Feind Zucker

Die Süßwaren-Hersteller leiden unter der geringeren Lust der Konsumenten auf Zucker. Vor der Branchenmesse ISM muss ausgerechnet Haribo Umsatzverluste eingestehen – ein Warnsignal auch für die Konkurrenz. Eine Analyse.


Es ist ein Menetekel kurz vor der Eröffnung der diesjährigen Süßwarenmesse ISM in Köln: Haribo-Landes-Chef Dennis Teeken muss eingestehen, dass der Gummibären-Hersteller in Deutschland Umsatz verliert. Ausgerechnet die sonst so auf Verschwiegenheit bedachte Haribo-Gruppe schlägt sich zudem noch mit kritischer Berichterstattung über die Produktionsbedingungen der Schweinegelatine herum, die in den Süßigkeiten steckt.

Der Fall zeigt: Der Trend zur gesunderen Ernährung kommt auch in der Bonbon-Branche an – jenseits von Sonntagsreden. Wachsweiche Klümpchen aus Gelatine, Zucker und Aromen sind da nicht gerade das passende Produkt – auch nicht in Bärchenform. Tatsächlich will der Marken-Klassiker Haribo plötzlich Produkte mit 30 Prozent weniger Zucker anbieten. Zielgruppe: „ernährungsbewusste Mütter“, wie Teeken sagt.

Die Branche passt sich an. Einige Hersteller sind dafür besser gerüstet als andere. Katjes etwa hat anders als Haribo früh auf den veganen Trend gesetzt und verzichtet in vielen Produkten auf tierische Gelatine. Bei anderen geht es noch leichter: Die Keksproduzenten etwa können einfach einen Teil ihres Sortiments mit Vollkornmehl backen. Lambertz-Inhaber Hermann Bühlbecker, traditionell Ausrichter einer großen Party zur Messe, erzielt etwa Achtungserfolge mit Bio-Keksen.


Auch Schokoladen-Hersteller reagieren. Gefragt sind Sorten mit höherem Kakao-Anteil, die lange als zu bitter für den Massenmarkt galten. Nun entdecken die Verbraucher den geringeren Zuckergehalt – und erkennen in der Kakaobohne plötzlich eine Super-Frucht mit angeblich heilsamen Kräften. Dazu verkünden die Hersteller von Mondelez bis Ritter Sport Nachhaltigkeitsprogramme für den Rohstoff und verkaufen so mit der Schokolade gleich noch ein gutes Gewissen.

Natürlich ist vieles gerade in der Süßwaren-Branche Augenwischerei. Die meisten Produkte bleiben Zuckerbomben. Doch wer gar nichts tut, wird inzwischen von den Verbrauchern abgestraft.

Daher sind selbst Klassiker nicht mehr vor Veränderung gefeit: Nestlé etwa hat kürzlich das Rezept für seine Kitkat-Riegel geändert. Mehr Kakao bedeutet  dort acht Prozent weniger Zucker. Zudem verkauft der Konzern große Teile seines Süßwarengeschäfts in den USA.

Wachstum, so scheint es, ist derzeit eher mit trendigen Protein-Snacks zu machen. Jedenfalls so lange, wie Zucker den Verbrauchern noch als Gesundheitsgefahr Nummer eins gilt.