FC Bayern: Pro und contra Heynckes: Hierarchie-Architekt vs. Mr. Perfect!

Der FC Bayern wird aller Wahrscheinlichkeit nach den 72-jährigen Jupp Heynckes als Nachfolger von Carlo Ancelotti verpflichten. Eine Lösung, die eindeutig die Handschrift von Präsident Uli Hoeneß trägt . Doch was ist davon zu halten? Die SPOX-Redakteure Andreas Lehner und David Kreisl diskutieren äußerst kontrovers.

Der FC Bayern wird aller Wahrscheinlichkeit nach den 72-jährigen Jupp Heynckes als Nachfolger von Carlo Ancelotti verpflichten. Eine Lösung, die eindeutig die Handschrift von Präsident Uli Hoeneß trägt. Doch was ist davon zu halten? Die SPOX-Redakteure Andreas Lehner und David Kreisl diskutieren äußerst kontrovers.

Seite 1: Pro - Bayern braucht einen Hierarchie-Architekten

Der FC Bayern braucht einen Hierarchie-Architekten

Uli Hoeneß war dran. Nach Kalles Kumpel Carlo kommt jetzt Ulis Busenfreund Jupp zurück zum FC Bayern. Spekulationen, wer Initiator dieser Entscheidung war, kann man sich bei dieser Personalie sparen. Zu offensichtlich ist das Muster, dem der Klub in diesem Moment folgt.

Es ist ein Schritt zurück zur familiären Atmosphäre, die sich Hoeneß schon bei der Vorstellung von Hasan Salihamidzic als Sportdirektor gewünscht hat. Der Präsident, der vom Protokoll her im operativen Geschäft keine Funktion ausübt, schreibt wieder sehr aktiv mit an der Geschichte des FC Bayern.

Die Entscheidung pro Heynckes ist so innovativ wie ein Commodore-Computer, was aber nicht zwangsläufig heißen muss, dass der nicht funktionieren und man mit ihm keinen Spaß haben kann. Zumal mit Julian Nagelsmann das neue Hightech-Gerät schon im Schrank liegt.

Viele Beobachter haben als Ancelottis Nachfolger Thomas Tuchel erwartet. Einen Mann, der das spielerische Erbe Pep Guardiolas in München hätte fortführen können. Einen Mann, der dieser fessellosen Mannschaft wieder ein klares taktisches Korsett verpasst und die vielen losen Enden dieser Ansammlung von Einzelspielern mit Videoanalysen und aktivem Coaching zusammenführt.

Dass dieser Mannschaft ein klarer Plan abhandengekommen ist, ist unstrittig. Aber was dieser Kader im Moment offensichtlich noch mehr braucht, ist eine Führungskraft, die den Riss im Team kittet und wieder eine klare Hackordnung einführt. Der FC Bayern braucht jetzt mehr einen Hierarchie-Architekten als einen Taktik-Tüftler.

An dieser Stelle wird es eng für Tuchel, der sowohl in Mainz als auch in Dortmund mit Teilen der Mannschaft über Kreuz lag. An der Säbener Straße muss der Neue aber die beiden auseinandergedrifteten Gruppen wieder vereinen und in eine gemeinsame Richtung führen.

Diese Stärke haben die Münchner in dieser Saison verloren, weil die beiden Anführer Philipp Lahm und Xabi Alonso ihre Karriere beendet haben. Es ist ja so, dass die Grüppchenbildung beim FC Bayern keine Neuigkeit ist, aber Lahm und Alonso haben das Ganze zusammengehalten, weil sie gut miteinander konnten und viele gemeinsame Ideen und Ideale teilten. Die Mannschaft folgte und funktionierte.

Diesen Richtungsstreit zwischen der deutsch-österreichisch-französisch-niederländischen und der spanisch-südamerikanischen Gruppe muss Heynckes in erster Linie lösen. Er ist aufgrund seiner Erfahrung und Sprachkenntnisse dafür bestens geeignet. Dass auf den Spielerversteher Ancelotti der Spielerversteher Heynckes folgt ist also kein Problem, er muss nur ausgewogener handeln als der Italiener.

Seite 2: Contra - Erzkonservative Wohlfühllösung statt Mr. Perfect

FCB braucht keinen lässigen Onkel, sondern... Feuer!

Dass der FC Bayern Thomas Tuchel nicht als neuen Trainer verpflichten wird, ist vollkommen unverständlich. Die Reaktivierung von Jupp Heynckes ist eine erzkonservative Wohlfühllösung, die ratlos macht. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur David Kreisl.

Seitdem der FC Bayern vom besten Trainer der Welt, von Pep Guardiola, im Sommer 2016 verlassen wurde, hat der Klub nichts mehr mit der absoluten europäischen Spitze zu tun. Die Chance, daran etwas zu ändern, war nach dem unausweichlichen Aus von Carlo Ancelotti mit der Verpflichtung von Thomas Tuchel da. Die Münchner hätten einen schwierigen Charakter bekommen (ein Argument, das niemals zählen darf) und gleichzeitig einen Trainer, der taktisch gesehen über jeden Zweifel erhaben ist. Dem es zuzutrauen gewesen wäre, dem FC Bayern wieder eine Spur der Genialität der vergangenen Jahre einzuhauchen.

Tuchel wäre die perfekte Lösung gewesen. Jemand, der komplett neue Impulse gesetzt und die Mannschaft aufgeweckt hätte. Eine Mannschaft, die behäbig daherkommt und sich seit Monaten über Ancelottis Laissez-faire und die fehlende Intensität im Training beschwert hat.

Und gerade jetzt, wo es sich eindrucksvoll gezeigt hat, dass diese taktisch so perfekt erzogene Mannschaft eben keinen Verwaltertypen braucht, keinen lässigen Onkel, sondern mental und fußballerisch gefordert werden will - da reaktiviert der FC Bayern den 72-jährigen Jupp Heynckes aus seinem Haus in Nettental.

Heynckes ist eine Respektsperson und als Übergangslösung eine der besseren, ja. Will man aber so die immer größer werdende Lücke zur europäischen Spitze aufholen? Oder auch nur verwalten? Mit dem Kaltstart eines Trainers, den man aus dem Ruhestand holt, der seit über vier Jahren raus aus dem Fußball ist? Dass schon 21 Monate Abstinenz genug sind, um mit der neuen Fußballwelt zu fremdeln, das beweist Uli Hoeneß seit seiner Rückkehr recht eindrucksvoll.

Und allen, die über die Rückkehr des Triple-Trainers jubeln, denen sei gesagt, dass Heynckes selbst in der Saison 2012/13 lange nicht unumstritten war. Dass er mit Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger im besten Fußballalter sowie Toni Kroos die drei besten deutschen Spieler der jüngeren Geschichte in seiner Mannschaft hatte, dazu Franck Ribery und Arjen Robben in ihren besten Karrierephasen, im Mittelfeld Javi Martinez, der eine Saison von einem anderen Stern spielte. Eine brutale Mannschaft, gierig, angetrieben.

Am Ende werden die Bayern mit Heynckes wieder ihre Spiele gewinnen, ja. Doch ist die Trainerentscheidung ein fatales Signal an die Konkurrenz sowie an die eigenen ambitionierten Spieler und passt nicht zu dem Weltklub, der der FC Bayern immer behauptet zu sein. Man hat sich bewusst für ein weiteres, verschenktes Übergangsjahr entscheiden - bis zur kommenden Saison der dann 31-jährige Julian Nagelsmann den radikalsten Umbruch der jüngeren Klubgeschichte stemmen soll.

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