Familienunternehmen: “Owner-Mindset” und eine unternehmerische Vision”

Auf der Investment-Konferenz von FondsConsult in Berchtesgaden sprach Lutz Overlack, Head of Sales DACH bei BLI - Banque de Luxembourg Investments, über den Wert von Familienunternehmen. FundResearch sprach mit dem Verkaufsleiter für Deutschland, Österreich und die Schweiz, wie Investoren von am Erfolg von eigentümergeführten Unternehmen partizipieren können.

FR: Herr Overlack, was genau sind Familienunternehmen? 

Overlack: Es gibt eine schöne Karikatur, die die Sicht der Allgemeinheit auf Familienunternehmen unseres Erachtens recht treffend darstellt. Die Aussage dieses Cartoons ist: Familienunternehmen werden an inkompetente Erben weitergegeben.

Es gibt natürlich auch etwas seriösere Definitionen von Familienunternehmen. Die Europäische Kommission sagt zum Beispiel: „Ein Unternehmen beliebiger Größe ist ein Familienunternehmen, wenn:

  1. sich die Mehrheit der Entscheidungsrechte im Besitz der natürlichen Person(en), die das Unternehmen gegründet hat/haben, der natürlichen Person(en), die das Gesellschaftskapital des Unternehmens erworben hat/haben oder im Besitz ihrer Ehepartner, Eltern, ihres Kindes oder der direkten Erben ihres Kindes befindet, und,
  2. die Mehrheit der Entscheidungsrechte direkt oder indirekt besteht, und/oder
  3. mindestens einer der genannten formal an der Unternehmensleitung beteiligt ist.
  4. Börsennotierte Unternehmen entsprechen der Definition eines Familienunternehmens, wenn die Person, die das Unternehmen gegründet oder das Gesellschaftskapital erworben hat, oder deren Familien oder Nachfahren aufgrund ihres Anteils am Gesellschaftskapital 25 Prozent der Entscheidungsrechte halten.”

Unsere Definition von Familienunternehmen ist dagegen viel kürzer: Darin hält die Familie mindestens 25 Prozent der Stimmrechte oder sie stellt, wenn der Stimmrechtsanteil zwischen 20 und 25 Prozent liegt, sowohl den CEO als auch den Aufsichtsratsvorsitzenden.

FR: Welche Bedeutung haben Familienunternehmen heute überhaupt?

Overlack: Das Familienunternehmen ist die vorherrschende Unternehmensform in Europa. Zwischen 40 bis 60 Prozent aller Arbeitsplätze sind dort angesiedelt, das sind rund 100 Millionen Beschäftigte. Die Zahl der Betriebe ist wirklich beeindruckend: 17 Millionen Unternehmen, die je nach Betrachtungsweise bis zu zwei Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts in der EU erwirtschaften. Und ein Viertel der 100 größten Unternehmen in Europa sind tatsächlich Familienunternehmen.

FR: Wie sieht das in Deutschland aus?

Overlack: Deutschland hat ja eine starke Tradition der eigentümergeführten Unternehmen. Hier zählen wir rund drei Millionen Betriebe, die Bandbreite reicht dabei natürlich vom Kiosk bis zum multinationalen Konzern. Das (Shenzhen: 002421.SZ - Nachrichten) sind fast 90 Prozent des gesamten Unternehmensbestands. Die 1.000 größten unter ihnen erwirtschaften zusammen einen Jahresumsatz von 1,74 Billionen Euro, fast ein Viertel von ihnen kommt auf einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro.

Rund zwei Drittel der Familienunternehmen sind dabei im Industriesektor beheimatet, der Rest stammt aus Handel und Dienstleistung. Und diese Unternehmen wachsen auch kräftig: Im Schnitt steigerten sie im vergangenen Jahr ihren Umsatz um 4,3 Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs das Bruttoinlandsprodukt nur um 1,9 Prozent.

FR: Was zeichnet Familienunternehmen aus Ihrer Sicht vor allem aus?

Overlack: Bei den Familienunternehmen finden wir einen besonderen Wertekanon, den ich am besten mit “Familyness” beschreiben möchte: Das sind die besondere Unternehmenskultur, die Werte und Normen, die die Eigentümer vorgeben und leben und vor allem die emotionale Bindung, die sie zu den Mitarbeitern aufbauen. Man (Swiss: MAN.SW - Nachrichten) nennt das “sozi-emotionales Vermögen”. Das sorgt in den Unternehmen für Stolz, Reputation, Identität und Zusammenhalt. Entscheidungen werden in Familienunternehmen nicht nur aus finanziellen Erwägungen getroffen, die sozio-emotionalen Konsequenzen finden ebenso Beachtung. Der (Shenzhen: 002631.SZ - Nachrichten) französische Unternehmer Jean-François Decaux fasst das sehr schön zusammen:

„Das Unternehmertum haben wir von unserem Vater geerbt. Es ist nicht das Geld, das uns motiviert, sondern der Anspruch, unsere Arbeit gut zu machen.“

FR: Es gibt aber auch viel Kritik an Familienunternehmen ... 

Overlack: Es gibt ja die bekannten Vorurteile, wie sie auch die Karikatur oben illustriert. Diese werden oft als das “Buddenbrooks-Syndrom” bezeichnet: Die erste Generation baut das Unternehmen auf, die zweite baut es aus – und die dritte wirtschaftet den Betrieb herunter. Familienunternehmen wird eine schwache Unternehmensführung, mangelhafte Dynamik und eine Ablehnung von Veränderungen nachgesagt. Das können wir nicht bestätigen. Wir finden in Familienunternehmen im Gegenteil eine wachsende Professionalisierung in der Unternehmensführung, wobei zunehmend auch externes Management eingesetzt wird. Dabei ist die “Familyness” eine unternehmensspezifische Ressource, die aus der Interaktion zwischen Familiensystem, Familienmitgliedern und dem Unternehmen stammt – und die einen Wettbewerbsvorteil darstellt.

FR: Wo können Familienunternehmen heute punkten? 

Overlack: Erfolgreiche Familienunternehmen haben in den vergangenen Krisen viel gelernt und Widerstandsfähigkeit aufgebaut. Viele Familienunternehmen haben sich, um zu überleben, spezialisiert. In der Chemieindustrie gibt es erfolgreiche Beispiele, wie Unternehmen sich in der Supply-Chain eingerichtet haben und die Just-in-Time (Frankfurt: A11312 - Nachrichten) -Produktion zur Perfektion gebracht haben. Dazu gehört eben auch der besondere “Owner-Mindset” und eine unternehmerische Vision.

FR: Wie können Anleger am Erfolg der Familienunternehmen partizipieren? 

Overlack: Für unseren BL-European Family Businesses haben wir ein Anlageuniversum von rund 125 Unternehmen in Europa identifiziert, von denen wir derzeit 83 im Portfolio halten. Dabei möchten wir keinen hohen Umschlag bei den Positionen sehen. Einzelwerte machen nur maximal vier Prozent des Aktienbestands aus. Diese Titel suchen wir nach einer intensiven Fundamentalanalyse aus und streuen das Risiko über Sektoren und Geographie. Einige Positionen sind derzeit zum Beispiel Datalogic, ein Hersteller von Industriescannern, der Abfüllanlagenbauer Krones sowie der Lebensmittelproduzent Lotus. Interessanterweise ist ein Viertel der Unternehmen in unserem Portfolio übrigens vor 1900 gegründet worden – was die langfristige Ausrichtung der Strategie ja eindrücklich veranschaulicht.

(TG)