Fahrrad aus dem 3D-Drucker: Taugt das E-Gravelbike des Magdeburger Startups?

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Eine ungewöhnliche Erscheinung: Bei Urwahn-Bikes fehlt das Sitzrohr wie man es kennt – so auch beim ersten E-Gravel der Marke, dem Waldwiesel.E
Eine ungewöhnliche Erscheinung: Bei Urwahn-Bikes fehlt das Sitzrohr wie man es kennt – so auch beim ersten E-Gravel der Marke, dem Waldwiesel.E

3D-Druck für Fahrradrahmen verspricht neue Möglichkeiten beim Design und Leichtbau. Ganze Geometrien im sogenannten additiven Verfahren zu fertigen, ist aber noch sehr teuer. Es gibt derzeit wenige Hersteller, die 3D-Druck nutzen. Sie konzentrieren sich auf das Drucken von Einzelteilen. Das hält die Verkaufspreise moderat.

So geht zum Beispiel Urwahn vor: Der junge Hersteller mit Sitz in Magdeburg lässt an seinen Bikes lediglich von Fahrkräften besonders belastete Rahmenteile drucken. Diese werden später mit klassisch im Tiefziehverfahren produzierten Stahlrohren verschweißt. Auf diese Weise ist auch das Modell Waldwiesel entstanden, das nach Angaben von Urwahn „weltweit erste 3D-gedruckte Gravelbike“. Wir sind es in der E-Bike-Version Waldwiesel.E gefahren.

Waldwiesel.E von Urwahn: der Einsatzzweck

Geschäftsführer Ramon Thomas sagt, dank der breiteren Reifen, aber auch der speziellen Rahmenkonstruktion lasse sich das Gravelbike nicht nur auf Asphalt, sondern auch auf Schotter- und Waldwegen vergleichsweise komfortabel fahren. Er sieht das Modell als Funktionsgegenstand für Pendler, die über die Stadtgrenzen hinaus müssen, aber auch als Spaßgerät für Feierabendrunden in hügeliger Natur.

Die 40-Millimeter-Bereifung sorgt dafür, dass das Bike Unebenheiten dämpft, das gilt auch für den 3D-Druck. Mit dem lassen sich Wandstärken dünn, aber stabil herstellen und stark belastete Bereiche mit Stahl auch aufdicken. Additiv gefertigt sind laut Thomas „alle Teile, die keine Rohre sind“ – also Steuerkopf, Aufnahme der Sattelstütze, der Tretlagerbereich, die beiden hinteren Ausfallenden und die Beugung am Hinterbau.

Die Technik des Waldwiesel.E

Dieser optisch typische Urwahn-Schwung im Rahmen entsteht durch das fehlende Sitzrohr, diese Form soll für mehr Flex sorgen. Geht es unterwegs holprig zu, wird der Stahlrahmen zusätzlich zu seinen eigentlichen Dämpfungseigenschaften gestaucht. „Unter Maximalbelastung um fast einen Zentimeter“, sagt Thomas, „ein merkbarer Effekt.“

3D-Druck kann Fahrräder zu Leichtgewichten machen. Das Waldwiesel.E wiegt 14,8 Kilo und zählt laut Hersteller zu den leichtesten E-Gravelbikes auf dem Markt. Zum Vergleich: Das Bergamont E-Grandurance Elite mit Alu-Rahmen etwa wiegt 15,2 Kilo, das Stevens E-Getaway mit Carbonrahmen 14,7 Kilo.

Der 3D-Druck mit seinen feinen Modelliermöglichkeiten macht das Waldwiesel im Look sehr clean. Wüsste man es nicht besser, könnte man das Fahrrad auch für ein Carbonbike halten. Die gedruckten Teile und deren Übergänge zu den Rohren, wo Schleifarbeit die Schweißnähte unsichtbar macht, wirken wie aus einem Guss.

Fahreindruck vom Waldwiesel.E

Die 250-Wh-Batterie kann zur Wartung über eine Öffnung in Tretlagernähe entnommen werden und verschwindet im Unterrohr. Der Motor versteckt sich an der Hinterachse hinter dem Ritzelpaket. So erkennt man das Rad schon äußerlich kaum als Pedelec.

Ein ähnlicher Effekt beim Fahrverhalten: Aufgrund des relativ niedrigen Gewichts fährt es sich leichtfüßig. Man könnte fast vergessen, den Motor zuzuschalten. Kurzum: Es fährt sich wie ein normales Rad. Der Motor liefert bis zu 40 Nm und agiert leise – typisch für Heckmotoren.

