In der Ferne locken noch Zinsen

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Die Weltkonjunktur floriert, die Rohstoffpreise stabilisieren sich, und die großen Notenbanken straffen ihre Geldpolitik nur moderat. Das ist der Stoff, aus dem die Träume der Investoren in Schwellenländer-Anleihen gemacht sind. Die meisten Analysten gehen davon aus, dass sich die Anleihen von Staaten und Unternehmen aus den sogenannten Emerging Markets weiter gut entwickeln werden.

Dazu trägt auch bei, dass die Renditen der Anleihen in Europa, Japan und auch den USA so niedrig sind. Das dürfte Investoren zu den Zinspapieren aus Schwellenländern greifen lassen, wo mehr zu holen ist. „Attraktive Anlagegelegenheiten sind inzwischen aber schwerer zu finden“, meint Michael Cornelius, Portfoliomanager für Emerging-Market-Bonds bei T. Rowe Price.

Denn schon im zu Ende gehenden Jahr haben die Anleihen der sich entwickelnden Wirtschaftsnationen eine ordentliche Rally mit steigenden Kursen und entsprechend für Einsteiger gesunkenen Renditen hingelegt. Die Schuldenkrise in Venezuela verunsicherte Investoren dabei nicht. Es geht zwar um Anleihen und Zinsen in Höhe von 170 Milliarden Dollar und damit um mehr als bei der spektakulären Argentinien-Pleite im Jahr 2001. Doch betroffen sind vor allem venezolanische Anleger. Europäische, amerikanische oder asiatische Investoren halten sich seit Jahren aus Venezuela fern – auch weil sie schon lange mit dem Eingeständnis des Landes rechnen, seinen Schuldendienst nicht mehr leisten zu können.


Einen großen Wermutstropfen für die Anleger in den Schwellenländern in diesem Jahr gibt es dennoch: Der zum Dollar und zu vielen Schwellenländer-Währungen gestiegene Euro zehrte für hiesige Investoren die Erträge komplett auf, wenn sie Währungsschwankungen nicht absicherten. So brachten die vorwiegend auf Dollar lautenden Fremdwährungsanleihen der Emerging Markets Investoren, gemessen an einem Index von JP Morgan, in diesem Jahr einen Gesamtertrag aus Zinseinnahmen und Kurssteigerungen von rund zehn Prozent. Damit entwickelten sich die Anleihen so gut wie seit mehreren Jahren nicht mehr. Allerdings verlor der Dollar seit Jahresanfang zum Euro mehr als elf Prozent.

Besser fuhren deshalb Anleger, die ihre Währungsrisiken abgesichert hatten. Nach Berechnungen des Fondsanalysehauses Morningstar brachten Euro-optimierte Fonds für Staatsanleihen der Schwellenländer den Anlegern einen Ertrag von im Schnitt über sieben Prozent. Euro-optimierte Fonds für Unternehmensanleihen aus den Schwellenländern standen dem mit einem durchschnittlichen Ertrag von gut sechs Prozent nur etwas nach.

Trotz der guten Entwicklung bieten die Dollar-Staatsanleihen von Schwellenländern den Anlegern auch heute im Schnitt immer noch rund drei Prozentpunkte mehr Rendite als Staatsanleihen der USA, die bei Laufzeiten von zwei bis zehn Jahren zwischen 1,9 und 2,5 Prozent rentieren. Die Risikoprämien bei Dollar-Firmenbonds aus den Emerging Markets sind niedriger. Die größten Firmenbond-Emittenten aus den Schwellenländern sind der staatliche mexikanische Mineralölkonzern Pemex, der mexikanische Telekomkonzern América Móvil, der russische Erdgasförderer Gazprom und der chinesische Mischkonzern Hutchison.


Noch höhere Zinsen gibt es bei Anleihen in den Lokalwährungen, die es vor allem von den Staaten, weniger von den Unternehmen aus den Emerging Markets gibt. So locken fünfjährige Real-Bonds aus Brasilien mit einer Rendite von 9,9 Prozent, bei fünfjährigen mexikanischen Anleihen in Peso sind es 7,5 Prozent. Vergleichbare türkische Staatsbonds in türkischer Lira rentieren mit 12,5 Prozent. In Asien rentieren fünfjährige indische Rupie-Bonds mit sieben Prozent und chinesische Yuan-Bonds mit immerhin 3,8 Prozent. Die Renditen liegen in allen Ländern über denen vergleichbarer Dollar-Bonds. Allerdings sind bei den Lokalwährungsanleihen die Währungsschwankungen größer.

