Deutschlands Bild in der Welt als tolerante Nation bröckelt

Die Debatte um Mesut Özil zeigt: Nur wenn wir Integration leben, behalten wir weltweit den Anschluss. Davon hängt nicht nur unser sportlicher Erfolg ab, sondern am Ende auch unser Wohlstand.


Mit dem Rücktritt Mesut Özils ist „Die Mannschaft“ wieder ein Stück zur „Nationalmannschaft“ geworden. Genau so, wie es sich Politiker der AfD vor einigen Monaten gewünscht hatten. Sie haben nun bekommen, was sie wollten, ohne dafür weiter poltern zu müssen.

Nur zu leicht wäre es, einzig Özil seine mangelnde Fähigkeit zur Selbstreflexion anzulasten, seine Weigerung, ein dämliches und dämlich aufgebauschtes Foto als Politikum anzuerkennen – oder den fast schon kindlichen Trotz eines 29-jährigen Spitzenfußballers.

Es geht um viel mehr: darum, wie wir den schwierigen Begriff der Integration eigentlich mit Leben füllen wollen. In Deutschland, wo jeder dritte Bürger unter 20 Jahren einen Migrationshintergrund hat; wo auch außerhalb der Chefetagen vieler Dax-Konzerne längst Englisch, Chinesisch oder Arabisch gesprochen wird. In Deutschland, wo mehr als eine Million Flüchtlinge Schutz suchen, muss die Frage erlaubt sein: Können wir Integration? Und: Was entgeht uns, wenn wir daran scheitern?

Der Fall Özil und die Suche nach einem neuen Ballkünstler für das deutsche offensive Mittelfeld zeigen jedenfalls, ganz nüchtern betrachtet: Wo wir mit der Integration scheitern, fallen wir erst einmal zurück. Das gilt explizit nicht nur für den Fußball. Sondern auch im Kampf um Talente in der Wirtschaft. Bundestrainer Joachim Löw hat nun ein paar Jahre Zeit, einen neuen Passspieler zu finden. Der Rest des Landes hat es ungleich eiliger.

Es schadet nicht, noch einmal den Begriff an sich zu reflektieren. Integration bedeutet nämlich nicht, „die“ zu „wir“ zu machen. Sondern, wie „wir“ und „die“ gesittet, freundschaftlich und vor allem produktiv zusammenleben.

Im Fall der deutschen Nationalmannschaft hat das aus sportlicher Sicht jahrelang gefruchtet. Podolski und Schweinsteiger, Hummels und Boateng, Özil und Kroos.


Erst, als die DFB-Funktionäre Grindel und Bierhoff am Ende Özil zum Sündenbock für eine miserable Mannschaftsleistung beim WM-Turnier in Russland machten, zeigten sie damit, dass der Fußballer mit türkischem Namen nicht das lieferte, was eine angebliche Mehrheit von ihm erwartet hatte. Wir und die? Grindel und Bierhoff sind daran gescheitert, die beiden Wörter zu verbinden.

Es sagt auch niemand, dass Integration bedeutet, sich in der Mitte zu treffen. Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar. Aber auch nicht die Meinungsfreiheit, die darin verankert ist. Dazu gehört auch, die Meinung des Andersdenkenden zu ertragen; selbst wenn er einem Staatspräsidenten Respekt zollt, den in Deutschland inzwischen viele ablehnen.

Özils leidenschaftliche Heimatbekundungen muss nicht jeder kopieren. Fakt ist aber, dass er so denkt, dass sein Gefühl ihm sagte, er tut aus Sicht seiner türkischen Identität das Richtige – selbst wenn es aus Sicht seiner deutschen Identität womöglich falsch gewesen wäre. So etwas fällt den Betroffenen oft sehr schwer. Integration bedeutet hier, zumindest zu versuchen, sich in dieses Spannungsfeld hineinversetzen zu können. Integration bedeutet Toleranz.

Bundespräsident Steinmeier hat deshalb nach seinem Treffen mit Özil kurz nach Veröffentlichung des Erdogan-Fotos das richtige Taktgefühl bewiesen: „Heimat gibt es auch im Plural“, verkündete er. Viele Politiker, Meinungsmacher und Fußball-Fans hätten sich besser ein Beispiel am Bundespräsidenten genommen. Sie hätten eine Maxime daraus ableiten können. Die Maxime, dass ihre Haltung gegenüber einem ausländischen Staatspräsidenten nicht mit ihrer Haltung gegenüber einem perfekt integrierten Fußballer kollidieren muss. Sie sind daran gescheitert.


Denn genau das ist geschehen: die Haltungen sind kollidiert. Die Abneigung vieler Menschen in Deutschland gegenüber Erdogan hat in dem Fall einzig Özil abbekommen. Kein Wunder, dass etwa Lothar Matthäus, der sich unlängst mit Russlands Staatschef Wladimir Putin medienwirksam ablichten ließ, keinen Sturm der Empörung erntete.

Im Vergleich zu Erdogan ist Putin für die westliche Welt die weit größere Gefahr. Aber es ging nicht um die Geste, sondern den Adressaten und dessen Bild in der deutschen Gesellschaft. Hätte sich Özil mit Putin gezeigt – er hätte womöglich bloß die Randzeilen der Zeitungen gefüllt. Aber es war Erdogan. Niemand darf zulassen, dass ein Foto mit ihm den Rücktritt eines Nationalspielers auslöst.

Unzählige deutsche Fußballtalente mit Migrationshintergrund werden sich nun genau anschauen, wie der DFB reagieren wird. Begeht der Verband weitere Fehler, richtet er langfristig einen größeren Schaden an als Özils Foto mit Erdogan.

Aber wer glaubt, nur im Sport könnte Deutschland etwas entgehen, der irrt. Özils Abgang, brennende Flüchtlingsheime, ein Bundesinnenminister, der sich über die Abschiebung von Afghanen freut – Deutschlands Bild in der Welt als tolerante Nation bröckelt.

Es muss zur wichtigsten Aufgabe der Politik gehören, gegen Intoleranz anzugehen. Nicht nur unser sportlicher Erfolg hängt davon ab. Sondern am Ende auch unser Wohlstand.