Amazon, Facebook & Co unter Druck: Internetaktien vor Zeitenwende?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Banger Blick auf die Märkte: Die Börsen notieren seit Jahresbeginn im Minus (Foto: AP Photo/Richard Drew)


Es brodelt an der Börse: Die erdrutschartigen Kursverluste von Facebook haben in den letzten zwei Wochen den gesamten Internet- und Technologiesektor mit in die Tiefe gerissen. Auch Amazon, Alphabet und Netflix werden hart abverkauft. Geht die gewaltige Börsenhausse der vergangenen Jahre zu Ende?

Es geht Schlag auf Schlag: Ein neues Quartal, ein neuer Kursrutsch. Um 2 Prozent gaben gestern sowohl der Dow Jones als auch der marktbreite S&P 500 nach, während die Technologiebörse Nasdaq gar happige Verluste von 3 Prozent zu beklagen hatte. Schlechter sind amerikanische Aktien nicht mehr seit 1929 in das zweite Quartal gestartet – seinerzeit folgte bekanntlich wenig später der Schwarze Freitag und die Große Depression.

Durch den neuerlichen Ausverkauf haben sich die Indizes für das laufende Börsenjahr tiefer in rot eingefärbt: Seit dem 1.1. liegen S&P 500 und Dow Jones nun schon um 3 bzw. 4 Prozent hinten. Entsprechend steigt die Angst vor dem großen Crash, der bereits im Februar seine Schatten vorauszuwerfen schien.

Internet- und Techaktien plötzlich angeschlagen

Dabei schienen die Kurse jahrelang förmlich in den Himmel zu wachsen. Vor allem die hoch gewetteten Technologie- und Internet-Unternehmen bescherten ihren Aktionären exorbitante Kurszuwächse, die die Digital-Giganten immer wertvoller machten. Bis vor wenigen Wochen waren mit Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon, Tencent, Alibaba und Facebook gleich sieben Internet- und Techkonzerne die wertvollsten Unternehmen der Welt.

Doch seit dem Datenskandal um Cambridge Analytica befindet sich nicht nur Facebook im freien Fall, sondern der gesamte Internetsektor gleich mit. Von den Höchstkursen in diesem Jahr haben die wertvollsten Digital-Champions in den vergangenen Wochen wie folgt an Wert verloren:

• Apple: – 9 Prozent
• Microsoft: – 9 Prozent
• Alibaba: – 14 Prozent
• Tencent: – 14 Prozent
• Amazon: – 15 Prozent
• Alphabet: – 16 Prozent
• Netflix: – 16 Prozent
• Facebook: – 20 Prozent

Facebook: Um Schadensbegrenzung bemüht…

Im Auge des Sturms befindet sich weiter fraglos vor allem das weltgrößte soziale Netzwerk. So sehr sich Konzernchef Mark Zuckerberg in diesen Tagen um Schadensbegrenzung bemüht, umso größer scheint tatsächlich der Vertrauens- und Kontrollverlust zu werden.

Gestern erst überraschte der Facebook-Chef in einem Interview mit dem Nachrichtenportal Vox mit der Aussage, dass es Jahre dauern könne, bis sich Facebook aus dem Loch arbeiten würde, das der Datenskandal gerissen hat. Gleichzeitig versuchte Zuckerberg mit einem wütenden Konter in Richtung von Apple-CEO Tim Cook von seinen eigenen Problemen abzulenken.

… doch Kurshalbierung möglich

Cook hatte Zuckerberg zuvor für den laxen Umgang mit Nutzerdaten kritisiert. („Ich wäre nicht in seiner Position.“) Der Facebook-Chef nannte die Äußerungen des Apple-CEOs daraufhin „aalglatt“ und kritisierte im Gegenzug, Apple würde “Produkte für reiche Menschen” anbieten. An der Wall Street verpuffte die rhetorische Nebelkerze schnell – Facebook verlor gestern weitere 3 Prozent an Wert.

