Fall Linda W.: Wie reagiert man in Pulsnitz auf das IS-Mädchen?

Vom kleinen Dorf nach Mossul zum Islamischen Staat.

Auf die Frage, ob sie etwas zu Linda W. sagen wolle, lässt die Bedienung in Kirsten“s Konditorei erstmal ein langes Schweigen folgen. Sie stellt dann den Cappuccino auf den Tisch, daneben das Plundergebäck, und bündelt ihre Gedanken, bereits wieder hinterm Tresen stehend, in einem viel mütterliche Wärme ausstrahlenden Satz: „Ich hoffe, dass die Familie irgendwie die Kurve kriegt.“

Auf den vorsichtig formulierten Einwand, dass dem Vernehmen nach nicht alle im Ort so milde dächten, erwidert die Frau: „Das Mädchen war 15...“ Ein unreifer Teenager also und darum noch nicht zurechnungsfähig. Und schweigt wieder.

Das Mädchen, um das es geht, trägt den Vornamen Linda. Der Nachname wird in den Medien mit dem Initial W. abgekürzt – zu ihrem Schutz und dem ihrer Angehörigen. Linda W. ist nämlich 2016 als seinerzeit 15-Jährige verschwunden. In Zeitungen stand zu lesen, am 1. Juli vorigen Jahres habe sie zu Hause mitgeteilt, das Wochenende bei einer Freundin verbringen zu wollen. Linda W. kommt aber zum vereinbarten Zeitpunkt nicht wieder. Die mit einem neuen Mann liierte Mutter ruft besorgt den leiblichen Vater an, der im sächsischen Großenhain lebt. Doch beim Vater, einem Straßenarbeiter, ist Linda W. ebenfalls nicht.

Linda W. las nur noch den Koran, fastete beim Ramadan

Schließlich entdeckt die Familie, dass die Tochter Flugtickets gebucht hat – von Dresden nach Frankfurt am Main, von Frankfurt am Main nach Istanbul. Auch ein Gebetsteppich taucht auf und ein zweiter, bis dahin verborgener Facebook-Account mit arabischen Kontakten. Plötzlich herrscht so etwas wie Gewissheit darüber, dass Linda W. – das unauffällig eifrige Mädchen mit den guten Schulnoten – sich im Hoheitsgebiet des selbst ernannten Islamischen Staates in Syrien oder dem Irak aufhält. Die Tatsache, dass sie irgendwann bloß noch arabische Musik hörte, sich für den Koran interessierte, ein Kopftuch tragen wollte und während des Ramadan fastete, muss ganz anders gedeutet werden als vorher: nicht als Indiz harmlos pubertärer Sinnsuche, sondern als Zeichen einer für sie und andere gefährlichen Radikalisierung. Linda W. hat es gleichsam erwischt. Sie wurde von den Islamisten zum Heiligen Krieg verführt – als eines von rund 20 minderjährigen Mädchen in Deutschland bei vermutlich 930 Ausreisenden insgesamt. Ein Ereignis, das ihr Dasein so oder so dauerhaft prägen dürfte.

Linda W. wurde im Tunnelsystem von Mossul entdeckt

In der vorigen Woche ist die mittlerweile 16-Jährige, die einen tschetschenischen Kämpfer geheiratet...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung