Falscher Chef kassiert knapp 1,7 Millionen Euro – Sparkasse haftet für die Überweisung

Unbekannte prellen Unternehmen immer wieder erfolgreich mit einer einfachen Masche. Jetzt muss eine Bank für die Überweisung an einen Betrüger haften.


Nachricht direkt vom Chef, die Sache drängte. Es war Montag, der 21. Oktober 2016, als um 9.43 Uhr eine E-Mail am Bildschirm von Angelika Zimmer (Name von der Redaktion geändert) aufploppte. Der Geschäftsführer des Familienunternehmens aus dem Badischen hatte zwei Bitten an die Buchhalterin: prompte Ausführung und absolute Diskretion.

Zimmer war aufgeregt. Ein Auftrag vom Chef persönlich! Endlich würde sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Sie wollte alles tun, sein Vertrauen nicht zu enttäuschen.

Er sei in China, schrieb der Geschäftsführer. Dort habe sich eine einmalige Gelegenheit aufgetan. Eine vielversprechende Firma stehe zum Verkauf – doch die Zeit dränge. Solle die Übernahme gelingen, müsse sie schnell und leise abgewickelt werden. Wie viel Geld denn gerade auf den Firmenkonten verfügbar sei, wollte er wissen.

Zimmer prüfte. Es waren gut 1,6 Millionen Euro. Was dann geschah, hätte die Firma fast umgeworfen.

Denn der vermeintliche Chef, der Frau Zimmer mailte, war ein Betrüger. Seine Identität ist bis heute unbekannt. Sicher ist nur, dass er die Firma um knapp 1,7 Millionen Euro erleichterte, weil Zimmer das Geld tatsächlich nach China überwies. „CEO-Fraud“ oder „Fake President“ nennen Fachleute die Masche, die seit einigen Jahren auch in Deutschland grassiert. Seit 2013 häufen sich hierzulande die Fälle.


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Das Besondere am Beispiel des badischen Mittelständlers: Er klagte gegen die eigene Bank und gewann – was andere Geldhäuser alarmieren dürfte. Die Sparkasse Pforzheim Calw hätte die Überweisung stoppen müssen und sie muss den entstandenen Schaden ausgleichen, wie das Landgericht Karlsruhe entschied.


Es sah in dem Verhalten der Sparkasse eklatante Fehler. Ein Urteil, dem der Anwalt der Firma beipflichtet: „Die Buchhalterin war gar nicht befugt, die Überweisung zu veranlassen“, sagt Ulrich von Jeinsen von der Kanzlei Göhmann. Die Sparkasse wehrt sich dagegen: Aus ihrer Sicht spielte sich die betrügerische Handlung „in der Sphäre des Kunden“ ab. Sie werde in Berufung gehen, teilte die Sparkasse mit.

Den Ausgang des Verfahrens dürften auch andere Geldhäuser genau verfolgen. Denn der Fall aus Baden ist ein Paradebeispiel für die CEO-Betrugsmasche. Die Betrüger wenden sich in der Regel an Buchhalter und sprechen Emotionen wie Angst und Eitelkeit an – etwa weil Mitarbeiter sich wichtig fühlen, wenn sie einen Auftrag unmittelbar vom Chef erhalten.

Das wohl bekannteste Opfer war 2016 der bayerische Autozulieferer Leoni, er wurde um 40 Millionen Euro geprellt. Statistische Zahlen gibt es nur wenige, zumal die Dunkelziffer hoch ist. Doch allein in Nordrhein-Westfalen hat sich die Zahl der Fälle von 115 im Jahr 2016 auf 243 im Jahr 2017 erhöht. „Der Trend setzt sich im ersten Quartal 2018 fort“, sagt ein Sprecher des Landeskriminalamts.

Überweisung nach China

Zudem haben die Betrüger inzwischen bemerkt, dass sie mit hohen fingierten Überweisungen – zehn Millionen Euro oder mehr – leichter auffliegen. Die Täter würden heute oft versuchen, „an ein oder zwei Millionen Euro zu kommen“, sagt Frank-Oliver Wolf, Leiter Zahlungsverkehr Deutschland bei der Commerzbank. Auch dass das Geld nach China gehen soll, passt ins Schema.

Angelika Zimmer wusste von alldem nichts. Keine zwei Stunden nach ihrem Erstkontakt mit dem vermeintlichen Chef erhielt sie eine zweite Mail. Um 11.22 Uhr forderte der Betrüger sie auf, eine manuelle Überweisung zur China Construction Bank, immerhin eines der größten Geldhäuser im Land, vorzubereiten.


Parallel sollte Zimmer Kontakt mit der Finanzaufsicht Bafin aufnehmen und zur Authentifizierung eine Unterschriftenprobe des echten Chefs senden. Die passende Mailadresse schickte der falsche Chef gleich mit.

Zimmer tat, wie ihr geheißen. Sie telefonierte mit der Sparkasse, füllte einen Überweisungsträger aus, versah ihn mit dem Firmenstempel und leitete ihn an den angeblichen Chef weiter. Der schickte den Auftrag für die Überweisung sofort unterschrieben zurück. Noch am Nachmittag überwies die Sparkasse 675. 000 Euro.

Drei Tage später war die zweite Rate fällig, alles wieder schnell und geheim. Mithilfe der Sparkasse transferierte Zimmer nun 980.000 Euro nach China. Das Konto dort räumte der Betrüger rasch leer.

Einen Tag danach erlebte die Buchhalterin den schlimmsten Arbeitstag ihres Lebens. Nun war klar: Sie hatte sich austricksen lassen. Zimmer hatte unter anderem übersehen, dass die Mailadresse des vermeintlichen Chefs nicht auf „de“ endete, sondern auf „st“ – die Kennung der Inseln São Tomé und Príncipe, eines afrikanischen Inselstaats im Golf von Guinea.

Auch die Bafin-Mailadresse war gefälscht. So schickte Zimmer die Unterschriftenprobe nicht an die Behörde, sondern ebenfalls an den Betrüger – der sie kopierte und auf den Überweisungsträger setzte. Fake – der ganze Vorgang. Folgen hat das nun vor allem für die Sparkasse.