FDP bläst zum Angriff aus der Mitte - Rückhalt für Lindner

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BERLIN (dpa-AFX) - Noch gut 130 Tage bis zur Bundestagswahl und Christian Lindner strotzt vor Optimismus. Der FDP-Chef will seine Partei im Herbst als "Garant der Mitte" zurück an die Macht bringen. Und er ist überzeugt, den Schlüssel dafür in der Hand zu halten. "Ich war niemals motivierter als jetzt, die FDP zurückzuführen in die Gestaltungsverantwortung für dieses Land", sagt er am Freitag den Delegierten des FDP-Parteitags. Wieder mal steht der 42-Jährige, der die Liberalen nach vier außerparlamentarischen Jahren 2017 zurück in den Bundestag gebracht hatte, im Mittelpunkt. Lindner-Festspiele sollen es aber nicht werden. Der unangefochtene Vorsitzende sieht seine Rolle als Sanierer der Partei als beendet an. Er stellt nun die Mannschaft mit ihren Fachleuten in den Mittelpunkt. Mehr den je gelte: "Das Team ist der Star."

Drei Tage digitaler Bundesparteitag mit Neuwahlen und Beratung des Wahlprogramms - das ist eine neue Erfahrung für die FDP. Und eine Herausforderung. In der Halle in Berlin sitzen lediglich das Präsidium der Liberalen und des Parteitags sowie die Verantwortlichen für die Parteitagsorganisation. In seiner gut einstündigen Rede tänzelt Lindner etwas durch den Saal, der einem Fernsehstudio ähnelt. Ständig wechselt er die Position, steht mal hinter dem Redepult, mal davor, das Ganze vor einem blau-magenta-gelbem Hintergrund, auf dem der Slogan "Nie gab es mehr zu tun." prangt.

Es ist nicht das Setting, in dem sich Lindner wirklich wohl fühlt. Er braucht eigentlich Publikum, muss die Stimmung erspüren, fühlen, wie seine Rede ankommt. Aber ziemlich schnell hat er sich trotz der sterilen Atmosphäre warmgeredet.

Die Corona-Politik der Regierung mit allen aufgedeckten Schwächen ist die Steilvorlage für die FDP. Ihre Zustimmungswerte wachsen seit Monaten und sind nun deutlich zweistellig. Parteivize Wolfgang Kubicki spricht zur Eröffnung gar vom "Treppchen", auf dem er die FDP erwartet. Er nimmt Platz 3 ins Visier und will die FDP an der bisher nicht recht aus dem Startblock kommenden SPD vorbeiziehen sehen. Ein liberales Reformprogramm für die gebeutelte Corona-Republik und eine Art Aufstiegsversprechen für alle Leistungswilligen in Deutschland gehören zum Programm und sollen die FDP zum Zünglein an der Waage machen, ohne das "keine seriöse Regierungsbildung" möglich ist.

Dabei will Lindner Milliarden für die Bildung locker machen, ein Ministerium für die digitale Transformation des öffentlichen Sektors einführen und Steuererhöhungen ausschließen. Stattdessen sollen Wirtschaft und die leistungsfähige Mitte von Fesseln befreit werden. Die FDP will verhindern, dass CDU und CSU zu sehr auf die Grünen zugehen könnten. So nimmt der Parteichef in seiner Rede auch deren Kanzlerkandidaten aufs Korn - mit unterschiedlicher Gewichtung.

"Armin Laschet hat fraglos eine große Stärke. Er verfügt über die Gabe zu integrieren. Keine unwichtige Tugend in einem Land, das sich gerade auf den Weg macht, aus einer Krise herauszufinden", sagt Lindner. "Ich glaube, in jedem Fall ist es klug, Armin Laschet mit den Grünen nicht allein zu lassen, denn am Ende fusionieren die noch."

Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock müsse sich erst noch erklären. Es sei noch nicht zu beobachten gewesen, "wie sie persönlich politische Täler durchschreitet" und wie ihre "Durchhaltefähigkeit in Krisen" aussehe. "Man hat sie auch noch nicht die Last schwerwiegender Entscheidungen tragen sehen." Würde sich Baerbock auch von der Linkspartei ins Kanzleramt wählen lassen, fragt Lindner. "Wer ernsthaft Anspruch auf das Kanzleramt erhebt, die oder der muss taktische Wolkigkeit durch Klarheit ersetzen."

Wäre Lindner wie üblich vor den 662 Delegierten in einer vollen Halle gestanden, hätte er am Ende vermutlich minutenlang Beifall bekommen. Darauf weist später sein Wahlergebnis hin. Mit 93 Prozent bestätigen die Delegierten ihn als Parteichef und ernennen ihn zugleich zum Spitzenkandidaten. Es ist Lindners bislang bestes Ergebnis.

Die Frage ist nun, ob die FDP ihr Wählerpotential bereits ausgereizt hat oder noch zulegen kann. Denn das müsste sie, um nach der Wahl zum Königs- beziehungsweise Kanzlermacher werden zu können. Die FDP müsse auf neue Zielgruppen zugehen, noch immer habe sie etwas das Image einer "Bonzenpartei", bringt es ein Delegierter auf den Punkt.

In der Tat hängt den Liberalen nach wie vor der Ruf an, Partei der Wohlhabenden und Anwalt der Wirtschaft zu sein. So fing die erste Frage eines Interviews, das Lindner jüngst deutschen Straßenzeitungen gab, mit der Feststellung an: "Herr Lindner, Sie besitzen einen Porsche, eine Rennfahrerlizenz und einen Jagdschein, sind also ein gemachter Mann." Ob diese Attribute die FDP attraktiv für Facharbeiter und Landwirte machen, ist fraglich. Diese wollte Lindner noch vor einem Jahr für seine Partei gewinnen, weil sie bei der SPD und der Union ihre traditionelle politische Heimat verloren hätten.

In seiner Parteitagsrede kommt Lindner darauf zurück: "Es mag gewisse Image-Bestandteile der Vergangenheit geben, die den Blick darauf verstellen, dass in Wahrheit die Interessen dieser Menschen am besten von den Freien Demokraten repräsentiert werden." Diese "Image-Bestandteile" in den kommenden gut 130 Tagen zu korrigieren, ist ab sofort die Aufgabe Lindners und seiner Wahlkampftruppe.