Von falschen und richtigen Netzen

Ein Strategieschwenk zum richtigen Zeitpunkt: Telekom-Chef Tim Höttges springt über seinen Kupfer-Schatten und erliegt zum ersten Mal dem Charme der TV-Kabelnetze – wenn auch in Österreich.

Adrian von Hammerstein wagte vor fünf Jahren eine sehr steile These. Als der damalige Chef von Kabel Deutschland – heute Teil des Vodafone-Konzerns – gefragt wurde, ob er sich eine Rückkehr der Deutschen Telekom ins Geschäft mit TV-Kabelnetzen vorstellen könnte, hielt er das für eine durchaus realistische Option. „Die Telekom hat im Jahr 2003 das falsche Netz, nämlich das TV-Kabelnetz, verkauft“, sagte von Hammerstein in einem Interview mit der WirtschaftsWoche.

Der spitze Seitenhieb war durchaus als Provokation gedacht und kam so auch in der Bonner Telekom-Zentrale an. Denn im Vergleich mit den alten Kupferkabeln bietet das TV-Kabelnetz die deutlich schnelleren Internetverbindungen. „Aus Sicht der Telekom ist das sinnvoll“, prophezeite von Hammerstein damals. Auf Drängen der Wettbewerbshüter musste sich die Deutsche Telekom damals von einem Netz trennen – und entschied sich für die TV-Kabelnetze.

Heute, viele Jahre später, bewahrheitet sich diese damals noch so kühne Vorhersage. Allerdings nicht in Deutschland, sondern in Österreich. Zum ersten Mal will Telekom-Chef Tim Höttges eine Festnetzlücke mit TV-Kabeln schließen und zahlt dafür 1,9 Milliarden Euro an Liberty Global, dem größten TV-Kabelbetreiber in Europa.




Trotz des hohen Preises ist das für die Telekom ein Glücksfall: Sie will ihren Kunden in allen europäischen Märkten das komplette Sortiment aus Internet, Mobilfunk und Fernsehen anbieten und zumindest in Europa nicht länger als reiner Mobilfunkanbieter auftreten. Die Hoffnung, in Österreich und den Niederlande eine Aufholjagd wie T-Mobile in den USA zu starten, hatte sich bisher nicht erfüllt.

Die Zeiten haben sich geändert

Für die Telekom ist das ein bemerkenswerter Strategiewechsel. Früher handelte der Vorstand mehr nach der Devise „Think Big“. Und die war von einer großen Idee getragen: Irgendwann werde es schon zu der schon so oft prophezeiten Konsolidierung auf dem europäischen Telekom-Markt kommen. Alles schien möglich: Eine Fusion mit der französischen Orange (früher: France Télécom) oder eine Übernahme von Telecom Italia.




Wenn das nicht klappt, gibt es auch noch einige kleinere Ex-Monopolisten wie die holländische KPN oder die belgische Belgacom, die ihre Aktivitäten fast ausschließlich auf den Heimatmarkt beschränken und nach herrschender Größenlogik eigentlich keine Überlebenschance haben dürften.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Europa durchläuft gerade eine Schwächeperiode, nationale Egoismen sind auf dem Vormarsch. Die Kontrolle über Telekom-Konzerne wird wieder als wertvoller Teil der digitalen Souveränität eines Landes angesehen, die man nicht leichtfertig aus der Hand geben sollte.

In so einer unsicheren Phase ist es gut, wenn sich Höttges darauf konzentriert, was im Moment machbar ist. Und wenn der US-Medienmogul und Liberty-Global-Eigner John Malone bereit ist, sich von einem Teil seines Kabelschatzes zu trennen, dann sollte die Telekom über ihren Kupfer-Schatten springen und ganz schnell zugreifen.