Wenn die Farm zur Festung wird


Seit Monaten schlief Bokkie Potgieter nur noch mit dem Gewehr im Anschlag. Wenn die Sonne am frühen Abend hinter seinen Gemüsebeeten nahe des Ortes Vryheid in der südafrikanischen Provinz KwaZulu Natal versank, bereitete sich der 70-jährige auf die einsame Nachtwache vor. Wie so viele andere Farmer am Kap verschanzte sich Potgieter bei Einbruch der Dämmerung im Farmhaus, um erst am Morgen wieder herauszukommen.

Geholfen hat ihm seine Vorsicht dennoch nicht: Ausgerechnet am „schwarzen Montag“, dem Tag , an dem zu Wochenbeginn Tausende Südafrikaner landesweit zusammenkamen, um gegen die vielen Morde auf den Farmen des Landes zu protestieren und der Ermordeten zu gedenken, wurde Potgieter von einem Mann getötet, der den Pritschenwagen des Farmers stehlen wollte. Der Killer selbst wurde wenig später von Arbeitern auf einer Nachbarfarm erschlagen, nachdem er zuvor auf der Flucht mit dem gestohlenen Auto verunglückt war.



Auslöser der Proteste am Montag war jedoch der Mord an dem 47-jährigen Winzer Joubert Conradie, der vergangene Woche auf seiner Farm nahe des Weinortes Stellenbosch erschossen worden war. Dies hatte wiederum einen Farmer namens Chris Loubser zu einer flammenden Protestaktion auf Facebook animiert. „Ich war über das Ausmaß der Reaktion auf meinen Aufruf total überrascht“, sagt Loubser. Zumal die Farmmorde seit 25 Jahren unvermindert anhalten – und die Regierung hartnäckig schweigt.

Zu Tausenden hatten sich Südafrikaner, viele wie im Aufruf erbeten in schwarzer Kleidung, am Montag landesweit zusammengefunden, um weltweit auf die unhaltbaren Zustände am Kap hinzuweisen, wo seit über 25 Jahren fast jede Woche ein Farmer ermordet wird. Inzwischen gehört der Beruf des Landwirts zu den gefährlichsten am Kap, zusammen mit dem des Polizisten. Allein im vergangenen Jahr wurde nach Angaben des Kriminologen Johan Burger 71 Menschen bei Überfällen auf Farmen ermordet – darunter 50 weiße Farmer, sechs schwarze Arbeiter und 15 Familienmitglieder.



Die von Burger verwendete Statistik ist allerdings umstritten, denn sie stammt von Agri SA, dem Interessenverband der kommerziellen Landwirte. Das Polizeiministerium setzt die Zahlen etwas niedriger an, verweigert aber seit langem genauere Auskünfte. Fest steht, dass es in den 25 Jahren seit dem Ende der Apartheid zu mehr als 15.000 Überfällen auf Gehöfte kam. Und dass kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo im Hinterland ein Bauer umgebracht wird.

Nach Angaben des südafrikanischen Agrarverbandes, der die Berufsfarmer vertritt, werden Landwirte viermal häufiger als gewöhnliche Südafrikaner Opfer eines Gewaltverbrechens. Dabei ist schon die Zahl der Morde am Kap insgesamt viel höher als im Rest der Welt: Nach der gerade veröffentlichten jüngsten Kriminalitätsstatistik sind die Mordfälle in Südafrika inzwischen wieder auf über 19.000 im Jahr gestiegen – 52 am Tag und mehr als fünfmal so viel wie im internationalen Durchschnitt.


Zahl der Farmen sinkt rapide

Fast überall im Land sind die oft idyllisch gelegenen Farmen heute deshalb auch von elektrischen Zäunen und Stacheldraht umgeben und werden zusätzlich von einem ausgeklügelten Sicherheitssystem überwacht. Die sprichwörtliche „Freiheit vom Leben auf dem Land“, einem beliebten Motiv der burischen Mythologie, ist längst einer Festungsmentalität gewichen. In vielen Gebieten Südafrikas agieren von den Farmern gebildete Bürgerwehren, sogenannte Kommandos, die im Bedarfsfall in Aktion treten und vielerorts die oft unfähige Polizei ersetzt haben. Selbst beim Kirchgang tragen einige Farmer heute Schusswaffen.

Immer wieder kommt angesichts dessen die Frage auf: Spüren die Farmer nur die volle Wucht der Gewaltwelle am Kap oder sind die Überfälle geplant? Viele Landwirte sind überzeugt, dass hinter den Anschlägen radikale Politiker stehen, etwa die der linksextremen „wirtschaftlichen Freiheitskämpfer“ (EFF) um den Heißsporn Julius Malema – also Politiker, die über die Form des politischen Wandels am Kap enttäuscht sind und die Vertreibung der Farmer vom einst angeblich gestohlenen Land fordern.
Tatsächlich unterscheiden sich die Farmmorde von vielen anderen Gewaltverbrechen am Kap dadurch, dass sie offenbar sorgfältig geplant sind: Viele der Überfälle, so zeigt ein Blick auf die Fälle, werden mit militärischer Präzision ausgeführt, wobei die Täter nicht selten wie ein Hinrichtungskommando vorgehen. Kürzlich lockten Kriminelle zum Beispiel einen Farmer und seine Kinder in einen Hinterhalt, obwohl sie bereits die Schlüssel zu den Farmautos hatten und leicht hätten fliehen können.



Die Regierung dementiert seit Jahren jede politische Dimension der Morde. Bislang kamen auch Untersuchungsberichte regelmäßig zu dem Schluss, dass hinter fast allen Überfällen kriminelle Motive steckten. Demnach stehlen die meisten Täter Geld, Waffen und Haushaltsgerät. Farmer, so heißt es in den Berichten, seien für Kriminelle besonders „dankbare“ Ziele. So lebten sie isoliert auf dem Land und hätten häufig Waffen, die bei Verbrechern naturgemäß heiß begehrt sind.

Unabhängig von den Motiven steigt die Empörung vieler Farmer über die Apathie der Regierung. Ärger und Angst sind letzthin vielerorts in Wut und Verzweiflung umgeschlagen - die Proteste am Montag ein Zeichen dafür. Noch ist unklar, ob Südafrikas Regierung die von den Farmmorden zunehmend geschürte rassische Polarisierung aber auch und vor allem die wirtschaftlichen Folgen noch auffangen kann.

Viel Zeit zum Handeln bleibt nicht, denn die ländlichen Gebiete leeren sich in rasantem Tempo und machen immer öfter (für teure Devisen) den Import zuvor am Kap selbst produzierter Lebensmittel notwendig - einen Zustand den Südafrika nie kannte. Die jüngsten Zahlen geben jedenfalls Anlass zu großer Sorge: Gab es vor 20 Jahren in Südafrika noch mehr als 60.000 Farmen, sind es mittlerweile weniger als 35.000 – Tendenz stark fallend.