„Es fehlt an neuem Zündstoff“


Es scheint fast so, als hätte der Dax sich in die Sommerferien verabschiedet. In einer engen Spanne bewegte er sich in der abgelaufenen Woche seitwärts. Zwar hatten die deutschen Standardwerte einen Anlauf in Richtung 13.000 Punkte gekommen, doch zuletzt entwickelten sich die fallenden Ölpreise zum Bremsklotz. Im Laufe der Woche war der Preis für die führende Nordseesorte Brent auf den tiefsten Stand seit November zurückgefallen, mit 44 Dollar war ein Fass zehn Dollar billiger als noch vor einem Monat. Das anhaltende Überangebot schürt am Aktienmarkt Sorgen vor einer schwächelnden Konjunktur. Vor allem die Nachfrage aus China bereitete den Investoren Kopfzerbrechen und ließen Aktionäre vorsichtiger werden.

Das Kursminus beim Dax von 0,2 Prozent auf Wochensicht ist allerdings kaum der Rede wert. Doch die Stimmen der Crash-Propheten werden lauter, nicht nur wegen des günstigen Ölpreises. Immerhin läuft die Hausse im neunten Jahr, die Bewertungen sind nicht mehr günstig und die USA haben zumindest eine zögerliche Zinswende eingeleitet. Doch die Kapitalmärkte scheint das nicht zu beeindrucken. Nicht? Oder müsste es heißen: noch nicht?


Robert Halver gibt Entwarnung: „Je mehr mit dem Aktien-Crash rechnen, desto weniger wird er kommen“, sagt der Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank überzeugt. Auch der Verweis, wonach sich der Aktienaufschwung mittlerweile im neunten Jahr befindet, tauge nicht als Crash-Auslöser. Erst wenn es eine attraktive Zinsalternative zu Aktien gebe und auf Kredit stattfindende Aktienkäufe wegen Zinsverteuerung umgekehrt würden, sei der Crash nicht mehr aufzuhalten. Und so weit ist es bekanntlich noch nicht. „Mehr als eine holprigere Börsenentwicklung im dritten Quartal ist vor diesem Hintergrund nicht zu erwarten“, ist Halver überzeugt. Die Untergangspropheten müssten also weiterhin viel Geduld aufbringen. Gegen einen deutlichen Verkaufsdruck oder gar einen Crash spreche auch die bereits vorsichtige Marktpositionierung der Anleger.

Also alles gut? Schwankungen sind natürlich immer möglich. „Die Aktienmärkte sind in einem Seitwärtstrend auf sehr hohem Niveau gefangen, können mit kurzfristigen Ausbrüchen nach oben jedoch immer wieder neue Hochs markieren“, schreibt die DZ Bank in ihrem Wochenausblick. „Es hat den Anschein, dass es den internationalen Märkten nach der Kursrally von 25 Prozent seit November nun an neuem Zündstoff fehlt, um eine Fortsetzung der Rally gewährleisten zu können.“ Mit Blick auf die Sommerpause und die zweite Jahreshälfte könnten neue Risiken an die Märkte zurückkehren und vorübergehend belasten. Die Experten nennen mögliche Pläne der EZB, die Anleihekäufe zurückzufahren, also das geldpolitische Tapering, und die Wahlen in Italien.


Doch grundsätzlich ist man bei der DZ Bank zuversichtlich: Für Juni 2018 erwarten die Experten einen Dax bei 13.500 Punkten. Dass die Märkte aber weiterhin ohne größere Ausschläge seitwärts treiben, ist zumindest fraglich. „Störmanöver wie harte Brexit-Verhandlungen oder neue Eskapaden von Trump laden zu zwischenzeitlichen Gewinnmitnahmen ein“, sagt Halver. Auch überraschend schwache Konjunkturdaten können Anleger jederzeit aufschrecken.

In der neuen Woche steht eine Reihe wichtiger Makrodaten auf der Agenda. Los geht es in Deutschland am Montag mit dem Ifo-Geschäftsklima. Analysten rechnen für Juni mit einem leichten Rückgang auf 114,4 von zuvor 114,6 Punkten. Das wäre angesichts des mittlerweile erreichten Niveaus gut zu verkraften, sagt Analyst Hans-Jörg Naumer von Allianz Global Investors. Im Vormonat hatte sich die Stimmung unter den Führungskräften der deutschen Unternehmen noch überraschend deutlich aufgehellt. 


Ein Menetekel für eine schwächere Weltkonjunktur?