Peter de Coensel, Rentenchef bei Degroof Petercam, ist jedoch optimistisch. Er geht davon aus, dass die lokalen Währungen in den Schwellenländern im kommenden Jahr zulegen werden. Dabei dürften vor allem sinkende Inflationsraten die Währungen stützen. Nach Ansicht von Christian Heger, Chefanlagestratege bei HSBC Global Asset Management in Deutschland, müssen Anleiheanleger, die noch Geld verdienen wollen, insgesamt mutiger werden und sich in risikoreichere Segmente vorwagen. Auch Heger hält Lokalwährungsanleihen aus einigen Emerging Markets für interessant.


Das Risiko auf politischer Ebene


Bei Dollar-Anleihen ist Heger angesichts der erwarteten weiteren Zinserhöhungen der US-Notenbank dagegen vorsichtiger. Viele andere Strategen sehen das entspannter. „Natürlich bleiben die absehbare geldpolitische Straffung der US-Notenbank und die Unberechenbarkeit von US-Präsident Donald Trump Risikofaktoren“, heißt es zum Beispiel bei der Dekabank: „Die Sorge, dass höhere Zinsen zu Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern führen, könnte immer wieder auf den Märkten lasten.“ In der Vergangenheit hätten viele Investoren solche Rückschläge aber für Neueinstiege genutzt. „Insofern sind dauerhafte Kapitalabflüsse aus den Emerging Markets auch in Zukunft unwahrscheinlich“, betonen die Deka-Strategen.

Bei den Lokalwährungsanleihen der Staaten findet HSBC-Stratege Heger zum Beispiel Anleihen aus Brasilien interessant. Die Strategen der DZ Bank fürchten dagegen, dass die im Oktober anstehenden Präsidentschaftswahlen in Brasilien „eine gewisse Belastung“ sein könnte. In diesem Jahr hatten Korruptionsvorwürfe gegen den amtierenden Präsidenten Michel Temer die Märkte nur kurz belastet. Wahlen stehen auch in Mexiko an, und zwar Anfang Juli. Dazu könnten die Neuverhandlungen des Nafta-Abkommens für Unsicherheit sorgen – aber bei zwischenzeitlich fallenden Kursen auch Kaufgelegenheiten sein.

Gewählt wird auch in Kolumbien. Favorit ist der ehemalige Vizepräsident Vargas Lleras, was für Kontinuität sprechen würde. Nicht nur in Lateinamerika, auch in Russland und Ungarn stehen im nächsten Jahr Wahlen an. In Russland dürfte Wladimir Putin erneut antreten und gewinnen, ist die DZ Bank überzeugt. Gleiches gilt für Ungarn, wo davon auszugehen ist, dass der ungarische Bürgerbund (Fidesz) von Ministerpräsident Viktor Orbán die Wahl für sich entscheiden wird.


Fundamental hat sich die Lage in vielen Schwellenländern verbessert. Brasilien, Russland und Südafrika wachsen zwar nur verhalten, die Volkswirtschaften in Asien entwickeln sich dagegen gut. Insgesamt hat der wirtschaftliche Aufschwung in vielen Schwellenländern an Kraft gewonnen und steht auf einer breiteren Basis, urteilen die Ökonomen der Dekabank. Sie erwarten für die gesamten Emerging Markets im kommenden Jahr ein Wachstum von rund fünf Prozent – mit Wachstumsraten von 1,7 Prozent in Russland am unteren und 7,4 Prozent in Indien am oberen Ende. Allerdings sei auf der anderen Seite die Verschuldung der Unternehmen in den Schwellenländern deutlich gestiegen. Das ist aus Sicht vieler Strategen ein Risiko – vor allem in China. Positiv werten Ökonomen aber, dass Chinas Präsident Xi Jinping Maßnahmen zur Stärkung der Finanzmarktstabilität intensiviert.

Robust entwickelt sich trotz aller politischen Probleme und der zunehmenden Distanz zur Europäischen Union auch die Wirtschaft der Türkei. Die Beziehungen der Türkei zu den USA hätten sich deutlich verschlechtert, betonen die Strategen der Dekabank. Dabei wurde die Wirtschaft bereits in den vergangenen Jahren immer wieder durch innen- und außenpolitische Unsicherheiten belastet. Die Wirtschaft der Türkei dürfte im nächsten Jahr zwischen vier und fünf Prozent wachsen. Das dürfte nach Ansicht der Dekabank verhindern, dass die Ratingagenturen die Bonität des Landes weiter herabstufen.

Das zeigt: Wer in Schwellenländer investiert, braucht stärkere Nerven als jemand, der sich auf die Industrienationen konzentriert, schlicht, weil die politischen Risiken in vielen Emerging Markets größer sind. Wer sich darauf einlässt, geht größere Risiken ein – hat angesichts des außerhalb der Emerging Marktes herrschenden Niedrigzinsumfelds aber zumindest die Chance, noch etwas zu verdienen.


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.):Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis

KONTEXT

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ. Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.