FED erhöht, EZB wartet

DIW-Präsident Marcel Fratzscher sieht in einer sich ausweitenden Bankenkrise in Italien die größte, aktuelle Gefahr für Europas Konjunktur. Experten verschiedener KVGs sind sich einig: Die EZB wird die Zinsen so schnell nicht anheben.

 

Eingeladen hat €uro Advisor Services. Gekommen sind fast 100 unabhängige Vermögensverwalter, Private-Wealth-Manager bei Banken und Sparkassen sowie Finanzexperten aus München, Frankfurt, London und Paris. Das Thema: Die europäische und globale Wirtschaftsentwicklung und deren Auswirkung auf die Struktur der Anlegerportfolios. Professor Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, Berlin, ging am Morgen zunächst auf die ökonomischen Rahmenbedingungen ein. Er sieht aktuell drei zentrale Gefahrenherde für das Wirtschaftsgeschehen: Populismus, Protektionismus und politische Paralyse.

Dem Brexit steht der Wirtschaftswissenschaftler gelassen gegenüber. Er werde zwar für Großbritannien auf lange Sicht mit signifikanten Einbußen verbunden sein, für Deutschland und Europa aber vernachlässigbare Folgen zeitigen. Auch von Griechenland gehe in näherer Zukunft keine Gefahr aus. Das Problemkind der Eurozone sei momentan ein anderes: „Meine größte Sorge ist derzeit Italien“, so der Ökonom. Das Land habe zwar unter der vergangenen Präsidentschaft von Matteo Renzi wichtige Reformen angestoßen. Dennoch sei die Lage weiter problematisch, da Italien zum einen hoch verschuldet sei, zum anderen politisch instabil. Während die Märkte das Griechenland-Problem längst eingepreist hätten, sei dies bei Italien nicht der Fall. Gerieten die Banken des Landes in ökonomische Schieflage, könnte dies Auswirkungen für ganz Europa haben. Dennoch: Die Gefahr, dass dieses Szenario Wirklichkeit wird, schätzt Fratzscher als gering ein: „Insgesamt bin ich momentan für die Eurozone optimistisch.“

EZB wird der FED erst 2018 folgen

Auf die Inflationsraten in Europa angesprochen, sagt der DIW-Präsident: „Meine Sorge ist, dass die EZB auch in den kommenden Jahren das Zwei-Prozent-Ziel nicht erreicht.“

Diese Einschätzung teilten in der anschließenden Podiumsdiskussion die Experten rund um Moderator Dr. Martin Hüfner. Walter Liebe, Senior Investment Manager bei Pictet AM meint, „Die EZB ist gut beraten, wieder die geldpolitische Normalität anzustreben, solange die Konjunktur noch läuft.“

In diesem Punkt stimmte ihm Dr. Franz Wenzel zu. Wie Fratzscher geht er allerdings nicht von einem Zinssprung aus: „Wir erwarten in Europa keine ein bis zwei Prozent am kurzen Ende”. Darum fürchtet der Anlagestratege der AXA IM konjunkturelle Bremsspuren: „Je länger wir mit negativen Zinsen zu tun haben, desto negativer ist ihr Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung.“

FED wird die Zinsschraube weiter lockern

Einig war sich die Runde in Bezug auf die künftige Geldpolitik der FED. Markus Peter, Senior Portfolio Manager bei AB, schätzt, dass die FED die Leitzinsen bis Ende 2018 auf zwei bis 2,5% angehoben haben werde.

(DW)