Fast keine Meetings mehr: Wie der Shopify-Gründer sein Startup produktiver machen will

Bekannt für Konsequenz: Shopify-Gründer Tobi Lütke - Copyright: Shopify
Bekannt für Konsequenz: Shopify-Gründer Tobi Lütke - Copyright: Shopify

Tobi Lütke ist für klare Ansagen bekannt. Mit „Wir sind ein Unternehmen und keine Familie!“ stemmte er sich gegen zu viel kunterbunte Arbeitsplatz-Romantik. „Es war meine Entscheidung, diese Wette einzugehen, und ich habe mich geirrt“, war sein Kommentar, als nach zu vielen Einstellungen während des Pandemie-Booms beim Shopanbieter Shopify im vergangenen Jahr zehn Prozent der Mitarbeiter gehen mussten.

Nun verfolgt Lütke die Mission, sein Unternehmen effizienter aufzustellen. Shopify ist derzeit zwar 35 Milliarden US-Dollar wert – nur vor einem Jahr waren es noch weit über 100 Milliarden. Während der Pandemie konnte die Firma, die der deutsche Auswanderer in Kanada gegründet hat, viel Geschäft zugewinnen, weil kleinere Händler notgedrungen eine Internetpräsenz benötigten. Allerdings hielt das Wachstum nicht wie von Lütke vorhergesagt an.

„Kalenderbereinigung“

Um wieder Aufwind zu bekommen, nimmt Shopify nun nach der Rückkehr der Mitarbeitenden aus dem Weihnachtsurlaub eine „Kalenderbereinigung“ vor, das teilte Lütke per Mail an alle Beschäftigten mit. Demnach sollen alle wiederkehrenden Besprechungen mit mehr als zwei Personen „auf Dauer“ gestrichen werden, wie Bloomberg berichtet. Gleichzeitig werde eine Regel eingeführt, wonach mittwochs überhaupt keine Besprechungen stattfinden dürfen. Große Besprechungen mit mehr als 50 Personen werden in ein sechsstündiges Zeitfenster am Donnerstag gezwängt, mit einer Begrenzung auf eine pro Woche.

Die Führungskräfte des Unternehmens sollen die Mitarbeitenden dazu anhalten, andere Besprechungen abzulehnen und sich aus großen internen Chatgruppen zu entfernen. Zudem werde ein Bot die Organisatoren von Meetings ab dem 5. Januar dieser Woche an die neuen Regeln erinnern.

„Das Beste, was Gründer tun können, ist Subtraktion“, heißt es in der E-Mail. „Es ist leichter, Dinge hinzuzufügen, als Dinge zu entfernen.“ Das führt aus Sicht von Lütke zu oft zu leichtfertigen Entscheidungen: „Wenn man zu einer Sache ja sagt, sagt man eigentlich zu jeder anderen Sache nein, die man in diesem Zeitraum hätte machen können. Wenn man etwas hinzufügt, wird die Menge der Dinge, die man tun kann, immer kleiner.“ Das führe langfristig dazu, nur den Status quo aufrechtzuerhalten.

Nicht das erste Experiment

Die Abschaffung der Meetings ist nur das jüngste Experiment bei Shopify, um die Arbeit im Unternehmen produktiver und attraktiver zu machen. Im Mai 2020, kurz nach dem Ausbruch der Pandemie, hatte Shopify allen Mitarbeitern erlaubt, auf unbestimmte Zeit von überall aus zu arbeiten. Seit dem vergangenen Jahr lässt Shopify die Mitarbeiter entscheiden, wie viel ihres Gehalts in bar und wie viel in Form von Aktien gezahlt wird – anstatt die Geschäftsleitung über die Mischung entscheiden zu lassen.

Der drastische Wertverlust hatte in der Belegschaft für Aufruhr gesorgt. Shopify gewährt seinen Mitarbeitern zusätzlich zu ihrem – oftmals geringen – Grundgehalt sogenannte Restricted Stock Units (RSUs), wenn sie dem Unternehmen beitreten. Wohl auch, um eine Abwanderung von Talenten zu verhindern, hatte das Unternehmen seine Gehaltspraktiken anpasst.