Ancelotti-Nachfolge: Fast alles spricht für Tuchel

Patrick Hauser, Martin Volkmar
Carlo Ancelotti (r.) ist Geschichte - wer folgt dem Italiener beim FC Bayern?

Die Ära Carlo Ancelotti ist beim FC Bayern beendet, nach nur etwas mehr als einem Jahr zogen die Bosse einen Schlussstrich. Neben dem Italiener musste auch sein komplettes Trainer- und Betreuerteam gehen, einzig der bisherige Assistent Willy Sagnol überlebte den radikalen Schnitt am Donnerstag.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß kündigte bereits an, dass der neue Cheftrainer spätestens nach der Länderspielpause in zwei Wochen übernehmen soll.

Bis dahin ist Sagnol als Interimstrainer für die Münchner verantwortlich. Anders als Andries Jonker, der nach der Entlassung von Louis van Gaal 2011 für die letzten fünf Saisonspiele übernahm, führt Sagnol "bis auf Weiteres" die Trainingsleitung.

Doch ist der ehemalige Rechtsverteidiger mehr als nur ein Trainer auf Zeit? Oder entscheidet sich der Deutsche Meister für eine externe Lösung und einen großen Namen?


SPORT1 erklärt die Chancen von fünf Kandidaten:

1. Willy Sagnol

Der 40-Jährige wurde im Sommer an die Seite Ancelottis gestellt und galt als dessen "Aufpasser". Obwohl sich die beiden blendend verstanden haben sollen, bevorzugte der Trainer-Routinier die Expertise seines italienischen Teams.

Sagnol hat bereits Trainererfahrung und coachte unter anderem Girondins Bordeaux sowie die französische U20 und U21.


Bei den Fans ist "Willyyy" seit seiner Profizeit zwischen 2000 und 2009 sehr beliebt, auch Hoeneß gilt als Fürsprecher des Interimstrainers.

Trotzdem dürfte Sagnol wohl nur am Sonntag im Auswärtsspiel bei Hertha BSC (ab 15 Uhr im LIVETICKER) als Hauptverantwortlicher auf der Bank sitzen.

2. Thomas Tuchel

Vor nicht einmal vier Monaten entschloss sich Borussia Dortmund für eine vorzeitige Trennung von Tuchel. Das Binnenverhältnis zwischen dem Trainer und den Bossen war nachhaltig zerstört, spätestens die Beurteilung der Ansetzung des Monaco-Spiels nach dem Bombenanschlag deckte große Differenzen zwischen den Verantwortungsträgern auf.

Sportlich hinterließ Tuchel beim BVB aber eine blitzsaubere Bilanz: Im ersten Jahr wurde der Coach bester Zweitplatzierter der Bundesliga-Geschichte, in der vergangenen Saison folgte der Triumph im DFB-Pokal - inklusive des Erfolges in München im Halbfinale.

Tuchel machte Talente wie Ousmane Dembele zu potenziellen Weltstars und verpasste seinem Team ein klares taktisches Konzept. Nicht nur Ancelotti-Vorgänger Pep Guardiola sah im 44-Jährigen den idealen Nachfolger, auch Karl-Heinz Rummenigge äußerte sich in der Vergangenheit lobend über Tuchel.

Wenn Tuchel aus seinen Fehlern gelernt hat und sich die FCB-Bosse einen harmonischen Umgang mit ihm vorstellen können, könnte das Thema Tuchel schnell ganz heiß werden. Für die englischen Buchmacher gilt Tuchel gar als großer Favorit, für vier Pfund Einsatz würde es lediglich sechs Pfund Gewinn geben.

Nach SPORT1-Informationen herrscht beim Thema Tuchel in München aber noch Skepsis, weil sie sich nach der Ära Guardiola gut überlegen wollen, ob sie wieder einen vom charakterlichen her anspruchsvollen Trainer-Typen holen wollen.


