Erdbeben-Drama in Mexiko: Mehr als 220 Tote, viele Schäden

Verzweifelte Suche: Ein Feuerwehrmann versucht, in einem zerstörten Gebäude in Mexiko-Stadt Überlebende des schweren Erdbebens aufzuspüren. Foto: Cristopher Rogel Blanquet

Vor genau 32 Jahren kamen bei einem Erdbeben in Mexiko Tausende Menschen ums Leben. Ausgerechnet am Jahrestag bebt es nun wieder heftig. Es gibt dramatische Szenen bei der Suche nach Verschütteten.

Mexiko-Stadt (dpa) - Nach einem verheerenden Erdbeben in Mexiko mit mehr als 220 Toten suchen Retter in den Trümmern der eingestürzten Hochhäuser verzweifelt nach Überlebenden. Nach Angaben des Leiters des nationalen Zivilschutzes, Luis Felipe Puente, wurden zunächst 225 Todesopfer geborgen.

In der Millionenmetropole Mexiko-Stadt stürzten Dutzende Gebäude durch das Beben der Stärke 7,1 ein, über 500 Gebäude und Hochhäuser wurden zum Teil schwer beschädigt. Allein in einer eingestürzten Grundschule wurden in Mexiko-Stadt 21 Kinder und vier Erwachsene getötet. Die Katastrophe ereignete sich am Jahrestag des verheerenden Erdbebens vom 19. September 1985.

«Dieses Erdbeben ist eine harte Probe und sehr schmerzhaft für unser Land, aber wir Mexikaner haben gelernt, dem mit dem Geist der Solidarität zu antworten», sagte Staatspräsident Enrique Peña Nieto. Er rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Neben der Hauptstadt waren besonders die Bundesstaaten Morelos und Puebla betroffen, das Zentrum lag rund 130 Kilometer südöstlich von Mexiko-Stadt bei Axochiapan.

In Atzala im Bundesstaat Puebla stürzte während einer Taufe das Dach und die Kuppel einer Kirche ein, elf Menschen wurden hier getötet. Mindestens 700 Menschen wurden durch das Erdbeben verletzt, 400 davon schwer. Da mehrere Krankenhäuser beschädigt wurden, mussten Verletzte teils unter freiem Himmel von Ärzten notdürftig versorgt werden. Nach Angaben des Energieunternehmens CFE waren 3,8 Millionen Menschen zeitweise ohne Strom, auch das Telefonnetz kollabierte in der Stadt.

Dramatisch war die Lage an der Grundschule «Enrique Rébsamen» in Mexiko-Stadt. Dort war auch ein Kindergarten untergebracht. Zunächst wurden 25 Leichen geborgen, zunächst war sogar von 37 Toten die Rede. Mindestens zwei Kinder und ein Erwachsener galten zunächst noch als vermisst, teilte Bildungsminister Aurelio Nuño mit. «Wir hören Stimmen, einige sind noch am Leben», sagte Marine-Sprecher José Luis Vergara - auch die Marine beteiligte sich an der dramatischen Suche vor Ort.

Da viele Schulen beschädigt oder auf mögliche Schäden untersucht werden müssen, fällt für rund 14 Millionen Schüler vorerst der Unterricht aus. «Die Sicherheit der Kinder, Jugendlichen und Lehrer hat Priorität», betonte Bildungsminister Aurelio Nuño.

Ausgerüstet mit Atemmasken, Fahrradhelmen, Spitzhacken und Schaufeln halfen Hunderte Freiwillige in Mexiko-Stadt bei den Rettungsarbeiten mit. Im Licht von Taschenlampen und Scheinwerfern suchten sie auch die ganze Nacht über zwischen den Steinen der zusammengestürzten Gebäude nach möglichen Überlebenden.

Auch zwei Gefängnisse im Bundesstaat Puebla mussten evakuiert und Gefangene verlegt werden. Der internationale Flughafen der Hauptstadt stellte den Betrieb ein, über 180 Flüge fielen aus. Betroffen vom Beben war auch das legendäre Azteken-Stadion, durch eine Tribüne zog sich ein breiter Riss.

US-Präsident Donald Trump schrieb auf Twitter: «Gott schütze die Menschen in Mexiko-Stadt.» UN-Generalsekretär António Guterres bot die Hilfe der Vereinten Nationen an und lobte die rasche Rettungsmaßnahmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schrieb in einem Kondolenztelegramm an Peña Nieto, die Nachricht erfülle sie mit großer Trauer. «Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitbürgern Kraft und Stärke in dieser schweren Stunde.»

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb: «Mit mir sind heute viele Deutsche in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer und bei den Menschen, die sich noch in Gefahr befinden und auf Rettung hoffen.» Brasiliens Fußballstar Neymar von Paris Saint-Germain twitterte: «Lasst uns für Mexiko beten», dazu stellte er ein Bild der Flagge Mexikos.

In Mexiko-Stadt war vor allem das Zentrum mit den touristischen Vierteln betroffen. Viele der beschädigten oder eingestürzten Gebäude wurden vor dem Erdbeben 1985 gebaut und entsprachen nicht den später eingeführten strengeren Baunormen. Bei dem schweren Erdbeben am 19. September 1985 starben nach lokalen Schätzungen rund 10 000 Menschen.

Rund zwei Stunden vor dem heftigen Erdstoß am Dienstag - wieder ein 19. September - hatten sich Behörden, Unternehmen und Schulen noch an der alljährigen Erdbebenübung mit Evakuierungen beteiligt. Kurz nach dem Testfall bebte dann um 13.14 Uhr die Erde tatsächlich. Tausende Menschen versuchten verzweifelt, sich nach draußen zu retten.

Wolkenkratzer schwankten hin und her, Straßen bebten, Fassadenteile von Gebäuden stürzten zu Boden. Über der Stadt hingen Rauchschwaden, Staub lag in der Luft, Gas trat aus. In der Hauptstadt und dem angrenzenden Großraum leben rund 20 Millionen. Im VW-Werk Puebla, einem der größten Fahrzeugwerke des Konzerns, wurden nach Informationen der Wolfsburger Zentrale keine Mitarbeiter verletzt.

Mehrere Nachbeben versetzen die Menschen zusätzlich in Angst. Erst vor knapp zwei Wochen, am 7. September, waren bei einem Beben der Stärke 8,2 rund 100 Menschen in Mexiko umgekommen, dabei lag das Zentrum aber im Pazifik und war in Mexiko-Stadt längst nicht so stark zu spüren. Mexiko befindet sich in einer der weltweit aktivsten Erdbebenzonen mit gefährlichen Erdplattenverschiebungen. Wegen der vielen Verschütteten rechneten die Behörden mit steigenden Opferzahlen, für die Retter begann ein Wettlauf gegen die Zeit.

Der Pazifische Feuerring (Ring of Fire) ist eine hufeisenförmige Zone entlang der Küsten des Pazifischen Ozeans. Sie ird häufig von Erdbeben und Vulkanausbrüchen heimgesucht. Hier treffen verschiedene Platten der Erdkruste aufeinander. Es kommt zu tektonischen Verschiebungen und Verwerfungen.

Entlang dieses mehr als 40 000 Kilometer langen Gürtels liegt ein großer Teil der aktiven Vulkane. Er reicht von der süd- und nordamerikanischen Westküste über die nord-pazifischen Inselgruppen der Aleuten und Kurilen nach Japan und weiter über die Philippinen, den Ostrand Indonesien, verschiedene Südsee-Inselstaaten bis Neuseeland und zur Antarktis.