Die fehlenden ukrainischen Weizenexporte bedrohen die weltweite Nahrungsmittelversorgung

Steigende Lebensmittelpreise gefährden die Nahrungsmittelversorgung in vielen Teilen der Welt. Experten warnen seit Monaten vor einer globalen Hungerkrise infolge des Kriegs in der Ukraine. Auch schon vor dem Krieg ließen Ernteausfälle und die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Preise auf den Weltmärkten steigen. Social-Media-User behaupten, der Krieg könne keinen relevanten Einfluss auf die Ernährungssituation haben, da die Ukraine nur verhältnismäßig wenig Mais und Weizen produziere. Doch der Vergleich ist irreführend, relevant ist die exportierte Menge.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang Juni Beiträge auf Facebook geteilt (hier, hier), die den Eindruck erwecken, der Krieg in der Ukraine könne keinen erheblichen Einfluss auf die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln haben, da die Ukraine im weltweiten Vergleich nur wenig Weizen und Mais produziere. Auch auf Telegram (hier, hier) und Twitter sahen Zehntausende die Behauptung.

Die Behauptung: Der Beitrag beginnt mit der Frage: "Ukraine - der Exportzwerg soll tatsächlich unser weltweites Ernährungssystem gefährden?" Es folgt eine Aufzählung von Daten, die den geringen Anteil der Ukraine an der weltweiten Nahrungsmittelproduktion belegen sollen. Darüber hinaus falle durch den Krieg in der Ukraine nicht die gesamte Produktion aus, sondern lediglich ein Teil der Ernte, heißt es.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 22.06.2022

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 kursieren zahlreiche falsche Behauptungen in sozialen Netzwerken zu dem Krieg in Osteuropa. AFP sammelt Faktenchecks im Zusammenhang mit dem Krieg hier.

UNO warnt vor den Folgen steigender Preise

In einem Bericht vom Juni 2022 warnt die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO vor den negativen Auswirkungen des Kriegs für die globale Nahrungsmittelversorgung: "Wenn der Krieg zu einer anhaltenden Verringerung der Nahrungsmittelexporte der Ukraine und der Russischen Föderation führt, wird dies zusätzlichen Druck auf die internationalen Nahrungsmittelpreise ausüben." Nach Berechnungen der Organisation könnte die Zahl der unterernährten Menschen in Folge des Krieges weltweit um acht bis 13 Millionen steigen.

Die Ukraine gehört zu den weltweit wichtigsten Exportländern für Weizen und Mais. In Folge des Krieges können große Mengen Nahrungsmittel das Land seit Monaten nicht verlassen. Die FAO geht davon aus, dass derzeit bis zu 22 Millionen Tonnen Weizen und andere Getreidearten in der Ukraine festsitzen. Experten befürchten schwerwiegende Folgen für die weltweite Nahrungsmittelversorgung aufgrund eines knapperen Angebots an Grundnahrungsmitteln und drastisch steigender Preise.

Die verbreiteten Postings behaupten hingegen, die Ukraine produziere im globalen Vergleich viel zu geringe Mengen Weizen und Mais, um das Welternährungssystem nachhaltig beeinträchtigen zu können. So stammten "von den ca. 800 Millionen Tonnen Weizen, der jährlich weltweit verbraucht" werde, lediglich 2,5 Prozent aus der Ukraine. Bei Mais sei es, abzüglich des Eigenverbrauchs, sogar nur ein Anteil von 1,8 Prozent am weltweiten Gesamtverbrauch von 1,2 Milliarden Tonnen.

Nach Zahlen der FAO entsprechen die Angaben in dem Posting in etwa den tatsächlichen Mengen und prozentualen Anteilen. Demnach produzierte die Ukraine 2020 rund 25 Millionen Tonnen Weizen – 3,3 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion – und war damit der achtgrößte Weizenproduzent der Welt. Mit einer Maisernte von 30 Millionen Tonnen – 2,6 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion – belegte die Ukraine 2020 im internationalen Vergleich Platz fünf der wichtigsten Produktionsländer.

Große Mengen ukrainischen Weizens sind für den Export bestimmt

Der vergleichsweise geringe Anteil der Ukraine an der weltweiten Produktion von Weizen und Mais bedeute jedoch keineswegs, dass das Land irrelevant für die globale Nahrungsmittelversorgung sei, sagte Matin Qaim, Professor für Agrarökonomie an der Universität Bonn, am 28. Juni 2022 gegenüber AFP. Qaim leitet das Zentrum für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn und ist international renommierter Experte für das globale Ernährungssystem.

Die Behauptungen aus dem Posting beruhten auf einer falschen Annahme: "Hier wird fälschlich davon ausgegangen, dass die Preise auf den internationalen Märkten auf der gesamten weltweit produzierten Menge basieren", erklärte er. Dies sei aber nicht der Fall. Nur ein Bruchteil der weltweiten Weizenproduktion sei überhaupt für den Export vorgesehen.

Die beiden größten Weizenproduzenten der Welt, China und Indien, tauchen etwa auf der Liste der zehn wichtigsten Exportländer überhaupt nicht auf, da sie kaum Weizen ins Ausland verkaufen. Die Preise für Weizen auf dem Weltmarkt entstehen durch die Menge des dort gehandelten Weizens, nicht durch die Menge des insgesamt produzierten Weizens. Je knapper das Weizenangebot, desto höher die Preise.