3. Julian Nagelsmann

Der Shooting-Star der Trainergilde gilt seit geraumer Zeit als künftiger Bayern-Coach und wurde seit Monaten als Ancelotti-Nachfolger gehandelt.

Das Problem: Der 30-Jährige steht bis 2021 bei der TSG Hoffenheim unter Vertrag. Da sein Berater erst kürzlich eine Ausstiegsklausel dementierte, erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass ihm die TSG mitten in der Saison die Freigabe erteilen würde.

Am Donnerstagabend sagte Nagelsmann am Rande des Europa-League-Spiels bei Ludogorets Razgrad bei SPORT1: "Ich befasse mich nicht damit. Meine Medienabteilung hat alles von mir weggehalten, was nicht mit unserem Spiel zu tun hat."

Deutlich wahrscheinlicher wäre wohl das Szenario, dass Nagelsmann im Sommer den Wechsel vom Kraichgau nach München vollzieht - zumal er erst vor zwei Wochen erklärte, Bayern spiele "schon eine etwas größere" Rolle in seinen Träumen.


Für die Zeit dazwischen braucht der FCB allerdings einen Trainer, der Erfolg hat und sich anschließend bereitwillig wieder ins zweite Glied einreihen würde. Bei Sagnol wäre das vorstellbar, bei Tuchel nicht.

Generell werden sich die Bayern-Verantwortlichen aber die Frage stellen, ob ein Engagement für Nagelsmann in München nicht noch etwas früh kommt. Denn bei allem Respekt für Nagelsmann: Hoffenheim ist eben nicht München.

4. Jupp Heynckes

Möglich wäre eine Amtszeit bis zum Saisonende bei Jupp Heynckes. Der mittlerweile 72-Jährige sprang in der Saison 2008/09 für fünf Spiele in München ein, entdeckte sein Feuer wieder und führte den FCB - nach einer Station bei Bayer Leverkusen - vier Jahre später zum umjubelten Triplegewinn.


Anschließend beendete Heynckes seine Karriere. Ob er sich mehr als vier Jahre nach seinem größten Triumph noch mal den Stress als Cheftrainer antut, muss trotz seiner guten Beziehungen zu Hoeneß und Rummenigge aber bezweifelt werden.

5. Jürgen Klopp

Klopp wäre wie Nagelsmann eine Lösung für die Zukunft, er ist derzeit langfristig an den FC Liverpool gebunden.

Dort geriet er zuletzt allerdings in die Kritik, taktisch und personell werfen ihm Experten einige Schwächen vor.


Anders als zu seiner höchst erfolgreichen Zeit bei Borussia Dortmund ist Klopp aber in München keine "persona non grata" mehr, der 50-Jährige hat sich längst emanzipiert und keine Vorurteile gegenüber dem großen BVB-Rivalen.

Klopp genießt in Deutschland einen hervorragenden Ruf, der Bundesliga würde eine Rückkehr des charismatischen Coaches sehr gut tun. Erst beim Audi Cup Anfang August führten Klopps Reds den FC Bayern in der heimischen Allianz Arena vor und gewannen hochverdient mit 3:0.

SPORT1-Einschätzung

Nicht alles, aber doch vieles spricht für Tuchel als erste Option. Im Gegensatz zu Nagelsmann und Klopp ist Tuchel derzeit vertraglich nicht gebunden und wäre sofort verfügbar.

Auch das Ansehen bei den Bayern-Bossen und der von Hoeneß ausgegebene Zeitplan für die Ancelotti-Nachfolge sprechen für den ehemaligen Mainzer und Dortmunder.

Es sei denn natürlich, die Münchner zaubern doch eine Überraschung aus dem Hut. Wie zum Beispiel den ehemaligen Barca-Trainer Luis Enrique - oder Ex-Coach Louis van Gaal. der in der Vergangenheit schon gesagt hat, dass er noch mal nach München zurück will.