„Die Fans wollen keine Investoren“

BVB-Chef Hans-Joachim Watzke will weder Oligarchen noch Scheichs als Geldgeber des Bundesligisten, warnt vor steigenden Ticketpreisen, wenn Investoren die Mehrheit bei Klubs haben und macht eine ganz eigene Rechnung auf.

WirtschaftsWoche: Herr Watzke, Sie sagten kürzlich im Zusammenhang mit der Diskussion über die 50+1-Regel: Wir wollen keine Oligarchen bei der Borussia - warum eigentlich nicht?
Hans-Joachim Watzke: Das kann ich Ihnen sagen: Weil das Konsens bei Borussia Dortmund ist, das merkst du auf jeder Mitgliederversammlung und an allen Ecken und Enden in diesem Klub. Wenn ein Oligarch oder ein ähnlicher Investor die Stimmenmehrheit an unserer Geschäftsführungs-GmbH erreichen wollte, bräuchte er dafür erst einmal eine Mehrheit in der Mitgliederversammlung. Und die wird er definitiv nicht bekommen, dazu kenne ich unsere Mitglieder gut genug. Das wollen die nicht. Wir sind der Meinung, dass Fußball ein Kulturgut ist, das wollen wir idealerweise in unseren Händen behalten.

Dennoch – das Thema betrifft nicht nur den BVB, sondern alle 36 Bundesligaklubs. Sprechen Sie sich generell gegen eine Änderung bei 50+1 aus? Soll die Haltung der Borussia auch für den Rest der Liga gelten?
Das muss am Ende jeder Verein selbst entscheiden. Allerdings muss man eins sehen – wir als Liga haben uns gewisse Statuten gegeben. Und mich stört an der ganzen Diskussion, dass interessierte Kreise so tun, als ob die 50+1-Regel altmodisch wäre. Das ist natürlich totaler Unfug. In vielen Punkten funktioniert 50+1 super. Schauen Sie sich Real Madrid und den FC Barcelona an – die erfolgreichsten Vereine der Welt sind beide noch echte Vereine, die ihren Mitgliedern gehören. Auch Bayern München lebt gut mit der 50+1-Regel. Und wir sind trotz 50+1 an die Börse gegangen. Es gibt also auch schon innerhalb der Regelung Möglichkeiten, sich mit frischem Kapital zu versorgen. Dieses Modell kann also sehr wohl sehr erfolgreich sein.

Aber braucht es nicht heute immer mehr Geld und größere Summen, um im Fußballzirkus mitspielen zu wollen?
Ja, das ist schon richtig, und die Beispiele Manchester City und Paris St. Germain führen ja vor, dass man unter Zuführung massiver Mittel zumindest national sehr erfolgreich sein kann. Ob das am Ende auch international gilt, müssen auch die aber erst noch beweisen. Noch mal: Geld allein oder auch das Engagement eines Investors allein garantiert keinen Erfolg. Dazu braucht es mehr.


Die Liga jammert über die langweilige Saison, Bayern München ist mal wieder weit enteilt und auch beim Umsatz tun sich Welten auf. Müssten nicht mehr Klubs finanziell den Rückstand zu den Bayern verkleinern, um die Liga wieder spannender zu machen?
Es glaubt doch kein Mensch daran, dass eine Aufhebung von 50+1 daran etwas ändern würde. Wenn überhaupt ein Investor in Deutschland investieren will, wird er doch als erstes in München anklopfen, und dann bei uns. Und wenn man sich dann anschaut, dass zum Beispiel Investoren wie  aktuell den chinesischen Besitzer  eines prominenten Klubs aus dem südlichen Europa offenbar Liquiditätsprobleme plagen, dann rückt dies das Thema Investoren schon mal in ein anderes Licht. Da sollte man also schon sehr genau hinschauen, in wessen Hände man sich begibt.

Aber braucht die Bundesliga auf Sicht nicht neue Erlöse? Die TV-Gelder werden wohl auch nicht in alle Ewigkeit so üppig sprudeln, oder? In Italien sind sie mit Ach und Krach gestiegen, in England sind die nationalen TV-Erlöse gesunken…
Wenn weniger Geld vom Fernsehen käme, dann müsste man den Gürtel halt enger schnallen. Aber noch mal: Warum investiert ein Investor? Weil er eine Rendite erwirtschaften, weil er Gewinne sehen will. Was die Vereine brauchen, sind kontinuierliche Umsätze, keine Einmal-Zahlung, die anschließend auch noch renditebehaftet sein soll. Rechnen Sie mal aus, was wir in den vergangenen Jahren an Dividende gezahlt haben. Wir zahlen das gerne, weil wir das Geld vorher auch verdient haben. Aber wir können die nicht deshalb zahlen, weil irgendwann mal Leute Aktien gekauft haben, sondern weil wir einen sehr ordentlichen operativen Cashflow erwirtschaften. Und außerdem: Wenn jetzt bei allen 18 Klubs der ersten Liga Investoren einsteigen würden, dann würde das an den eigentlichen Verhältnissen doch gar nichts ändern.


Aber ein Investment könnte doch dazu führen, dass sich ein Klub, der in der EuroLeague heute früh rausfliegt, einen gleichwertigen 20-Mann-Kader leisten könnte, mit dem er ein paar Runden weiterkommt und mehr Geld verdient?
Aber wieviel Geld müsste er dafür bekommen? Nur mal als Gedankenspiel: Nehmen wir einen Verein mit einem Spieleretat von 40 Millionen Euro. Wenn der mit dem Etat heute ausscheidet und den mithilfe eines Geldgebers auf 80 Millionen verdoppelt, dann hat er selten direkt im ersten Jahr Erfolg. Das muss er auch schon mal drei Jahre durchhalten können, er muss also langfristige Verträge mit seinen Spielern abschließen. Und dann kostet das Ganze, mal vorsichtig gerechnet, gleich schon 120 Millionen. Und was ist dann nach den drei Jahren?

