Das fehlt Zverev (noch), um ein ganz Großer zu werden

Michael Prieler
Alexander Zverev kam in seiner Karriere bislang noch nie über das Achtelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier hinaus

Auf dem Weg zu den US Open räumte Alexander Zverev zwei Titel ab, ließ dabei im Turnier von Montreal Roger Federer keine Chance.

Beim letzten Grand Slam des Jahres scheiterte der deutsche Shooting-Star dagegen jäh in Runde zwei. Wieder einmal erreichte der 20-Jährige auf der ganz großen Bühne nicht das Niveau des sonstigen Saisonverlaufs.

Besonders bitter: Angesichts der Topform in der Vorbereitung und dem Fehlen vieler Stars (Murray, Djokovic, Wawrinka, Nishikori, Raonic) war Zverev als Mit-Favorit auf den Titel gehandelt worden, in seiner Tableau-Hälfte bestplatziert.

Doch bei den vier Major-Turnieren scheint ein Fluch auf dem aktuellen Weltranglisten-Sechsten zu liegen. SPORT1 erklärt, was Zverev (noch) zum ganz großen Wurf fehlt.


Zu viel Ungeduld

Die US Open 2017 waren erst Zverevs zehnter Grand-Slam-Auftritt. Zum Vergleich: Roger Federer erreichte erst beim 17. Major sein erstes Finale, das er 2003 in Wimbledon dann gleich gewann. Zuvor war aber selbst der "Maestro" nie über ein Viertelfinale hinausgekommen und verabschiedete sich direkt vor seinem ersten Triumph auf dem Heiligen Rasen noch direkt in der ersten Runde aus den French Open.

"Wie lange werde ich noch sagen, dass ich lernen soll?", fragte Zverev nach seinem Aus gegen den Kroaten Borna Coric genervt. Der 20-Jährige fühlt sich bereit für die ganz großen Titel.

Er ist es - trotz seines berechtigten Selbstbewusstseins und seines riesigen Talents - aber noch nicht. Um bei einem Grand Slam zu bestehen, braucht es Abgezocktheit, die nur mit den Jahren auf der Profi-Tour kommen kann.


"Vom Tennisstandpunkt her hatte ich das Gefühl, dass ich ein Favorit bin. Aber von meinem Level her war es ziemlich katastrophal", übte Zverev Selbstkritik.

Letztlich entscheidet in den großen Major-Matches vor allem der Kopf. Drei vergebene Satzbälle in Folge im vierten Satz sind bester Beweis dafür, dass Zverev mental Verbesserungspotenzial hat.

Zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit

Dass der Deutsche seine Ansprüche nach seinem erfolgreichen Jahr mit fünf Einzeltiteln, darunter zwei Masters-Erfolgen, nach oben schraubt und das offensiv kommuniziert, spricht für gesundes Selbstbewusstsein. Allerdings können mutige Ankündigungen zum Bumerang werden.

"Ich sehe mich als einer von den vier, fünf Spielern, die das Turnier gewinnen können", hatte Zverev vor dem US-Open-Start angekündigt.

Vielleicht hätte er besser daran getan, den Blick nicht gleich in Richtung Halbfinale oder Finale zu richten, sondern - ganz plattitüdenhaft - "von Spiel zu Spiel" zu denken.

Schon beim Turnier in Barcelona hatte der Youngster für Irritationen bei Rafael Nadal gesorgt, als Zverev anmerkte, er freue sich auf die Revanche gegen den Spanier, gegen den er zuvor in Monte Carlo verloren hatte.

"Es ist seltsam, dass er davon sprach, bei einem Event anzutreten, um auf einen bestimmten Spieler zu treffen", sagte Nadal damals. "Zverev kann das höchste Level erreichen und sich die größten Ziele setzen. Dafür muss er aber mit Bescheidenheit arbeiten und es auf dem Platz umsetzen."


In der Big-Point-Falle

Unabhängig von der Coolness, die Zverev ausstrahlt, und der Erfolge gegen Topspieler, fällt auf, dass sich der 20-Jährige in wichtigen Spielen oft unter Wert verkauft.

In Melbourne, Paris und Wimbledon habe er "ordentlich" gespielt. "Das hier ist das einzige Turnier, bei dem ich das Gefühl habe, nicht mein bestes Tennis gezeigt zu haben", lautet Zverevs Grand-Slam-Bilanz für 2017.


In der Tat: Bei den Australian Open lieferte er Rafael Nadal in der dritten Runde einen aufopfernden Kampf. In Frankreich scheiterte Zverev allerdings glanzlos am alternden Spanier Fernando Verdasco. Beim Achtelfinal-Aus in London, Zverevs bislang besten Grand-Slam-Ergebnis, war er Milos Raonic überlegen.

Zverev steckt in der Big-Point-Falle. "Ich muss schon seit frühester Jugend mit Erwartungen umgehen", spielt der Rechtshänder den Druck herunter. Dass er die Erwartungen aber doch spürt, ist nicht von der Hand zu weisen.

Bestes Beispiel: In der Davis-Cup-Partie gegen Belgien Anfang des Jahres verlor Zverev sowohl das Doppel an der Seite seines Bruders als auch das entscheidende Einzel gegen Steve Darcis, der wie Coric nicht unter den Top 50 der Weltrangliste zu finden ist.