnologie-Start-ups, die sich an Firmenkunden richten. 40 davon seien bereits in größerem Stil aktiv. SSC kam dabei zu dem Ergebnis, dass die deutschen Geldhäuser wegen der Fintechs im Firmenkundengeschäft pro Jahr etwa 3,4 Milliarden Euro an Bruttoerträgen verlieren könnten. Das wären Einbußen von zehn Prozent.

KONTEXT

Tipps für erfolgreiche Fintech-Kooperationen

Flucht aus den vier Wänden

Ein eigenes Innovationslabor innerhalb eines Start-up-Ökosystems kann helfen, sich von organisatorischen und kulturellen Zwängen zu lösen. Komplett abgeschnitten von der Hauptorganisation sollte dies aber auch nicht sein, eine umsichtige Verbindung fördert den wirtschaftlichen Erfolg.

Schneller Anbindungsprozess

Große Organisationen sollten flexible Prozesse bereithalten, um Fintechs schnell einzugliedern.

Pragmatischer Umgang mit intellektuellem Eigentum

Lizenzbedingungen gewinnen an Bedeutung. Deshalb sollten Banken auch hier einen flexiblen Ansatz wählen.

Koordinierte Innovationsstrategie

Fintechs werden immer unterschiedlicher und Fintech-Zentren entwickeln sich global. Multinationale Banken brauchen deshalb einen koordinierten Plan und eine zentrale Wissensbasis, um die attraktivsten Innovationen zu identifizieren.

Die Partner kennen

Bevor Banken mit einem Fintech kooperieren, sollten sie die Gründer persönlich kennenlernen. Das bringt mehr Erkenntnisse als beispielsweise ein 200-seitiger Fragebogen.

Das richtige Investmentmodel

Zunächst einen Minderheitsanteil an einem Fintech zu erwerben kann sinnvoller sein als das junge Unternehmen gleich komplett zu übernehmen. So wird vermieden, dass Innovationen ausgebremst werden.

Quelle

Simmons & Simmons, Hyperfinance, April 2017