Wenn es klappt, ist es schön…
…und wenn nicht? Dann ist es nicht schön, ganz schnell zappenduster. Und wenn das zehn oder zwölf Klubs so machen, wird es trotzdem für die Bundesliga nur bestenfalls vier Plätze in der Champions League geben. Das ist das Problem.


Eintrittspreise würden ungehemmt steigen

Sie haben gut reden, Bayern und Dortmund haben sich beim Umsatz weit vom Rest der Liga abgesetzt – wie sollen die anderen Klubs die Lücke denn sonst schließen?
Was ein Klub viel stärker braucht als Investoren, die ja aus ihrer Sicht idealerweise auch mal eine Rendite sehen wollen, sind hochkarätige Sponsoren. Das verwechseln viele Leute noch immer viel zu oft. Das Geld des Sponsors fließt dem Klub zu und er behält trotzdem das Sagen. Dass Bayern München immer höhere Sponsoring-Einnahmen haben wird als jeder Investor bei einem anderen Klub der Bundesliga dauerhaft und kontinuierlich abliefern würde, darüber müssen wir glaube ich gar nicht reden. Außerdem sind wir hier nicht in Frankreich: Als Katar bei Paris eingestiegen ist, hatte man die klare Vorstellung, innerhalb kürzester Zeit die Meisterschaft zu gewinnen.

Das hat ja auch geklappt…
Ja, aber so naiv kann doch in der Bundesliga wirklich niemand sein, zu glauben, mit einem Investor im Rücken sofort Bayern München angreifen zu können. Wer sich mehr Spannung durch die Abschaffung von 50+1 erhofft, wird sehr schnell sehen, dass das nicht funktioniert. Im Gegenteil würde das nur viele negative Entwicklungen einleiten.

Welche?
Dann werden die Dinge passieren, die ich befürchte – dann werden etwa die Eintrittspreise ungehemmt steigen. In England sind die Tickets 50, 60 Prozent teurer als in der Bundesliga.  Das passiert, wenn jeder Klub von einem Investor geführt wird. Alles das, was wir uns als deutsche Bundesliga bewahrt haben – bezahlbaren Fußball, allein wir haben 28000 Stehplätze hier beim BVB – das sehe ich dann alles gefährdet. Nicht bei uns in Dortmund, aber bei anderen.


Aber einige Ihrer Kollegen haben dazu doch schon sogenannte Leitplanken wie den Erhalt von Stehplätzen, bezahlbare Tickets, Standorttreue, Haltefristen ins Spiel gebracht, um solche Auswüchse zu verhindern?
Und das soll dann rechtssicher sein? Wenn 50+1 so schon nicht hält, wie soll man da einen Investor verpflichten, sich an solche Beschränkungen zu halten? Da wäre ich mal gespannt, wie Gerichte das sehen würden. Falls 50+1 wirklich fällt, müsste man diese Punkte schon hieb- und stichfest verankern. Am Ende des Tages soll jeder Klub denken, was er will. Aber man sollte eben nicht nur nach Paris und Manchester schauen, sondern auch in Ligen wie in Italien. Dort hat auch bald jeder einen Investor – und was ist mit der italienischen Liga los? In den Stadien dort haben sie nicht eben das Gefühl, das wäre nun das modernste, was es in Europa gibt…

Die DFL traut sich ja offenbar zu, Kriterien aufzustellen, um gute von schlechten Investoren zu scheiden…
Das ist ja sicher ehrenwert. Aber wenn ich beispielsweise sehe, dass ManCity und Paris angeblich das Financial Fairplay der UEFA einhalten, dann weiß ich ungefähr, wie sowas am Ende des Tages ausgeht.

Welcher Klub der Bundesliga will denn überhaupt seine Mehrheit verkaufen?
Klubs, die seit 20 Jahren auf der Stelle treten. Die sehen womöglich eine schnelle Möglichkeit, zu Geld zu kommen und die Lücken zu schließen. Aber die Zeche dieser Entwicklung zahlt am Ende der Fußball-Fan.

Sehen die anderen Klubs das auch so?
Wo seit Jahren Stillstand herrscht, ist man für scheinbar schnelle Lösungen sicher offener. Das ist völlig klar. Aber da müssen die Vereine selbst mit klarkommen. Ich glaube, dass die großen Klubs mit ihren vielen Mitgliedern klüger sind, als es der eine oder andere aktuell glaubt.

Wer würde denn überhaupt als Investor einsteigen in der Liga?
Es gibt sicher interessierte Geldgeber, die Liga ist für viele attraktiv. Auch wir hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Interessenten. Aber ich sage klipp und klar: Das ist bei uns undenkbar. Wir wollen frei bleiben, und wenn 50+1 fällt, wird die Konkurrenzfähigkeit von Borussia Dortmund dadurch nicht dramatisch beeinträchtigt werden. Da soll sich mal keiner zu früh freuen.

50+1 wird Ende des Jahres nicht mehr Bestand haben?
Ich weiß es nicht. Wenn man bei der DFL und bei der Mehrheit der Klubs der Meinung ist, dass 50+1 juristisch nicht hält – wovon ich nicht überzeugt bin –, sollte es im besten Falle am Ende eine Konsenslösung innerhalb der Liga geben. Wenn das nicht möglich ist, muss man es rechtlich prüfen lassen. Aber das ist nicht meine Aufgabe, darüber muss sich der Vorstand der DFL Gedanken machen.