Manche Analysten halten die aktuellen Notierungen unterdessen nur für eine Durchlaufstation – auf dem Weg nach unten. „Wenn ich Mark Zuckerberg wäre, würde ich erwarten, dass sich mein Aktienkurs in den nächsten Jahren halbiert“, erklärte vergangene Woche der britische Investor Jim Mellon von der Burnbrae Group. Der Datenskandal um Cambridge Analytica sei erst “die Spitze des Eisbergs“. Facebook erwarte eine scharfe Regulierung, wenn nicht eine Aufspaltung, wie sie auch Marketing-Professor Scott Galloway (“The Four”) fordert.

Amazon: Trump zieht E-Commerce-Riesen nach unten

Das gleiche Schicksal könnte auch einem anderen Internetriesen bevorstehen, dem Galloway eigentlich die besten Chancen einräumt, zur Nummer eins der Börsenwelt aufzusteigen – Amazon. Zwar befindet sich der vor knapp 24 Jahren gegründete E-Commerce-Gigant fundamental weiter auf der Überholspur, allerdings auch im Visier von US-Präsident Trump.

Der weltgrößte Online-Einzelhändler könnte nämlich mit der Trump-Administration kartellrechtliche Probleme (Trump: „Amazon ist Monopolist“) bekommen – und Jeff Bezos persönliche. Dem Amazon-Gründer gehört bekanntlich auch noch persönlich die von Trump so verhasste liberale Washington Post, die im Wahlkampf das Skandalvideo mit Trumps obszönen Äußerungen publizierte.

Donald Trump: Unsere Post verliert wegen Amazon ein Vermögen

Entsprechend wird Trump bis heute nicht müde, gegen Amazon auszuteilen. In den vergangenen Tagen holte der US-Präsident über seinen bevorzugten Kommunikationskanal Twitter gleich mehrfach gegen Amazon aus.

„Nur Narren (oder noch Schlimmeres) behaupten, dass unsere Post mit Amazon Geld verdient. SIE VERLIEREN EIN VERMÖGEN, und das wird sich ändern. Auch unsere Einzelhändler, die Steuern in vollem Umfang bezahlen, schließen Filialen im ganzen Land. Hier herrscht keine Chancengleichheit“, twitterte Trump – und radierte mit seinen Tweets in wenigen Tagen mehr als 50 Milliarden Dollar von Amazons Börsenwert aus.

Sorge vor Handelskrieg mit China

Doch damit nicht genug: Auch Apple, Google-Mutter Alphabet und Microsoft wurden an der Nasdaq in den letzten Tagen in Sippenhaft mit nach unten gezogen. Der Ausverkauf hat ebenfalls mit dem US-Präsidenten zu tun: Anleger treibt die Sorge vor einem Handelskrieg mit China um, unter dem die US-Techriesen überproportional leiden könnten, weil sie wie keine zweite Branche von einer weltweit vernetzten Wirtschaft profitieren.

Nachdem Donald Trump im März Strafzölle auf Stahl (25 Prozent) und Aluminium (10 Prozent) verhängt hat, konterte das Reich der Mitte gestern seinerseits mit Einfuhrzöllen auf gleich 128 US-Produkte – darunter Wein, Fleisch oder Früchte. Der Schritt wird zunächst als symbolische Vergeltungsmaßnahme gewertet, doch wenn Peking will, kann es fraglos in weitaus größerem Umfang die Muskeln spielen lassen.

Die Antwort aus Washington würde dann wiederum vor allem Anteilseigner von Internet- und Technologie-Unternehmen treffen. „Einige der Nasdaq-Werte halten sich ordentlich, aber wir sind einen Tweet davon entfernt, dass uns der Präsident in einen Nasdaq-Bärenmarkt schickt“, bringt CNBC-Marktkommentator James Cramer das Dilemma der langjährigen Zugpferde der Technologiebörse auf den Punkt.