Russland hat Exportstopp für Weizen verhängt

Die Ukraine produzierte vor dem Krieg wiederum verhältnismäßig viel Weizen und Mais für die internationalen Märkte: 2020 exportierte sie 18,1 Millionen Tonnen Weizen und 28 Millionen Tonnen Mais, was einem Anteil von neun, beziehungsweise 14,5 Prozent an den weltweiten Weizen- und Maisausfuhren entspricht. Damit war sie im internationalen Vergleich das fünftgrößte Exportland für Weizen und der viertgrößte Exporteur von Mais. Russland, der weltweit größte Exporteur von Weizen, bestritt vor dem Krieg 18,8 Prozent der weltweiten Exporte. Russland und die Ukraine produzierten zusammen mehr als ein Viertel des weltweit für den Export bestimmten Weizens.

Die acht größten Weizenexportländer der Welt ( THORSTEN EBERDING / AFP / )

Doch Russland hat seit Beginn des Krieges einen teilweisen Ausfuhrstopp für das Getreide aus Russland verhängt, was zu einer zusätzlichen Verknappung des Angebots auf den Weltmärkten führte. Russland exportiere Weizen seitdem nur noch sehr selektiv an bestimmte Länder, die es als Verbündete oder Unterstützer seiner Politik ansehe, sagte Matin Qaim, etwa nach Syrien. "Gleichzeitig verbreiten russische Politiker das Narrativ, die Weizenknappheit sei eine Folge westlicher Sanktionen, was nicht stimmt." Die Sanktionen der Europäischen Union sowie der USA und Kanada gegen Russland sehen keine Einschränkungen für Lebensmittel vor.

Die Preise für Nahrungsmittel auf den internationalen Märkten seien zudem bereits in den beiden Jahren vor dem Krieg deutlich angestiegen, sagte Matin Qaim. Die Ursachen hierfür seien vielfältig: Verwerfungen und Unterbrechungen globaler Lieferketten durch die Corona-Pandemie, Ernteausfälle durch Extremwetterereignisse in Folge des Klimawandels und steigende Energiepreise hätten dazu geführt, dass im Januar 2022 die Preise für Weizen um etwa 50 Prozent höher lagen als noch zwei Jahre zuvor.

Entwicklung Weizenpreis seit Jahresbeginn ( THORSTEN EBERDING / AFP / )

Zahlreiche internationale Expertinnen und Experten warnten daher schon vor Kriegsausbruch vor den Folgen einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine für die weltweite Nahrungsmittelversorgung. Ein Krieg der beiden bedeutenden Weizenexportländer würde die ohnehin bereits angespannte globale Ernährungssituation zusätzlich verschärfen, befürchteten sie.

Nach dem Beginn der russischen Invasion stiegen die Preise erneut um rund 50 Prozent an, was eine Verdoppelung des Weizenpreises innerhalb von zwei Jahren bedeutet. Kostete ein Scheffel Weizen (27,22 Kilogramm) am 28. Juli 2020 noch 5,27 Dollar, lag der Preis am 28. Juni 2022 bei 9,33 Dollar. Zeitweilig kostete ein Scheffel Weizen 12 Dollar an der Börse. "Wenn man sich die Entwicklung anschaut, erkennt man einen kontinuierlich ansteigenden Trend", sagte Qaim.

Die Weizenknappheit ist mancherorts schon spürbar

Die fehlenden Weizenexporte aus der Ukraine ließen sich nicht ohne Weiteres durch gesteigerte Exporte anderer Länder ausgleichen, erklärte Qaim. "Kein Land der Welt hat mehrere Millionen Tonnen Getreide auf Lager." Die weltweit geernteten Mengen seien nicht dafür vorgesehen, langfristig eingelagert zu werden, sondern würden verbraucht oder exportiert.

Die Hauptabnehmerländer für ukrainischen Weizen liegen in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten sowie in Ostafrika. Besonders abhängig von Weizenimporten aus der Ukraine sind nach Angaben der FAO Länder wie Tunesien, Mauretanien, der Libanon und Dschibuti.

Länder mit der höchsten Abhängigkeit von russischem und ukrainischem Weizen ( LAURENCE SAUBADU, SYLVIE HUSSON / AFP / )

Die Folgen der Knappheit seien in diesen Ländern bereits jetzt spürbar, erklärte Matin Qaim. "Menschen in ärmeren Ländern können eben nicht einfach mal das Doppelte zahlen, weil sie sowieso schon mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen." Viele Menschen hätten in den vergangenen Monaten die Zahl ihrer Mahlzeiten reduzieren müssen und litten unter Hunger und Nährstoffmangel.

Am 22. Juli 2022 unterzeichneten die Ukraine und Russland ein von der türkischen Regierung und der UNO vermitteltes Abkommen, das die Wiederaufnahme der ukrainischen Getreideexporte über das Schwarze Meer regelt. Beide Länder verpflichten sich darin, sichere Korridore für Frachtschiffe einzuhalten und dort auf militärische Aktivitäten zu verzichten. Die Frachtschiffe sollen beim Aus- und Einlaufen aus den Häfen von ukrainischen Militärbooten begleitet werden.

Ein Raktenangriff auf den Hafen von Odessa schürte indessen Zweifel an der Verlässlichkeit der russischen Zusagen. Am Wochenende nach der Unterzeichnung des Abkommen trafen russische Raketen den Hafen der südukrainischen Stadt, in dem auch große Mengen Weizen für den Export gelagert werden. Moskau betonte, die Armee habe lediglich "militärische Infrastruktur" ins Visier genommen und einer Wiederaufnahme der Getreide-Lieferungen stehe nichts im Wege.

Fazit: Die Ukraine ist ein bedeutender Exporteur für Weizen und Mais. Infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sind die ukrainischen Nahrungsmittelexporte deutlich zurückgegangen. Die Verknappung des weltweiten Weizenangebots hat zu einem drastischen Anstieg der Nahrungsmittelpreise geführt, was die Versorgung vor allem in ärmeren Regionen der Welt gefährdet.

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