Finale von "Game of Thrones": Das sagen unsere Redakteure zum Ende der Serie

Das Ende von "Game of Thrones": Top oder Flop? (Bild: HBO)

Es ist soweit: Im TV wurde die allerletzte Folge von “Game of Thrones” ausgestrahlt. Millionen Zuschauer auf der Welt diskutieren über das Ende - und auch unsere Redakteure haben sich das Finale nicht entgehen lassen. Was sie nach der letzten Episode von der Fantasy-Serie halten, erfahrt ihr hier.

Achtung, Spoiler: In den folgenden Texten werden wichtige Details der Handlung verraten!

Zum Ende von "Game of Thrones": Eine (zu) kurze Geschichte der Zeit

Von Carlos Corbelle

Die acht Seasons gingen dann doch irgendwie ganz schnell vorbei. Schön war‘s in den ersten Staffeln: “Game of Thrones” war jahrelang ein Lehrstück politischer Machtspiele, sorgsam konstruierter Phantastik und besonders blutiger Hochzeiten. Unerbittlich, unberechenbar. Und auch wenn‘s gleich - ganz im ursprünglichen Sinne der Serie - böse wird, so ist “GoT” doch über weite Strecken das Beste, was mir bisher an High Fantasy (sorry, Peter Jackson) im Kino oder TV untergekommen ist - trotz der Enttäuschungen gegen Ende.

Das Problem brachte kürzlich Literaturkritiker Denis Scheck - he reads and he knows things - in "Druckfrisch" auf den Punkt: "Kann man sich ein treffenderes Schlaglicht auf die Kultur des infantilen Konsumismus denken, die auf die sofortige Befriedigung ihrer Bedürfnisse beharrt?", fragte Scheck im Hinblick darauf, dass die Serie nun abgeschlossen wurde, während die bereits 1996 begonnene Roman-Vorlage "A Song of Ice and Fire" von George R.R. Martin nach wie vor auf die zwei finalen Bücher warten lässt. "Hauptsache, die Kasse stimmt und die Serie findet pünktlich ihr Ende."

Genau das ist leider, leider eine der großen Schwächen der enttäuschenden letzten Staffel: die mangelnde Zeit. Der lange Atem, durch den die Serie über viele Seasons bestach, wich gegen Ende einer Zuspitzung, die bestimmte Entwicklungen nicht mehr plausibel machte und einstmals entscheidende Storylines im Sande verlaufen ließ. Die Ärgernisse im Schnelldurchlauf: der bis zuletzt nicht nachvollziehbare, völlig folgenlose Jon-Snow-is-back-from-the-dead-Stunt (schlimmste Serien-Wiederauferstehung seit Bobby Ewing in “Dallas”), die vollkommen unglaubwürdig porträtierte Romanze zwischen Jon und Daenerys, das wortwörtliche Verpuffen der jahrelang aufgebauten Night-King-Bedrohung und schließlich: die Instant-Entwicklung der Mother of Dragons zur Mother of Gemetzel. Daenerys war ja schon immer ein ambivalenter Charakter, zwar irgendwie auf Gerechtigkeit bedacht, politisch aber doch eher Brachialaristokratin als Sozialdemokratin. Ihre Entwicklung zur Tyrannin zeichnete sich also ab und hätte folgerichtig am Ende eines langen Weges stehen können - dummerweise musste man das Ganze aufgrund der mangelnden Zeit aber kurz vor Schluss mit der Brechstange herbeiführen.

Und dann ist da noch der Tonfall der Serie, der lakonische Sound einer finsteren, unbarmherzigen Welt, der zum Ende hin zunehmend fremd klang - nicht vollkommen anders, aber irgendwie leicht schief. Das galt auch für die letzte Folge: Wenn Jon im Finale seinen Dolch in Daenerys bohrt, während er sie küsst, wirkt das nicht tragisch, sondern kitschig. Wenn Tyrion über die Wichtigkeit einer guten Erzählung sinniert (oh, sweet irony) wirkt das nicht profund, sondern pathetisch. Und wenn Samwell mit seiner absurden Idee einer Demokratie einen postmodernen Schenkelklopfer abliefert, wird man das ungute Gefühl nicht los, dass gleich Asterix um die Ecke kommt. Die einst so unbarmherzige Haltung der Serie weicht seltsam anmutenden Sentimentalitäten, das von Daenerys angerichtete Chaos löst sich innerhalb weniger Minuten in Wohlgefallen auf. Kurz vor Schluss wird noch alles schön ordentlich dorthin platziert, wo es hingehört: Sansa wird Königin eines unabhängigen Nordens, Arya macht sich auf, um neue lustige Abenteuer zu erleben und mit Bran herrscht endlich ein vernünftiger König über die verbleibenden Reiche (was der Night King die ganze Zeit von ihm wollte, blieb dagegen bis zuletzt unbeantwortet). Westeros wirkte nie romantischer - und unglaubwürdiger.

Vielleicht lag es ja an der fehlenden Blaupause, die noch die ersten fünf Romane von “GoT”-Schöpfer George R.R. Martin boten, bevor die Serie den Büchern davongeeilt ist. So ist die Serie am Ende auch eine Mahnung an all jene, die Martin dauernd drängen, die noch ausstehenden Strophen seines behutsam komponierten Liedes von Eis und Feuer gefälligst schneller zu trällern. Und natürlich an all jene, die gerne mit Drachen und anderen schicken Massenvernichtungswaffen hantieren - führt am Ende ja doch bloß zu heftigem Valar Morghulis.