Wählbar über einen Daumenschalter am Lenker sind die drei Fahrmodi. Der Schalter gibt jedoch wenig haptische Rückmeldung. Die integrierte Beleuchtung, die die Unterstützungsstufen farblich anzeigt, lässt sich bei Tageslicht kaum erkennen. Die kräftigste Unterstützung liefert ordentlich Saft für rasantes Anfahren, der Fahrer kann sich aber auch sehr dezent unterstützen lassen.

Über die Mahle-Ebikemotion-App lassen sich die Fahrmodi individuell anpassen oder Tempo und Reichweiten anzeigen. Ein Display besitzt das E-Bike nicht. Der Dämpfungseffekt des geschwungenen Hinterbaus scheint eher mess- als spürbar.

Einen Wow-Effekt wie bei einem für Mountainbikes typischen Hinterbaudämpfer darf man nicht erwarten. Gegenüber einem Alu-Rad fährt sich das Stahlgravel aber weicher. Spielraum für mehr Komfort hat man beim Reifendruck. Bei etwa vier Bar sollte sich ein deutlicher Effekt einstellen – je nach Körpergewicht des Fahrers.

Ausstattung, Zubehör, Peripherie

Geschaltet wird per Gravel-Schaltung GRX von Shimano mit elf Gängen. Zur Gruppe zählen zupackende hydraulische Scheibenbremsen mit Discs von je 160 Millimeter Durchmesser.

Für 400 Euro extra gibt es ein Lichtsystem. Dieses kombiniert einen kleinen Supernova-Scheinwerfer, der mit dem Lenker mitschwenkt, mit einer Sattelstütze mit integrierten LED von Lightskin als Rücklichtlösung. Auch Schutzbleche (50 Euro), Gepäckträger (80 Euro), GPS-Tracker (199 Euro) oder eine Carbon-Federgabel von Lauf mit 30 Millimeter Federweg (1000 Euro) können geordert werden.

Interessant ist vor allem der Range Extender, der sich als Trinkflasche tarnt. Die Zusatzbatterie erweitert den Energiegehalt von 250 Wh um 208 Wh, die Reichweite um 40 bis 60 Kilometer. Kostenpunkt: 600 Euro. Ist sie aktiv und über die Ladebuchse am Tretlager eingestöpselt, lädt sie die Hauptbatterie unterwegs.

Ob man das 1,5 Kilo schwere Teil benötigt, muss man sich überlegen. Die angegebene Reichweite allein der internen Batterie liegt bei 80 Kilometern – genug für viele Wege. Und muss der Motor bei leerem Akku ruhen, fährt sich das Bike wie erwähnt immer noch leichtgängig.

Zudem sparen Fahrer Strom, wenn sie schneller als 25 km/h unterwegs sind – denn dann schaltet sich der Motor wie bei allen Pedelecs ab. Im Sattel des Waldwiesels kommt das zumindest auf glattem Grund oft vor. Auf einer der Testfahrten mit Doppelakku war nach gut 80 Kilometern noch 46 Prozent Restladung vorhanden.

Dabei löst der Range Extender auch ein grundsätzliches Problem nicht: Dass man das Bike zur Steckdose tragen muss, um den internen Akku zu laden. Ist dieser leer, startet der Motor nicht – da hilft es auch nicht, den vollen Range Extender anzuschließen.

Der Preis des Waldwiesel.E

Allein aus wirtschaftlichen Gründen sieht Geschäftsführer Thomas ganze Stahlrahmen aus dem Drucker in den nächsten fünf Jahren nicht kommen: „Wer will schon 5000 Euro allein für den Rahmen zahlen?“ So bekommt man für nicht sehr viel mehr Geld immerhin das Komplettrad als Pedelec: Ab 6099 Euro ist das Waldwiesel.E zu haben.

Wer aber in der Optionsliste alles wählt, kommt an 8000 Euro heran. Erhältlich ist es in fünf Rahmengrößen. Wer auf das „E“ verzichtet, zahlt für das einfache Waldwiesel ohne den Heckmotor ab 4499 Euro.

Fazit: Dank 3D-Druck bekommt man mit dem jüngsten Urwahn-Modell ein durchgestyltes, leichtfüßiges Gravelbike. Als Waldwiesel.E mit Motor wird es zum E-Mountainbike light. Es bietet trotz flexendem Rahmen aber nicht den Federungskomfort eines MTB.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt.de.

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