Am Donnerstag folgt das GfK-Konsumklima sowie die Inflationsdaten und am Freitag der Arbeitsmarktbericht jeweils für Juni. Für die Euro-Zone stehen die Juni-Inflationsdaten am Freitag an. Und die dürften laut Commerzbank für Aufsehen sorgen. „Denn die Teuerungsrate ist im ablaufenden Monat wohl – anders als von der EZB erhofft – weiter gefallen“, heißt es in dem Wochenausblick der Bank. Gebremst werde der Preisanstieg in der zweiten Jahreshälfte durch die jüngste Aufwertung des Euro und die gesunkenen Rohölpreise. Zahlen zu den jüngsten Geldmengentrends gibt es am Mittwoch und am Donnerstag wird das Wirtschaftsvertrauen für den Euroraum veröffentlicht.

Mit negativen Überraschungen rechnen Experten nicht. „Eurolands Makrodaten sollten weiterhin den guten Wachstumstrend unterstreichen und damit die Aktienmärkte stützen“, ist Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck Privatbankiers überzeugt. „Dagegen trüben sich die US-Perspektiven leicht ein.“ Deshalb würden die Aktienmärkte der Euro-Zone auch aussichtsreicher bleiben als die Wall Street.

In den USA machen am Montag die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter für den Monat Mai den Anfang, bevor am Dienstag das Verbrauchervertrauen und am Donnerstag die dritte Prognose für das US-Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2017 folgen. In Großbritannien kommt am Freitag das finale Wirtschaftswachstum für das Startquartal des Jahres – zusammen mit dem GfK-Verbrauchervertrauen für die Inseln.


In Asien werden in Japan am Donnerstag Einzelhandelsumsätze für Mai und am Freitag die Industrieproduktion, der Arbeitsmarktbericht (Mai) sowie der Inflationsbericht (Juni) veröffentlicht; den Reigen beendet am Freitag schließlich China mit den offiziellen Einkaufsmanagerindizes für Juni.

Nicht außer Acht lassen dürften Börsianer auch die weitere Entwicklung des Ölpreises. Die Experten der US-Investmentbank JP Morgan rechnen damit, dass der Preisverfall weitergeht. „Die Kombination aus einer rekordhohen US-Produktion und dem möglichen Scheitern der Opec-Förderbegrenzung könnte Öl wieder in den niedrigen bis mittleren 40-Dollar-Bereich drücken“, schreiben sie. Die Mitgliedstaaten des Opec-Kartells, allen voran Saudi-Arabien, haben ihre Vereinbarung zur Eindämmung der Ölproduktion Ende Mai verlängert. Dagegen pumpen die USA, die nicht Mitglied in der Opec sind, immer mehr Öl in den Markt. „Die steigenden Ölvorräte schüren Unsicherheit, dass die Bemühungen der Opec nicht effizient genug sind", erklärten die Analysten der Investmentbank Jefferies.

Die ausbleibenden Wirtschaftsimpulse der Trump-Administration und schwache Ölpreise, die in der Vergangenheit oft mit schwächerer Rohstoffnachfrage in Verbindung gebracht wurden, werden auch aktuell als Menetekel für eine schwächere Weltkonjunktur betrachtet. „Doch sollte sich der Konjunkturpessimismus in Grenzen halten“, prognostiziert Halver. Auch wenn die großen Konjunkturhoffnungen in Amerika nicht erfüllt würden, werde die US-Regierung dennoch Konjunkturmaßnahmen ergreifen, um die US-Wirtschaft zumindest ansatzweise zu fördern. „Was Öl angeht, so hält sich die Nachfrage im Trend auf hohem Niveau“, sagt der Baader-Bank-Experte. „Insofern lässt sich aus dem Ölpreisverfall keine Wirtschaftsschwäche ableiten.“

Auf Unternehmensseite bleibt die Lage bei den italienischen Banken im Fokus. Nach monatelangen Verhandlungen hofft die Krisenbank Popolare di Vicenza auf eine baldige Entscheidung zur Zukunft des Instituts. Die Großbank Intesa Sanpaolo hatte für gesunde Teile des angeschlagenen Geldhauses und des Konkurrenten Veneto Banca geboten. Populare di Vicenza und Veneto Banca ächzen unter einem Berg fauler Kredite und benötigen mehr als sechs Milliarden Euro frisches Kapital. Insidern zufolge steuert Italien auf eine Zerschlagung der beiden Institute zu.

Außerdem warten Investoren am deutschen Aktienmarkt gespannt, ob die Börsengänge der Restaurant-Kette Vapiano am Dienstag und dem Lieferdienst Delivery Hero am Freitag wie geplant über die Bühne gehen.

 

KONTEXT

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen - und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt - wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. "Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können", meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 "größten Kapitalvernichter" zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, "die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten", wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. "Die untere Hälfte nur ein Prozent", erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. "Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre", so die Ministerin.