Tyrion sinniert gegen Ende über die Wichtigkeit einer guten Erzählung. (Bild: HBO)

Besser ging es (fast) nicht mehr

Von Jennifer Caprarella

Viele Leute würden enttäuscht sein, orakelte Kit Harington vor dem Start der achten Staffel über das große Finale von “Game of Thrones”. Damit hätte er wohl bei jedem möglichen Ausgang recht behalten, und sicher werden so einige latent unzufrieden bis unfassbar wütend über das Ende sein. Auch für die hat Harington ein passendes Zitat parat: “Die können mich mal.”

Ja, es wäre schöner gewesen, wenn die Produzenten uns ein, zwei Folgen mehr Zeit gegeben hätten, um auch den letzten davon zu überzeugen, dass Arya die richtige Wahl war, um den Night King zu töten - eine lautlose Attentäterin, die den Night King überlistet, statt im Zweikampf mit ihm unweigerlich zu fallen. Dass es absolut stimmig war, dass Cersei unter den Ruinen der eigenen Fehlentscheidungen begraben wird anstatt von Arya für ein Ereignis aus der ersten Staffel getötet zu werden. Und dass diejenigen, die Daenerys’ Sinkflug in den Wahnsinn nicht haben kommen sehen, einfach nicht richtig hingesehen haben.

Dann wäre vielleicht auch mehr als ein kurzes Gespräch nach der langen Nacht vorhanden gewesen, um Tyrions plötzliche Wahl des Königs zu erklären. Und ja, man braucht einen Moment, um sich von diesem Twist zu erholen. Diejenigen, die nach zehn Jahren investierter Zeit und Emotion das schnelle Tempo der letzten Staffel beklagen, haben natürlich recht.

Warum es sechs Folgen wurden und nicht acht oder zehn bleibt unverständlich. Doch ist es den Machern gelungen, nach alldem die Erzählung zu einem stimmigen Ende zu bringen? Absolut! Egal, wer am Ende auf dem Thron - oder eben auf dem königlichen Rollstuhl - gesessen hätte, man hätte immer zunächst schlucken müssen. Doch was hätte sich mit der allzu listigen und machthungrigen Sansa oder dem leicht manipulierbaren Jon wirklich geändert? Nur mit Bran, der nun den weitsichtigen Tyrion und den gutherzigen Sam an seiner Seite hat, wird das Rad tatsächlich zerbrochen. Wird alles am Ende nicht viel, aber doch entscheidend, anders sein. Sams zaghaften Vorschlag einer demokratischen Wahl Wirklichkeit werden zu lassen wäre eine narrative Katastrophe gewesen - ein solcher Hoffnungsschimmer am Horizont ein Befreiungsschlag.

Ein fast befriedigendes Ende ist das Beste, was ich mir bei den ungemein hohen Erwartungen erhoffen konnte. Denn wen das - gekoppelt mit starken Momenten wie Sansa als rechtmäßige Königin des Nordens, Tyrion, der sich mit Davos und Bronn kabbelt, Arya, die lächelnd ins Ungewisse segelt, oder Brienne, die sich ihrer großen Liebe mit einem letzten Gefallen treu erweist - nicht zumindest fast zufrieden stellt, der weiß dank Harington ja, was er machen kann.

Diese drei Starks haben bis zum Schluss durchgehalten. (Bild: HBO)

Mit Schwung gegen die Wand

Von David Kreisl

Dass David Benioff und D. B. Weiss die letzte Staffel von “Game of Thrones” mit so viel Schwung gegen die Wand fahren, war selbst nach einer schon wilden siebten Staffel nicht zu erwarten. So viel die Serie noch einmal in puncto Bildgewalt und Ästhetik gewonnen hat, so viel und noch mehr hat sie bei der Geschichte und ihrem eigentlichen Charakter eingebüßt.

Fan-Service, Plot-Armour und haarsträubende Drehbuchfehler sind dabei keine Dinge, über die sich ein paar Edel-Nerds stören, sondern über die ein großer Teil der Fans zurecht schimpft. Ohne ein Buch als Vorlage wurde “Game of Thrones” von einem nie ausrechenbaren, perfekt erzählten Fantasy-Epos zu einem vorhersehbaren Special-Effects-Spektakel, dessen Stärke am Ende eben nicht mehr Charaktere und Erzählweise waren, sondern die Inszenierung von Drachen, Eiszombies und verwüsteten Städten. Eine Show, die behutsame und jahrelange Charakter- und Beziehungsentwicklungen aus Zeit- und selbst verschuldeten Drehbuchgründen in die Tonne kloppte. Die Unterhaltung war, mehr aber nicht mehr.

Das alles gipfelte in einer letzten Staffel und final in einer letzten Episode, die die Scherben dieser Entwicklung nicht aufkehren konnten, sondern, noch schlimmer, neue verursachten. Logik und ein In-sich-geschlossen-sein sind das, was eine Geschichte glaubwürdig macht, was einen hineinzieht, fesselt. Die letzte Episode “The Iron Throne” machte das, was beinahe alle Folgen der abschließenden Staffel machten: sie warf einen aus der Geschichte, andauernd. Mit so vielen Logikfehlern und Ungereimtheiten, mit so vielen lieblos abgehandelten und durchgehetzten Erzählsträngen, dass man einen eigenen Artikel darüber schreiben könnte.

“Game of Thrones” hat für die besten und legendärsten Folgen und Staffeln der TV-Geschichte gesorgt. Mit diesem Ende haben die Macher das Vermächtnis der Serie nicht kaputt gemacht, ihm aber eine ordentliche Delle verpasst.